Peppermint wird erwachsen

Ich war ja überglücklich als ich mit Peppermint eine hübsche Stieftochter bekam nach dem meine leibliche Tochter nicht mehr mit mir redet seit ich vor fast acht Jahren meine Thai Frau Passamontr geheiratet habe.

Mint ist wirklich intelligent soweit ich es beurteilen kann. Sie ist auf jeden Fall immer an der Spitze wenn Noten oder Beurteilungen verteilt werden an der Uni.

Manchmal, wenn sie Zeit und Lust hat besucht sie uns hier in Prachuap. Mit dem Minibus ist das kein Problem und teuer ist es auch nicht aber die Reise dauert halt schon jedes mal gute vier Stunden. Mint, so wird sie von ihrer Mutter gerufen, hat bei uns ein eigenes Zimmer mit Douche und WC und lebt hier wie im Hotel. Mit körperlicher Arbeit hatte sie allerdings bis jetzt nicht viel am Hut und so ist der Streit mit ihrer Mutter oft nicht zu vermeiden und dann fliegen die Fetzen. Ihre Mutter ist der Meinung dass es ihr nicht schadet ein bisschen im Haushalt und im Garten zu helfen statt den halben Morgen zu verschlafen und dann auf dem PC oder dem Handy herum zu tippen. Die Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Tochter haben es in sich und so ist es schon vorgekommen dass Mooki den Reisekoffer von Peppermint samt Kleider im ersten Stock aus dem Fenster geworfen und sie zum Teufel geschickt hat.

Für mich ist das immer eine blöde Situation den ich stehe dazwischen und versuche zu schlichten so gut es geht. Allerdings oft nur mit mässigem Erfolg. Einerseits will ich meiner Frau nicht in den Rücken fallen da sie ja nicht ganz Unrecht hat mit ihrem Unmut. Anderseits versuche ich, meine geliebte Tochter in Schutz zu nehmen und ihr ein bisschen Rückhalt und Familie zu vermitteln damit sie auch das Gefühl hat einen Vater zu haben. Ihre Mutter hasst sie manchmal richtig und macht sie für ihr bisher gehabtes schlechtes Leben in Armut verantwortlich was leider auch verständlich ist.

Ihr Mann verstarb relativ früh an Krebs und so war sie auf sich allein gestellt. Sie hatte zwar eine sichere Stelle an der Universität in der Finanzverwaltung aber die Löhne waren schlecht und das Unheil nahte in Form ihrer Tochter. Die Tochter, eben gerade achtzehn Jahre alt geworden, lieh sich das Auto der Mutter und wie es das Unglück wollte rammte sie einen Motorradfahrer welcher den Vortritt auf einer Kreuzung missachtete. Der Motorradfahrer war sofort tot. Die ganze Sache kam vor Gericht und hier bezahlt meistens der Stärkere für den Schwächeren wenn er sich keinen teuren Anwalt leisten kann. Also war die Autofahrerin schuld. Peppermint wurde zur Zahlung einer hohen Summe verurteilt welche sie natürlich als Studentin nicht bezahlen konnte. Bei nicht bezahlen drohte ihr das Gefängnis und damit wäre auch das weitere Studium nicht mehr möglich gewesen. Um dies alles zu verhindern musste meine Frau für die Kosten gerade stehen. Sie musste alles verkaufen was sie hatte. Das Auto, das alte Haus, ihren Schmuck. Eigentlich alles bis auf die Unterhosen. Jeden Monat musste sie obendrein noch einen Teil ihres Lohns an den Staat abliefern und noch einen Kredit aufnehmen bei der Hausbank ihres Arbeitgebers um die bestehenden Schulden zu begleichen.

Die beiden wohnten von nun an bei einer Tante auf dem Dachboden eines uralten Hauses. Die Tante war nicht als sehr freundlich und umgänglich bekannt. Dazu war sie noch ziemlich alt und Mooki hatte nun noch eine weitere Person auf welche sie achtgeben musste. Mit sehr wenig Geld fristeten sie ihr Leben so recht und schlecht und dazu kam noch die Pubertät der Tochter. Mint war rebellisch und unzufrieden. Sie stritt sich viel mit ihrer Mutter. Mit ihren Freundinnen zog sie ab und zu in Bangkok herum und haute auch manchmal tüchtig auf den Putz. Peppermint ist nicht nur sehr gut aussehend sondern auch zweifelsfrei ausnehmend intelligent. Aber zu dieser Zeit war sie rebellisch wie ein Maulesel.

