Der Ort heisst Kindergarten

 

Ich bin nun ein gutes Stück gewachsen und somit auch ein bisschen älter geworden. Für mich ist das durchaus positiv aber für meine geplagte Mutter, welche zusammen mit meiner Oma mich und die ganze Haushaltung inklusive Bauernhaus am Hals hat und erst noch beim Telefonamt arbeiten muss damit Bares ins Haus kommt ist das Leben deshalb weiss Gott nicht einfacher geworden. Mir wurde es auch immer langweiliger zu Hause und ich vertrieb mir die Zeit oft mit dummen Streichen. Somit tagt wieder einmal der „Familienrat“ bestehend aus meiner Mutter, meinen beiden Onkeln Eduard und Arnold dem Oberdenker, welche immer nur das Beste (was auch immer damit gemeint war) für mich im Sinn hatte und bald ist  man sich auch einig, dass es wohl am besten sei, mich in den Kindergarten zu schicken.

Der Kindergarten in Trimbach befindet sich zu jener Zeit an der Baslerstrasse im ersten Stock des Lebensmittelladens Konkordia dessen Herrscher Herr Bruno Colpi war. Eines Morgens, ausgerüstet mit einem Umhängetäschchen, hat man mich doch wirklich, unter grösstem Protest meinerseits im Kindergarten bei Frau Gugelmann abgeliefert. Frau Gugelmann war ein älteres Fräulein und betrieb zusammen mit ihrer Schwester den Kindergarten, so gut es eben ging. Der Kindergarten und die beiden ebenfalls wurden von der katholischen Kirchgemeinde finanziert unter Mithilfe der Gemeinde Trimbach. Sie wurden aber so schlecht bezahlt, dass sie sich nicht einmal einen Besen leisten konnten um damit an Halloween auszufliegen. Aber sonst waren sie ganz in Ordnung, solange sie die Finger von meinem Vesperbrot liessen. Es kam schon vor, dass sie unter einem fadenscheinigen Vorwand meinen Kuchen konfiszierten, welchen mir meine Oma mitgegeben hatte um mir den Tag zu versüssen und um den sich einstellenden morgentlichen oder nachmittäglichen Hunger zu vertreiben.

Einmal habe ich Fräulein Gugelmann dabei beobachtet, wie sie im daneben liegenden Kämmerlein meinen Kuchen aufass. Damals war ich natürlich ausser mir vor Zorn ob dieser Gemeinheit, aber später wurde mir dann klar, dass das gute Fräulein Gugelmann einfach nur Hunger hatte und etwas zu Essen brauchte. Heute bin ich ihr nicht mehr böse und ich hoffe, dass sie im Himmel einen reich gedeckten Tisch vorgefunden hat. Gleichzeitig hoffe ich aber, dass sich die vollgefressenen Gemeinderäte von damals mit Wasser und Brot begnügen müssen, falls sie es überhaupt bis in den Himmel geschafft haben sollten, was ich aber eher nicht glaube. Den katholischen Dorfpfarrer nehme ich bei dieser Rüge nicht aus. Anstatt für die Armen zu sorgen ist er im Dorf herumgepilgert und hat die alleinstehenden Leutchen mit Hilfe von frommen Sprüchen und Heiligenbildchen ausgenommen.

Bei schönem Wetter war spazieren gehen angesagt und Fräulein Gugelmann trieb dann oft die ganze Horde Kinder in den nahe gelegenen Wald auf einen der grossen Spielplätze, wo gesungen, getanzt und Geschichten erzählt wurden. Auf dem Weg in den Wald oder zurück verlief  nicht immer alles reibungslos. Da wir im Sommer alle kurze Hosen trugen, kam es schon vor, dass einer meiner Kameraden, aus welchem Grund auch immer, in die Hose schiss. Es bildete sich auf dem Marsch hinter dem Schuldigen sofort eine grosse Lücke, denn es kam schon vor, dass ihm die Scheisse das Bein herunter lief und dies erzeugte abgesehen vom allgemeinen Gejohle unsererseits eine nicht unbeträchtliche Geruchsbelästigung, so dass man wirklich die besseren Karten hatte, wenn man weit vor dem Delinquenten marschieren konnte.  Fräulein Gugelmann, die Gute, war immer ausgerüstet mit reichlich Toilettenpapier und einer Flasche Wasser und befreite mit Hilfe ihrer Schwester den Unglücksraben von seinen Exkrementen. Da die Reinigung nur provisorisch sein konnte, blieb ein penetranter Klogeruch in der Luft hängen und wir andern riefen trotz Ermahnung unserer Chefin, im Takt unserer Schritte Hosenscheisser … Hosenscheisser … Hosenscheisser …

