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Gotte Lili

 

Gotte Lili war mit mir nicht verwandt, sondern die beste Freundin meiner Mutter und gleichzeitig auch meine Taufpatin. Sie war eine grosse Verehrerin meines Onkels Arnold und liess keine Gelegenheit und kein Familienfest aus, um ihm zu begegnen. Ihre Annäherungsversuche vielen leider nicht auf fruchtbaren Boden. Näher als auf Armlänge liess Onkel Arnold die Frau nicht an sich heran obwohl ich der Meinung war, dass es eine der attraktivsten Frauen war die ich damals kannte. Nun, Arnold meinte einmal: „Sie sieht nicht schlecht aus aber sie hat krumme Scheiche“, damit waren ihre Beine gemeint. Onkel Arnold hat zwar studiert, aber er ist ein Idiot, dachte ich für mich. Er bekam die passende Quittung zwanzig Jahre später in Form einer Blondine die ihn nur ausnahm, zwei Kinder in die Welt stellte und dann in Gümligen zum geschiedenen Bürgermeister zog.

Gotte Lili wohnt zusammen mit ihrer Mutter nur einen Steinwurf entfernt von unserem Bauernhaus auf einer kleinen Anhöhe. Ihr Vater war Wildhüter gewesen und zwei Jahren vor meinem zehnten Geburtstag gestorben. Er starb standesgemäss, mit Hilfe seiner Jagdflinte versteht sich, die ihm in diesem Fall zum letzten Mal gute Dienste leistete was man ihm umso weniger verdenken kann, wenn man seine Frau gekannt hat. Ein herrschsüchtiger Drachen, dem man nichts recht machen konnte. Noch schlimmer erging es dem kleineren Bruder von Gotte Lili mit Namen Ernst, meist Ernstli gerufen. Ich weiss nicht genau was Wirklichkeit und was Gerücht ist aber bei mir zu Hause hat man erzählt, dass Ernstli  in der Aare beim Schwimmen ertrank. Die Aare ist ein relativ grosser Fluss, der die Stadt Olten in zwei Teile trennt. In den Sommermonaten zählt sie zum Naherholungsgebiet von Trimbach und Olten, aber auf mich wirkte sie immer ein bisschen bedrohlich. Das kann natürlich auch daran liegen, dass ich nicht schwimmen kann. Als ich klein war wurde mir immer eingetrichtert, dem Fluss nicht zu nahe zu kommen. Besser wäre es gewesen jemand hätte mir das Schwimmen anständig beigebracht. Aber nicht so wie mein lieber Onkel Arnold eines schönen Sommertages in der Badeanstalt der Stadt Olten. Wir marschierten zusammen am Rand des tiefen Schwimmbeckens entlang, da meinte er, es wäre an der Zeit, dass ich endlich Schwimmen lerne. Onkel Arnold war ein hervorragender Schwimmer, der auch lange Strecken unter Wasser zurücklegen konnte. Er versetzte mir also einen gewaltigen Schubs, so dass ich in hohem Bogen ins tiefe Wasser flog. Ich wusste gar nicht wie mir geschah. Zuerst ging ich unter und nahm einen tüchtigen Schluck Chlorwasser, dann aber strebte ich dem Licht der Oberfläche entgegen und brach in lautes Geheul und Gehuste aus. Da die umstehenden Leute wohl dachten mein Onkel wolle mich ersäufen, zog er mich so schnell wie möglich wieder aus dem Wasser. Ich rannte zur Garderobe und von da aus ging ich schnellstens nach Hause. Ich erzählte die Geschichte brühwarm meiner Mutter und diese schimpfte ihren Bruder einen Idioten was meiner Meinung mehr als entsprach. Für mich war das Thema „Schwimmen lernen“ für alle Zeiten vom Tisch (dachte ich wenigstens).

Wie dem auch sei, in meiner Familie zirkulierte hartnäckig das Gerücht, Ernstli sei freiwillig aus dem Leben geschieden, was ich mir bei einem Kind in seinem Alter aber eher nicht vorstellen konnte.