Das ging so eine Zeit lang bis sie eines Tages nach Hause kam und ihrer Mutter beichtete dass sie schwanger sei und eine Tochter erwartete. Der Vater war ein junger Arzt aus gutem Haus aber eben ein Idiot welcher nicht aufgepasst hatte beim Sex.

Bald nach der Geburt nahmen die Grosseltern, auch eine Arztfamilie, Gott sei Dank das Enkelkind bei sich auf und versorgten es gut. Alle paar Monate besuchte Peppermint von nun an ihre Tochter um den Kontakt nicht ganz zu verlieren.

Als Schwangere wurde Peppermint von der staatlichen Uni verwiesen, so lautet das Gesetz in Thailand. Es war genau die Zeit als ich Mooki kennen lernte und nach Thailand auswanderte. Ich war angenehm geschockt als ich Peppermint zum ersten Mal sah. So eine schöne junge Frau hatte ich bis jetzt höchstens im Kino gesehen. Sie war scheu aber als ich mit ihr ein bisschen ins Gespräch kam merkte ich sofort dass sie nicht dumm  aber vielleicht ein bisschen verrückt war, wie ich auch. Ich fand sie hätte Potential f[r die Zukunft und ich hatte nicht die Absicht sie ihrem Schicksal zu überlassen. Als erstes adoptierte ich sie, das geht in Thailand. Für eine Adoption in der Schweiz war sie leider zu alt. Aber da ich sowieso nicht die Absicht hatte der Schweiz wieder zur Last zu fallen war mir das egal.

Da ich es mir leisten konnte und auch wollte und ihr Baby bei den Schwiegereltern aufwuchs und gut versorgt war, schickte ich sie an eine private Universität in Bangkok damit sie ihr zweites angefangenes Bachelor Zertifikat beenden konnte. Ich wollte nicht dass sie, nur weil sie und ihre Mutter kein Geld hatten in der Armut strandete. Die ganze Aktion war nicht ganz billig. Ich komme also für alle Unkosten auf wie Wohnung, Verpflegung und sonstige Studienkosten. Da man bekanntlich kein Geld mitnehmen kann wenn man stirbt sei das eine gute und sinnvolle Investition dachte ich.

 

Peppermint wohnte zusammen mit einer Freundin und verkaufte halbtags Klamotten in dem kleinen Laden den ihre Freundin nebenbei betrieb. So konnte sie sich zusätzlich zu dem Geld welches ich ihr jeden Monat gab noch ein Taschengeld dazu verdienen und sich einigermassen über Wasser halten. Ich steckte ihr auch meistens hinter dem Rücken ihrer Mutter etwas zu wenn sie auf Besuch kam. Auf die Länge gesehen war das aber keine Lösung. Wir setzten uns also bald einmal zusammen und machten einen Plan für ihre Zukunft und besprachen das nötige Budget.

Zuerst mieteten wir eine kleine Wohnung in einem Kondominium in Bangkok in Form einer Zweizimmerwohnung mit Küche. Es war eine bewachte Einrichtung und hatte auch einen Fitnessraum und einen schönen Pool zum Schwimmen. Gleichzeitig schrieb sie sich auf meinen Wunsch an einer der besten privaten Uni für Wirtschaftslehre ein mit dem Ziel als MBA zu graduieren. Gut, die ganze Geschichte war teuer, aber ich wollte es unbedingt so und die Investitionen dauerten ja nicht ewig. Ich wollte einfach beweisen dass man auch etwas werden kann wenn man im Sumpf starten muss. Immer vorausgesetzt man hat Geld.

Nun, mein kleines Sumpfhuhn ging natürlich immer noch auf Partys ab und zu. Meine Frau fand das weder lustig noch nötig und nahm sie immer wieder ins Gebet. Aber ich war auch einmal jung und habe gelegentlich tüchtig gefeiert. Ich beruhigte meine Frau immer wieder so gut es ging. Sie wusste zwar dass man mit Geld hier fast alle Probleme lösen kann … aber sie hatte ja nie welches gehabt.