Denjenigen welchen es jeweils traf hatte weiss Gott nichts zu lachen denn Kinder haben ein gutes Gedächtnis, sind grausam und nachtragend.

Die Zeit im Kindergarten ging aber vorüber wie im Flug und ich gewöhnte mich an den Umgang mit andern Kindern, war aber immer noch extrem scheu, so dass der Familienrat wieder einmal anordnete, dass ich noch ein zweites Jahr den Kindergarten besuchen durfte oder musste, es war reine Ansichtssache. Ich wurde auch nicht um meine Meinung gebeten. Für ein weiteres Jahr waren sie mich auf jeden Fall wieder los.

Ich hatte einmal am Mittagstisch erzählt, dass Fräulein Gugelmann, von uns auch Tante Schuggi genannt, manchmal konfiszierte Äpfel und Kuchenstücke aufass, in der Hoffnung, dass meine Mutter mit dem Fräulein mal ein ernstes Wort reden würde. Aber weit gefehlt. Meine Mutter und meine Oma haben sich nur vielsagend angeschaut und den Kopf geschüttelt. Von da an wurde ich regelmässig mit meinem Cousin Urs und mit unserem hölzernen Leiterwägelchen auf dem sich ein grosser Holzkorb befand, gefüllt bis zum Rand mit Gemüse und Obst aus unserem unerschöpflichen Garten, zu den beiden Schwestern geschickt, welche im Oberdorf in einem windschiefen Häuschen im ersten Stock wohnten und dessen Holztreppe so steil war, dass man sich zu deren Bewältigung fast anseilen musste. Wie dem auch sei, die beiden Tantchen hatten immer eine riesige Freude ob unserer Lieferung und so brachten wir nun regelmässig etwas von unserem Ueberschuss unter die armen Leute. Auch Holundersirup, Konfitüre und Eingemachtes hatten wir im Ueberfluss. Unser Garten lieferte viel mehr  als wie essen konnten und die Grossmutter arbeitete stets auf Vorrat wie ein Hamster und das nicht zu knapp.

 

Nun, mein Cousin Urs und ich waren immer sehr knapp bei Kasse und als Bube hat man so seine Wünsche. So hatten wir bald die Idee, dass wir unsere Produkte eigentlich auch verkaufen könnten. Wir fragten also unsere Grossmutter, ob wir unsere heruntergefallenen Aepfel, Mirabellen, Birnen und Zwetschgen im Dorf verkaufen dürften. Nach anfänglichem Zögern gab sie uns die Erlaubnis und wir beluden unseren Leiterwagen abermals. Mit unserem beschränkten Angebot zogen wir nun von Tür zu Tür und boten unsere Produkte an. Vor Beginn unserer Aktion schauten wir natürlich, was unser Obst bei Herrn Colpi im Laden kostete und wir setzten die Preise Auf die Hälfte, geschäftstüchtig wie wir damals schon waren.

