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Onkel Eduard

 

Onkel Eduard oder auch Edi, wie er allgemein gerufen wurde, war ein typischer Ehemann und Handwerker, zuverlässig und fast immer freundlich zu allen Leuten. Seine Frau, meine Tante, hiess Elsa wurde Elsi gerufen. Aufgewachsen in Landschlacht am Bodensee, als Tochter einer Bauern- und Berufsfischerfamilie, war sie von Gestalt hager, energisch und mit einer etwas schrillen Stimme ausgerüstet. Die beiden wohnten mit ihren beiden Söhnen Urs und Peter, also meinen Cousins,  ein paar Steinwürfe von uns entfernt. Da mein Vater nicht mehr bei uns wohnte, aus welchem Grund auch immer, teilte sich der Rest der Verwandtschaft meine Erziehung und jeder wusste es besser, wie das halt eben so ist. Onkel Eduard war für die alltäglichen Belange wie den Unterhalt unseres alten Bauernhauses, Reparaturen und schwere Gartenarbeiten wie Bäume fällen und Holz spalten zuständig. Tante Elsi gefiel es gar nicht dass Onkel Eduard bei uns ein und aus ging, sie mochte weder meine Grossmutter noch meine Mutter besonders, was, wie schon gesagt, auf Gegenseitigkeit beruhte und manchmal mit spitzen Bemerkungen unterstrichen wurde. So blieben dauernde Sticheleien und Gehässigkeiten auf beiden Seiten nicht aus. Ich selber litt allerdings darunter nicht gross, denn ich ergriff natürlich immer Partei für meine Mutter und für Grossmutter. Ich wuchs mit meinen Cousins fast wie mit zwei Brüdern zusammen auf,  ausser dass wir eben nicht am selben Ort wohnten. Eines wurde mir aber zwischendurch immer wieder schmerzlich klar: Onkel Eduard war nett zu mir aber halt nicht mein Vater und diesen vermisste ich schon. Manchmal bewusst und manchmal wohl eher im Unterbewusstsein.

Onkel Edi arbeitete bei der Bahn und bekam deshalb Freikarten und konnte ganz umsonst Eisenbahn fahren. Ich durfte oft mit und dann ging es in die Heidelbeeren irgendwo in der Innerschweiz, im Herbst in die Pilze oder auch manchmal ohne Bahn in die Walderdbeeren, die auch in unserer Region reichlich wuchsen. Es war immer ein Highlight, wenn ich mit meinen Cousins im Wald herumtoben konnte. Anschliessend entfachten wir meistens ein Feuer, brieten eine Wurst und liessen es uns gut gehen.

Onkel Eduard ging auch oft ins Schwimmbad mit seinen Kindern. Ich dagegen war ein überaus ängstlicher Knabe und nahm an sportlichen Aktivitäten selten teil. Meine Mutter und meine Grossmutter hatten immer Angst es könnte mir etwas passieren und dank dieser negativen Grundhaltung lernte ich weder Schwimmen noch Skifahren. Um es auf den Punkt zu bringen, Sport war bei mir zu Hause kein Thema.

Onkel Eduard und sein Bruder Arnold mochten einander oder auch nicht, so genau wusste man das nie. Ich glaube, es war eher eine Art Hassliebe. Ich denke, auch Elsi hatte Probleme mit Arnold, war er doch studiert und Eduard eben nicht und das verursachte eine gewisse Eifersucht.

Auf jeden Fall hörte ich meine Tante oft wie sie giftelte wenn man auf Arnold zu sprechen kam und er nicht anwesend war. Kam Arnold zu Besuch, vergass er nie, ein paar passende Bemerkungen zu machen die seine geistige Überlegenheit deutlich hervorhob. So standen die beiden Brüder in ständigem Kampf wer wohl der Intelligentere war. Ich wusste auch wer der Schlauere war und das war nicht mein Onkel Arnold. Man munkelte auch, Arnold hätte Eduard bei der Bewerbung und Aufnahmeprüfung bei der Eisenbahn tüchtig unter die Arme gegriffen und für ihn unter anderem das Bewerbungsschreiben verfasst.

Ich denk heute, dass beide nicht besonders glücklich waren. Eduard war bei seiner Frau unter der Knute und Arnold war ein Einzelgänger der sich zu Höherem berufen fühlte, aber dazu reichte es halt doch nicht ganz. Auch wenn man mit einem Professor per Du ist heisst das noch lange nicht dass man auch in der gleichen Liga spielt.

Für mich spielte solches Geschwätz keine Rolle. Ich freute mich immer, wenn Onkel Eduard auf unserem stillgelegten Bauernhöfchen mitten im Dorf Bäume fällte, Holz sägte und spaltete oder irgendetwas reparieren musste. Es kam auch schon mal vor, dass wir mit dem langen Schöpfer in der Jauchegrube Grossmutters Brille suchen mussten, die ihr dummerweise ins Klo gefallen war. Wir fanden sie auch immer wieder in der stinkigen Jauchegrube. Bei allen Arbeiten war ich oft der Handlanger meines Onkels und ich lernte dabei viel, denn faul war ich meistens nicht.