Der Weltuntergang kam eines Abends in Form eines Telefonanrufs. Peppermint war am anderen Ende und teilte unter Tränen aufgelöst mit, dass sie im Gefängnis sass. Am Telefon berichtete die Polizei dass Peppermint Drogen konsumiert hatte und das ist in Thailand ein Kapitalverbrechen. Ich schickte also Mooki umgehend mit dem nächsten Taxi-Bus nach Bangkok um mit dem Richter zu verhandeln. Was war passiert? Mint ging mit Freundinnen in eine Disco um zu tanzen. Jemand musste ihr, als sie auf der Tanzfläche war, etwas in den Drink gekippt haben. Ich war mir ganz sicher dass Mint keine Drogen nahm. Ich bin mir aber fast sicher dass sogar jemand von der Polizei die Drogen verteilt hatte um einen grossen Fischfang zu machen. Mooki suchte also das Gefängnis auf und fand Peppermint total in Tränen aufgelöst. Sie musste in der Zelle mit fünfzehn anderen Frauen schlafen auf dem Betonboden. Ohne Decke und ohne Kissen. Sie wurden beide zum zuständigen Richter gebracht und Mint musste sich noch einmal eine Strafpredigt anhören. Der Richter meinte, gegen eine tüchtige Kaution könne meine Frau ihre Tochter gleich wieder mitnehmen. Meine Frau rief mich sofort an und fragte mich um Rat. Ich befahl ihr, sofort auf die Bank zu gehen um das Geld zu besorgen und sie solle ja nicht nach einer Quittung fragen. Ich wollte Peppermint nicht in einer vergammelten Zelle schmoren lassen. Sie musste sich vier Wochen lang jeden Tag auf der Polizeiwache melden und jeweils einen Urintest machen zur Drogenkontrolle. Von der Kaution sah ich nie wieder etwas.

Beim nächsten Besuch bei uns zu Hause sagte sie mir dies alles täte ihr leid und heulte nochmals eine Runde. Das Mädchen tat mir zwar leid aber ich liess mir nichts anmerken. Ich sagte ihr nur, dass ich hoffe sie hätte aus diesem Vorfall etwas gelernt für die Zukunft.

So verging die Zeit. Tag für Tag, Woche für Woche. Peppermint ging zur Uni, schrieb ihre Arbeiten und lernte nebenbei fleissig Englisch in einem Englisch-Institut welches wir zusammen ausgesucht hatten.

Ich stellte bald fest, dass Lernen für Peppermint nicht nur kein Problem war sondern dass es ihr langsam auch Freude bereitete und sie auch sehr clever war. Sie hatte scheinbar ihre Bestimmung gefunden und wechselte von der ewigen Rebellin zur fleissigen Studentin über. Ihre Prüfungsarbeiten waren immer bei den besten zu finden und wie mir schien hatte sie auch Visionen für die Zukunft.

Es stellte sich bald heraus dass sie auch sehr geschäftstüchtig war. Eine ihrer Freundinnen eröffnete zu dieser Zeit mit ihrem Freund eine grosse Freiluftbar in Bangkok. Die Bar lief nicht schlecht aber auch nicht gut denn gleich gegenüber auf der anderen Strassenseite gab es eine zweite Bar die ihr Konkurrenz und somit das Leben schwer machte. Nun, die Freundin bat Peppermint um Hilfe. Peppermint sagte nach einigem Zögern zu und half jeweils drei Tage pro Woche am Abend bis nach Mitternacht um den Betrieb kennen zu lernen. Sie überprüfte das Konzept, machte Buchhaltung und servierte um mit den Kunden in Kontakt zu kommen.

Zwei Wochen später machte sie ihrer Freundin einen Vorschlag um das Konzept zu ändern. Diese willigte nur zögernd ein. Die Freundin war nicht reich und eine neue Investition war für sie ein grosses finanzielles Risiko. Peppermint ging also einkaufen und krempelte die Bar um. Es gab nun für die Nachtstreuner heisse Suppen mit Einlagen, serviert in einem hübschen Keramiktopf. Den Topf durften die Kunden mitnehmen und behalten oder die Suppe gleich in der Bar  essen und den Topf trotzdem mit nehmen. Das Konzept schlug ein wie eine Bombe es war ein richtiger Renner. Innerhalb von zehn Tagen hatte Peppermint den Umsatz verdoppelt und es ging nur noch aufwärts. Zum Leidwesen der Konkurrenz. Die Bar auf der anderen Strassenseite musste nach kurzer Zeit schliessen. Sie hatte fast keine Kunden mehr.