Das Geschäft lief gar nicht schlecht und wir verkauften was wir eben hatten. Eben..... das Problem war, dass uns die Leute auch nach anderen Produkten fragten wie zum Beispiel Gurken, Karotten, Salat und Kohl. Wir fragten also meine Grossmutter abermals um Erweiterung unseres Sortiments was sie aber vehement ablehnte. Nun, dumm waren wir nicht und obendrein zwei kleine Schlitzohren. Bei unserer nächsten Tour, besser gesagt davor, stand  mein Cousin Schmiere. Fallobst verkauften wir schon lange nicht mehr, eher  die Topqualität. Ich ging also in den Garten und klaute  ein paar schöne Gurken welche wir flux unter dem Obst versteckten bis wir ausser Sichtweite unseres Bauernhauses und vor allem ausser Sichtweite unserer Grossmutter waren. Nicht faul besuchten wir nun die Interessenten für Gurken, welche wir auch im Nu alle los wurden an diesem Nachmittag. Alles in allem, das Geschäft lief blendend und unsere Taschen waren nie mehr ganz leer wie vor unseren Aktionen.

Es war schon so, dass beim Nachtessen die Grossmutter meiner Mutter erzählte dass es irgendwie weniger Gurken und Karotten gab als letztes Jahr. Ich schaute angestrengt aus dem Fenster und liess mir nichts anmerken.

Urs und ich betrieben das Geschäft nun schon ein paar Wochen, da traf uns ein harter Schicksalsschlag. Beim sonntäglichen Kirchgang fragte eine Dorfbewohnerin meine Grossmutter, ob sie wohl wieder zwei Gurken liefern könnte. Meine Grossmutter war wie vom Donner gerührt, ich flüchtete nach Hause.

Nun, über das anschliessende Donnerwetter zu Hause möchte ich nicht sprechen, aber ich wusste danach, dass man früher den Dieben eine Hand abgehackt hat. In der Ausmahlung von Geschichten war meine Grossmutter noch nie zimperlich gewesen.

Unsere Goldgrube wurde per sofort zwangsgeschlossen und zwei Wochen unentgeltliche Gartenarbeit war für uns zwei Ganoven angesagt.

Urs und ich hatten also unsere ersten Erfahrungen als freie Unternehmer gemacht. Von der Zwangsgartenarbeit waren wir auch nicht reicher geworden und uns ging langsam das Geld wieder aus. Wir hatten uns eben schon an einen etwas höheren Lebensstandard gewöhnt, wenigstens in Bezug auf Kaugummi und Süssigkeiten. Wir hielten also krampfhaft Ausschau nach einer neuen, wenn möglich lukrativen Nebenerwebstätigkeit.

Nach einigen Tagen des Diskutierens und Herumhorchens bei unseren Freunden wurden wir wieder fündig. Allerdings mussten wir nun mit Konkurrenz rechnen, denn wir hatten Kollegen, welche auch einen Zustupf benötigten und nicht minder geschäftstüchtig waren als wir. Nun, wir hatten unser Fahrzeug in Form unseres Leiterwagens und das war ein immenser Vorsprung.

Mit unserem Leiterwagen im Schlepptau besuchten wir ausserhalb des Dorfes die stinkende und qualmende Abfallgrube. Dies war der Ort wo die Lastwagen den Müll unseres Dorfes deponierten und in diesem Müll verbarg sich unsere neue Geldquelle in Form von Eisen, Aluminium und Kupferdrähten. Der Gestank war anfangs fast unerträglich aber wir gewöhnten uns schnell daran wenn wir uns vorstellten was wir hier verdienen konnten.

Wir wühlten uns also mehr oder weniger systematisch durch den Abraum und alles was sich verkaufen liess wanderte auf den Leiterwagen. Eisenrohre waren schwer und brachten wenig, aber Aluminiumteile und Kupferdrähte brachten gutes Geld. Allerdings mussten wir bei den Kupferdrähten die Isolation abbrennen über einem Feuerchen und das qualmte und stank erbärmlich. Ein heutiger Umweltfreak hätte seine helle Freude an unserer Aktion gehabt. Sobald unser Leiterwägelchen beladen war ratterten wir damit ans andere Ende des Dorfes zum Alteisen-Meier. Es handelte sich um ein grösseres eingezäuntes Gelände, auf welchem sich mehrere Haufen nach einem mir unbekannten System verteilt befanden. Eine Alte mit einem Hund dessen Fell verfilzt war, herrschte über dieses  Imperium. Sie dirigierte uns jeweils zu einer grossen Dezimalwaage welche wir nacheinander mir unseren verschiedenen Altmetallen beluden. Sie wog alles, schrieb eine Quittung und griff dann endlich in die Kasse um uns den verdienten Betrag auszuhändigen. Viel war es nicht. Meistens so zwischen fünf und zehn Franken, welche wir brüderlich teilten. Nun, für uns war es aber jeweils ein kleines Vermögen.

