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Onkel Arnold

 

Er ist der absolute Superstar in unserer Verwandtschaft. Er ist der Bruder meiner Mutter und somit auch der von  Eduard. Man kann sagen, meine Mutter und meine zwei Onkels sind drei Geschwister die wie Pech und Schwefel zusammenhalten. Auch Onkel Arnold ist auf unserem kleinen Bauernhof auf dem Hauenstein aufgewachsen. Leider war er schon in jungen Jahren zeitweise sehr krank, denn er hatte furchtbare Asthmaanfälle. Manchmal litt er dermassen unter Atemnot, dass mein Grossvater ein grosses Brett neben den Misthaufen schleppte, wo sich Arnold dann darauf legte und nach Atem rang. Meine Grossmutter hat mir später einmal erzählt, dass der Arzt gesagt hätte als er einmal vorbei kam um zu helfen: “Ich wollte er wäre ein Tier, dann könnte man ihn erschiessen“. Es gab aber Gott sei Dank auch gute Zeiten, in denen er auf dem Hof helfen oder für die Schule, die er oft krankheitshalber nicht besuchte,  lernen konnte. Dass er sehr intelligent war stand ausser Zweifel.

Arnold war der einzige in unserer Verwandtschaft der studieren konnte und wie mir später bekannt wurde, fliessend Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Latein und Altgriechisch sprechen konnte. Seine gute Schulbildung war aber auch immer ein Grund für einen lebenslangen Konkurrenzkampf zwischen ihm und seinem Bruder Eduard, der es nicht so mit der Schulbank hatte, aber dafür sehr geschickt war. Er war ein ausgezeichneter Handwerker, was man von Onkel Arnold mit seinen zwei linken Händen wiederum gar nicht behaupten konnte. Er studierte jedenfalls Jura in Bern, jedoch ohne je mit dem Doktortitel abzuschliessen. Ich vermute, dass wieder einmal Geldmangel die  Ursache dafür war. Kaum gab es die Gelegenheit, etwas zu verdienen, mussten die drei Geschwister ihre Eltern finanziell unterstützen, denn der Bauernhof und die Hufschmiede gaben nicht viel her. Mein Opa trank auch ab und zu ein Gläschen, manchmal auch eines zu viel, was die finanzielle Lage nicht unbedingt verbesserte. Oft traf er sich mit seinem Bruder Amade in der Kneipe zur Sonne und meine Grossmutter musste ihn spät abends heim dirigieren. Auch wenn ein Kunde in die Schmiede kam und seine Schmiedekunst dringend benötigte musste sie ihn holen. Er trickste meine Grossmutter regelmässig aus indem er dem Wirt sagte, er solle ihm ein bisschen Rotwein ins Schnapsglas mischen. Meine Grossmutter meinte natürlich immer ihr Alter würde Wein trinken.....aber es war eben ein Hochprozentiger.

 Nun, Onkel Arnold leistete reichlich Militärdienst bei den Gebirgstruppen, was seinem Hobby dem Bergsteigen und Klettern sehr diente und ihm schlussendlich auch noch die Beförderung zum Fourier einbrachte.

Fourier ist im Militär eine absolute Schlüsselposition, denn dieser kauft das Essen ein und verteilt den Sold, er ist sozusagen der Säckelmeister. Ab und zu, wenn Onkel Arnold nach Hause kam, füllte er die Bestände unserer Speisekammer mit allem was die Armee zu bieten hatte auf. Biscuits, auch Bundesziegel genannt weil sie so hart wie Dachziegel waren, Fleischdosen dessen Inhalt man bei uns im Militär unfein als gestampfte Juden bezeichnete, Büchsen mit Käse, Seife, Schreibpapier, Bleistifte und noch vieles mehr. Auf gut Deutsch, er klaute wie ein Rabe und wäre ihm die Armee je auf die Schliche gekommen, so sässe er wohl heute noch im Gefängnis. Viele dieser Schätze wurden in unserer Scheune auf dem Heuboden gelagert und von Zeit zu Zeit durchstöberte ich das „Warenhaus“. Ich bediente mich ein bisschen an dem Ueberfluss und verkaufte mein Raubgut in der Schule an meine Freunde.

Onkel Arnold, von mir nur Götti genannt, arbeitete nun als Jurist bei der Armee im Generalstab, zuerst in Genf, danach eben im Bundeshaus in Bern. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mich meine Mutter einmal mitgenommen hat. Wir machten einen Ausflug nach Bern ins Militärdepartement wo Onkel Arnold arbeitete. In den heiligen Hallen und Gängen wimmelte es nur so von Divisionären, Majoren, Obersten und sonstigen hochrangigen Beamten. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und grüsste alle ganz höflich. Die hohen Beamten waren eigentlich ganz freundlich, wenn auch einige davon ein bisschen versoffen aussahen. Anschliessend durfte ich mit meiner Mutter in Bern einkaufen gehen.

Zuvor jedoch zeigte mir meine Mutter den Bärengraben.

Die erste überlieferte Nachricht von einem Bärengraben in Bern beim Käfigturm datiert aus dem Jahr 1857. Er wurde in jenem Jahr eröffnet und 1925 mit einem kleineren Graben für die Aufzucht von Jungtieren ergänzt. Die Stallungen wurden in den 1970er-Jahren saniert. Der Bärengraben ist ein Teil des Berner Tierparks Dählhölzli, der sich etwa zwei Kilometer südwestlich ebenfalls an der Aare befindet.