Die Zeit verging nun wieder wie im Flug. Mint war mit ihrem Studium fast fertig und nun hiess es eine Diplomarbeit zu schreiben, hier genannt Thesis.

Peppermint diskutierte mit ihrem Professor an der Uni. Da ich zu dieser Zeit mit der Weinproduktion meines Ananasweins startete schlug Mint dem Professor vor, eine Marktanalyse zum Weinkonsum in unserer Region zu machen. Nachdem der Professor mehrere Flaschen meines neuen Weines mit seinen Kollegen verkostet hatte war er mit dem Vorschlag einverstanden und Peppermint startete ihre Marktanalyse. Sie entwarf und druckte Fragebogen und wir engagierten drei ihrer Freundinnen als Helferinnen und mieteten für drei Tage ein Auto mit Fahrer. Dann ging es ab nach Hua Hin, einem nahe gelegenen Touristenort. Die Datenerhebung war eine Knochenarbeit. Peppermint und ihre Helfer besuchten für ihre Befragung Hotels, Kneipen und waren auch in der Fussgängerzone fleissig unterwegs. Als die drei Tage um waren blieben von den fünfhundert Fragebogen nur noch wenige unbeantwortet übrig. Die erste Arbeit war getan. Nun kam der

Computer zur Anwendung und die Fragebögen wurden nach vorher festgelegten Kriterien ausgewertet und eine Statistik erstellt und Mint erstellte die Statistik.

Peppermint war nicht unglücklich als sie nach drei Wochen die Studie endlich abliefern konnte. Der Professor verlangte noch ein paar kleine Änderungen, dann war die letzte Arbeit getan und nun hiess es warten und Fingernägel kauen bis die anderen Studenten auch soweit waren mit ihren Arbeiten.

Es dauerte wieder eine geraume Zeit. Endlich, es war schon nach Weihnachten als der Bericht kam dass nun alle Studenten des Jahrgangs fertig seien mit ihrer Diplomarbeit und die Abschlussfeier vor der Türe stehe.

Wie es der Zufall so wollte war zu dieser Zeit gerade mein Sohn Christoph bei uns  zu Besuch in Thailand. Also pilgerten wir zu dritt am darauf folgenden  Freitag an die Uni in Bangkok um Peppermint an ihrem grossen Tag bei der Feier zu begleiten. Es waren sehr viele Leute anwesend. Man hatte das Gefühl man sei an einem Volksfest. Überall gab es Blumenstände mit schönen Gebinden und Blumensträussen und ich kaufte für Peppermint den schönsten  und grössten Blumenstrauss den ich finden konnte. Die Promovierung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, denn die Leute hätten auch im grossen Auditorium keinen Platz gefunden. So liefen wir halt ein bisschen in der Gegend herum, standen von einem Bein aufs andere und warteten. Es dauerte eine gute Stunde bis sich die Türen des Auditoriums endlich öffneten. Dann kamen sie alle heraus, die gekrönten Häupter. Man hatte allen eine lange schwarze Robe verpasst und auf dem Kopf trugen sie den obligaten schwarzen viereckigen Deckel mit der schwarzen Quaste auf der Seite. Mein Sohn fotografierte ohne Ende um alles festzuhalten. Da endlich sah ich Mint mitten im Getümmel. Sie sah wunderschön aus in ihrer schwarzen Robe. Ich bahnte mir rücksichtslos einen Weg durch die Menge Richtung Mint. Auch sie sah mich und eilte auf mich zu. Ich wollte ihr den Blumenstrauss geben aber sie fiel mir in die Arme und heulte herzerweichend. Als sie sich ein bisschen beruhigt hatte schluchzte sie und meinte sie hätte nie gedacht dass sie es schaffen würde und zeigte mir stolz ihr Diplom. Darauf stand ihr Namen Irachaya Della Valle, darunter ein paar Worte in Thai die ich nicht verstand, und wiederum darunter  in der Mitte „ summa cum laude“. Das verstand ich allerdings denn ich hatte mal Latein in der Schule. Ich stand da wie vom Donner gerührt. Nun liefen mir auch die Tränen herunter. Ich war so stolz auf meine Tochter und freute mich unsäglich für sie. Nun endlich konnten wir ihr unseren Blumenstrauss überreichen. Leider mussten wir uns bald darauf wieder trennen den nun gab es Fototermine und anschliessend begann es eine grosse Feier für die Absolventen. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag im Hotel zum Frühstück.