Die Herrschsucht von Lilis Mutter kannte keine Grenzen und so war es weiter nicht verwunderlich dass, obwohl Lili gerne geheiratet hätte,  sie ein Single blieb und blind als alte Jungfer endete. Jeder Freund, den Lili mit nach Hause brachte, wurde von ihrer Mutter genau unter die Lupe genommen und fiel bei ihrer Prüfung unweigerlich durch, da doch ihre Tochter zu Höherem berufen war. Im Grunde genommen war sie jedoch eine kostenlose Haushaltshilfe und diese wollte sie natürlich um keinen Preis missen. Um ihre Tochter zu behalten war ihr wohl jedes Mittel recht.

Und es kam wie es kommen musste, als die Mutter endlich das Zeitliche segnete, war Lili nicht mehr ganz taufrisch und es fand sich kein passender Kandidat mehr. Soll doch der Teufel die Mütter holen, die ihre Kinder als persönliches Eigentum betrachten und sie  für ihre Machtspielchen und eigenen Interessen missbrauchen.

Lili war im Grunde genommen eine gute Seele, hatte eine top Figur und ein hübsches Gesicht, war intelligent und sprach mehrere Sprachen. Selbst nach ihrer Pensionierung im Spital Olten, wo sie als ehemals gelernte Krankenschwester die spätere Sekretärin des Chefarztes wurde und noch nach ihrer Pension aushilfsweise arbeitete, wurde sie schamlos ausgenützt. Ihrem Herrn Doktor Laube, den sie wie einen Halbgott verehrte, war jedes Mittel recht um sie für einen Hungerlohn Überstunden machen zu lassen und zwar so lange, bis ihre Augen so schlecht waren, dass sie schlussendlich erblindete. In meiner Jugendzeit gab es leider noch viele Halbgötter in weiss und Geschäftsinhaber, die sich nicht zu fein waren ihre Angestellten nach Strich und Faden auszunützen. Heute würde wohl jeder vernünftige Angestellte  bei seinem Lohnherren das Zitat des “ Götz von Berlichingen“  anwenden und sich nicht mehr ausbeuten lassen. Ich habe Gotte Lili noch ein paar Mal besucht. Sie hat von der Gemeinde Trimbach eine schöne Alterswohnung ausserhalb des Dorfes bekommen. Ich finde es gut, dass die Alterswohnungen und Altenheime früher immer am Rand der Agglomerationen gelegen waren. Die Leutchen können dann nicht abhauen, da sie meistens nicht mehr gut zu Fuss sind und einkaufen ist auch kein grosses Thema mehr, da man im Alter sowieso weniger isst, sei es weil man keinen Hunger mehr hat oder weil das Geld alle ist. Der Pfarrer ist ja motorisiert und so bereitet es ihm trotzdem keine Mühe bei den alten Leutchen die Spenden einzutreiben, wenigstens bei denen die noch ein bisschen was haben.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich Gotte Lili nur selten besuchte. Jedes Mal wenn ich bei ihr war ging es ihren Augen wieder schlechter und dann erblindete sie vollends. Dies beelendete mich dermassen, dass ich sie immer seltener besuchte. Wenn ich daran denke, wie gut sie immer zu mir war, tut es mir heute sehr leid, dass ich sie schlussendlich bis zu ihrem Tod nicht mehr gesehen habe. Ich weiss nicht einmal, wo sie auf dem Friedhof begraben liegt, aber das weiss ich ja von meiner Mutter auch nicht mehr und das fällt ins selbe Kapitel. Ich konnte es nie ertragen, wenn es Leuten schlecht ging und ich ihnen bei ihrem Leiden zusehen musste. Ich machte dann immer einen grossen Bogen um sie herum, als ob sie die Pest hätten und mich anstecken könnten. Der Bogen wurde umso grösser, je näher mir die Menschen standen.

Das Leid anderer aushalten, das konnte ich damals nicht und heute ist es zu spät.

Aber eines habe ich begriffen...... wozu Geld spenden oder in die Kirche tragen wo es meistens auf unergründlichen Wegen versickert. Es gibt genug Leute in unserer Umgebung denen man ab und zu ein bisschen helfen und unter die Arme greifen kann. Ich meine dass man auch keinen Dank erwarten soll denn es ist ein Gebot der Nächstenliebe den andern zu helfen.

Hier in Thailand wo fast alle Leute buddhistischen Glaubens sind ist es so, dass der Spender sich bedankt wenn der Mönch die Gaben annimmt. Sei das nun Essen oder Geld. Umgekehrt spielt es für einen Mönch keine Rolle ob er einem Menschen oder einem Tier etwas zu essen gibt. Für ihn sind alle Geschöpfe Buddhas.