Eines nachmittags erzählte mir Urs, dass hinter dem Restaurant Schiff eine alte Waschmaschine stünde, ganz aus Kupfer gefertigt, welche niemand mehr brauche. Bist du sicher, fragte ich. Ja, natürlich, meinte er, die steht schon ewig dort. Da Urs gegenüber vom Restaurant Schiff wohnte hatte wohl alles seine Richtigkeit, dachte ich. Wir fuhren mit unserem Leiterwagen hinter das Restaurant Schiff, wo das Ungetüm aus reinem Kupfer bereits auf uns wartete. Hastig wuchteten wir unseren Goldesel auf den Wagen und machten uns zügig aus dem Staub Richtung Alteisen-Meier. Wir schauten uns vielsagend an als wir achtunddreissig Franken ausbezahlt bekamen, machten Feierabend und gingen guter Dinge nach Hause.

Ich hatte das Nachtessen noch nicht ganz hinter mir, da kam Onkel Eduard, also der Vater von Urs, angerauscht wie ein angeschossener Eber. Ich wusste sofort, was es geschlagen hatte, war ich doch in meinem Innersten sicher gewesen, dass bei dem Waschmaschinendeal nicht alles in Ordnung war. Nach einer nicht zu knappen Strafpredigt musste ich mein Geld abgeben und der Onkel entfernte sich wutschnaubend, hatte ihm doch der Nachbar die Hölle heiss gemacht und ihm mit der Polizei gedroht. Dass  Urs eine gewaltige Tracht Prügel verabreicht bekam, erzählte er mir anderntags kleinlaut selber. Wir vereinbarten, unsere geschäftlichen Aktivitäten vorderhand einzustellen aber eine Woche später nahmen wir unsere Goldgräberaktionen wieder auf, nur diesmal besuchten wir wieder meistens mehr oder weniger legale Quellen. Nicht zu vergessen die Kaninchenfelle. Jedes Mal wenn ein Kaninchen auf dem Speisezettel stand, schnappte ich mir das Fell und fuhr mit meinem Fahrrad zu einem Fellhändler

der in Olten in einem Hinterhof logierte. Der schaute sich das Fell genau an, ob es keine Löcher aufwies. War der Test zu seiner Zufriedenheit erfolgt, langte er in seine Hosentasche und händigte mir vier Franken aus, das war Musik in meinen Ohren und leicht verdientes Geld obendrein.

Im Herbst ging ich jeweils mit Grossmutter am Nachmittag in den Wald um Pilze zu sammeln. Am Abend gab es dann immer ein feines Pilzgericht mit den gebratenen Pilzen und mit einer schönen Rahmsosse. Ich habe mal die Grossmutter gefragt, wie die Pilze heissen die sie einsammelt, sie wusste es nicht. Sie sagte mir nur, man sieht es den Schwämmerl an ob man sie essen kann oder nicht. Es musste stimmen, meine Grossmutter pflückte die guten Pilze mit schlafwandlerischer Sicherheit. Nie haben wir einen schlechten Pilz gegessen.

Der Wald war nebst dem Garten sowieso ein beliebter Aufenthaltsort für uns.

Wir sammelten Erdbeeren, Himbeeren und vor allem Brennholz. Wurde irgend wo Holz geschlagen vielen immer Unmengen von Aesten an welche wir mit Onkel Eduard und meinen beiden Cousins einsammelten und auf einen grossen Karren luden. Zu Hause angrkommen sägte der Onkel die Aeste in kurze Stücke und diese wurden dann in Form von schönen Holzbeigen hinter dem Haus aufgestapelt. Es war das kostenlose Futter für unsere Holzfeuerung im Winter denn unser alter Holzofen hatte einen unersättlichen Hunger.