Mint erschien auch pünktlich zum Frühstück aber ihre Schlitzaugen liessen darauf schliessen dass sie in der vergangenen Nacht nicht allzu viel geschlafen hatte.

Wir gingen mit Mint und Christoph noch ein bisschen auf Einkaufstour in Bangkok. Mint bekam schöne neue Schuhe welche sie sich schon lange gewünscht hatte und Christoph bekam die neusten Laufschuhe von Adidas. Ich und Mooki kauften nichts. Wir kauften meistens billig zu Hause auf dem lokalen Markt ein. Nach dem gemeinsamen Nachtessen trennten sich unsere Wege wieder. Mint hatte noch viel zu erledigen und wir mussten auch nach Hause um nach unseren Hunden zu sehen und um die Handwerker zu kontrollieren welche mit dem Bau eines  Pools beschäftigt waren.

 

Nun kam schon das nächste Problem auf uns zu. Sollte sich Peppermint nach einer Stelle umsehen und wenn ja, wo? Mint meinte ja und wollte eine Stelle in Bangkok suchen um mir nicht mehr zur Last zu fallen. Ich sagte aber nein. Mit diesem teuren Studienabschluss wollte ich nicht, dass sie in Thailand für einen Hungerlohn arbeiten ging und wir beschlossen somit die Flucht nach vorne. Ich schlug Peppermint vor ins Ausland zu gehen um anständig Englisch zu lernen. Ich schaute im Internet nach und fand eine Unzahl an Möglichkeiten. Billig waren sie alle nicht. Da gab es England, Malta und USA und viele andere Orte kamen auch in Frage. Ich liess mir einige Angebote zuschicken. Was ich in den Unterlagen las sah alles gut aus, befriedigte mich aber doch nicht ganz.

Peppermint wollte nicht nach England. Sie hatte gehört dass Thais dort nicht willkommen waren. Sie meinte sie würde gerne nach Australien gehen weil dort schon eine Freundin von ihr Englisch lernte. Ich merkte schon dass sie von einem Auslandaufenthalt nicht begeistert war, je näher der Termin rückte. Ich liess aber nicht locker und schickte sie zu einem Reisebüro für Sprachreisen in Bangkok. Wir bekamen auch bald ein passendes Angebot aus Melbourne. Mint rief mich an und meinte wir vergessen die ganze Sache denn ein halbes Jahr sei nicht genug. Die Kurse dauern mindestens ein Jahr und das sei zu teuer. Ich liess aber nicht mehr locker und nötigte sie sich endlich anzumelden. Ein Jahr sei für mich in Ordnung. Knurrend und mehr meinem Druck als ihrer inneren Überzeugung gehorchend willigte sie ein. Ich merkte genau, sie hatte Angst allein nach Australien zu reisen. Das Büro schickte mir die Unterlagen. Ich bezahlte die Rechnung und der Reiseveranstalter besorgte nun das Visum für Australien und das Flugticket. Mint brauchte einen neuen Pass und auch die Beschaffung der anderen Dokumente war zeitraubend. Aber schlussendlich waren alle nötigen Unterlagen beisammen.

Der Tag der Abreise rückte näher. Wir fuhren nach Bangkok um Mint zum Flughafen zu begleiten. Im Vorfeld der Abreise hatte sie die Wohnung gekündigt, einen Minibus gemietet und den ganzen Krempel bei uns eingelagert. Sie wohnte nun für ein paar Tage bis zum Abflug bei einer Freundin. Da Peppermint noch einiges benötigte wie warme Kleider und ähnliche Sachen ging Mooki mit ihr einkaufen. Eine dicke Jacke, einen neuen Koffer und anderes mehr war auf der Einkaufsliste. Mooki rief mich an und teilte mir mit dass sie grosse Probleme mit Mint habe. Sie führte sich auf wie eine pubertierende Göre, schrie um sich, nichts war gut, alles war Scheisse. Ich wusste genau… Mint war nervös und hatte furchtbare Angst. Mooki kam zurück ins Hotel, total erledigt. Mint wollte nicht, dass wir sie auf den Flughafen begleiteten. Sie wollte mit ihrer Freundin Abschied nehmen. Kurz vor dem Abflug rief mich Mint an und meinte sie möchte eigentlich lieber in Bangkok arbeiten gehen und und und… Ich schrie sie an am Telefon und sagte ihr ich würde sie ins Flugzeug prügeln sollte sie nicht freiwillig einsteigen und beendete das Gespräch abrupt. Sie tat mir leid denn ich konnte mich gut in Ihre Lage versetzen. Das erste mal ins Ausland verreisen und dann noch mutterseelenallein, das war hart und die Nerven lagen blank, aber es musste sein.