Der Bärengraben stand wiederholt im Fokus der Tierschützer, deren Kritik sich auf die nicht artgerechte Tierhaltung bezog. In der Zeit von 2004 bis zur Eröffnung des Bärenparks im Oktober 2009 wurden deshalb die Haltungsbedingungen wesentlich verbessert. Die Anzahl der Bären wurde verringert und der Bärengraben selbst vergrössert. Ausserdem wurden Klettermöglichkeiten geschaffen. Der neben dem Bärengraben liegende Aarehang wurde in eine grosszügige Naturanlage umgestaltet, die Bären wurden aus ihrem ummauerten Graben entlassen und können sich das ganze Jahr  in einer über 6000 Quadratmeter grossen Freianlage bewegen, die vom Ufer der Aare nur durch den Besucherweg getrennt ist. Entgegen ersten Planungen blieb der gegenwärtige Bärengraben, der sich schon 1857 an seinem jetzigen Standort bei der Nydeggbrücke befand und im Bundesinventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung sowie auch  in der höchsten kantonalen Schutzkategorie figuriert, den Bären erhalten. Der grosse Graben ist durch einen Tunnel mit dem Park verbunden. Der kleine Graben ist nicht mehr Teil der Bärenanlage, sondern steht der Öffentlichkeit für Anlässe zur Verfügung. Die neue Anlage wurde am 22. Oktober 2009 offiziell eingeweiht und ist seit dem 25. Oktober für Besucher zugänglich.

Nun, ich hatte Spass an den drolligen Bären. Ich durfte den pelzigen Tieren Karottenstücke zuwerfen und ihnen beim Schwimmen zuschauen. Als mir nach einer halben Stunde langweilig wurde und ich meinte, nun alles gesehen zu haben, pilgerten wir in die Stadt.  Selbst als kleiner Bub stellte ich fest, dass Bern eine wunderschöne Altstadt hatte. Es gab tolle Arkaden und viele, viele Läden in denen man alles Mögliche kaufen konnte. Meine Mutter zog mich in einen Laden der, glaube ich, PKZ hiess und dort gab es ein  Paar kurze Hosen für mich. Daraufhin musste ich mit zum Kleider Frey, das war aber nicht so schlimm. Ich bekam dort noch ein Paar lange Hosen verpasst, aber anschliessend durfte ich von der sich dort befindlichen Schiessanlage Gebrauch machen. Diese war mit nagelneuen Luftgewehren bestückt und ich traf sogar die Scheibe ab und zu und so erhielt ich am Schluss des Schiessprogramms ein Diplom. Mit hohlem Kreuz trug ich den Kartondeckel, auch Scheibe genannt,  stolz vor mir her und ich hätte diese Trophäe um keinen Preis der Welt mehr hergegeben.

Ich träumte so vor mich hin, wie ich bald mit Hilfe eines Gewehrs alle bösen Räuber der Welt vernichten würde, da brachte mich meine Mutter unmittelbar wieder in die Gegenwart zurück indem sie mir ihre Uhr vor die Nase hielt. Die bösen Zeiger standen schon auf fünf   Uhr und so eilten wir in gestrecktem Galopp dem Bahnhof zu. Der Schaffner stand schon neben der Türe als wir das Treppchen zum Waggon hochkletterten. Meine Mutter fuhr ihre spitzen Ellenbogen aus und ergatterte für uns einen Fensterplatz. Kaum sassen wir auf unseren Plätzen, blies der Schaffner mit dem roten Hut schon in seine Pfeife und der Zug setzte sich in Bewegung. Eine Weile schaute ich noch halbherzig durch das Zugfenster auf dem sich unterdessen eine fette Fliege niedergelassen hatte und irgendetwas suchte, was auch immer, ich wollte es nicht wissen. Dann schlief ich müde aber glücklich in meiner Ecke ein und träumte wieder von der Vernichtung aller bösen Räuber.

Onkel Arnold besucht uns manchmal am Wochenende und dann geht er gerne wandern. Ich darf meistens mit, denn ich bin schon gut zu Fuss und ein paar Stunden wandern sind für mich kein Problem. Wir gehen meistens querfeldein und das gefällt mir. Onkel Arnold hat dann seinen Fotoapparat und seinen Zeiss-Feldstecher dabei um Vögel zu beobachten. Oft wandern und klettern wir zusammen im felsigen Jura. Gott sei Dank ist meine Mutter nicht dabei. Sie würde wohl einen Schreikrampf bekommen, sähe sie uns nahe am Abgrund wie wir auf den Kreten herumturnen und Onkel Arnold versucht mir die Grundlagen des Kletterns beizubringen, ohne Seil versteht sich. Mein Onkel erzählt mir immer interessante Geschichten aus der griechischen Mythologie und von Archimedes, Euklid, Pythagoras, Diogenes und anderen verrückten Griechen. Auf dem Hauenstein kehren wir dann meistens im Restaurant Sonne ein, da gibt‘s für mich einen sehr grossen Apfelsaft und frisches Bauernbrot. Arnold bekommt ein Bier und steckt eine seiner stinkenden Brissago-Zigarren in Brand. Als er mal auf dem Klo war hab ich auch an dem Stängel gezogen aber ausser einem furchtbaren Hustenanfall habe ich keine Wirkung festgestellt. Am Ende der Wanderung geht es dann wieder auf der alten Römerstrasse den Hauenstein hinunter, dann vorbei am Restaurant Rankbrünneli, dem Treffpunkt der Schweizer Biker und dann sind wir auch schon bald am Dorfrand von Trimbach. Von da ist es nicht mehr weit bis zu unserem Bauernhaus im Zentrum des Dorfes. Am Sonntagabend nach dem Essen war es dann Zeit dass sich Onkel Arnold wieder nach Bern bewegte damit er am Montagmorgen nicht zu spät zur Arbeit kam.