Zwei Stunden später rief mich Mint an und teilte mir mit dass sie bereits in der Luft sei, schniefte und sagte „Entschuldigung“.    Ist schon in Ordnung erwiderte ich. Aber ohne diesen Flug bekommst du nicht das neue Leben welches du dir so sehr gewünscht hast. Ich bin ganz sicher du wirst Erfolg haben. Wir plauderten noch ein bisschen dann liess ich sie ziehen.

Am nächsten Tag erfuhren wir bereits, dass Mint am Flughafen abgeholt wurde. Sie lebte bei einer Künstlerin in Melbourne, eine geschiedene Frau, die beiden verstanden sich auf Anhieb. Die Hausmutter verwöhnte Mint von nun an mit gutem Essen denn sie konnte scheinbar gut kochen. Der einzige Nachteil war der lange Schulweg. Mint musste jeden Tag zweimal gut zwanzig Minuten zu Fuss und eine halbe Stunde mit der Bahn fahren um ihr Ziel zu erreichen. Peppermint brachte das erste halbe Jahr gut hinter sich und lernte auch bald ein paar Freundinnen kennen in der Schule.

Mint wollte unbedingt die Wohnung wechseln damit sie nicht jeden Tag zweimal den langen Weg unter die Füsse nehmen musste. Zwei ihrer Schulfreundinnen lebten in einer Wohngemeinschaft. Da die dritte Mitbewohnerin auszog fragten sie Mint ob sie kein Interesse hätte. Die Wohnungen in Melbourne waren sehr teuer und eine Wohnung für Mint allein war auch mir zu teuer. Anderseits kriselte es ein bisschen in der alten Wohnung denn die zweite Mitbewohnerin versuchte Zwietracht zu säen so dass auch Differenzen mit der Hausmutter entstanden. Der Zufall wollte es aber, dass eine Freundin von Mint, ihr Name was Earn, in einer grossen Wohnung lebte welche ihrer Tante gehörte. Die Tante war der Meinung dass für Mint noch genug Platz wäre und so zogen Mint und Earn zusammen. Earn war auch Thai, hatte aber einen Australischen Pass da ihre Mutter einen Australier geheiratet hatte bevor sie wieder zurück nach Bangkok wechselte. Die beiden konnten die Schule nun in zwanzig Minuten zu Fuss erreichen und die neue Wohnung war gross und modern eingerichtet. Die Tante kam oft zu Besuch und sie kümmerte sich rührend um Mint, fast wie eine Mutter. Die Tante schien nicht arm zu sein denn sie kurvte mit dem neusten Porsche in Melbourne herum. Sie war zwar auch eine Thai, hatte aber auch einen Australischen Pass und einen Australischen Freund. Man fragt sich wo das viele Geld herkam. Nun, Earn arbeitete ab und zu im Geschäft ihrer Tante und schien ebenfalls über reichlich Geld zu verfügen denn nur so konnte Mint es sich erklären dass Earn sie ab und zu zum Essen einlud und nicht so aufs Geld schauen musste wie Mint.  Das Englisch-Institut lehrte jeweils von Montag bis Freitag und von acht Uhr morgens bis ein Uhr am Nachmittag.  Somit hatten Studenten also die Gelegenheit einem Nebenjob nachzugehen, was Earn eben tat.

Eines Tages fragte Earn Peppermint ob sie nicht auch einen Job möchte. Ihre Tante habe so viel Arbeit und es wachse ihr alles über den Kopf. Nun, Mint hatte sich schon an diversen Orten vorgestellt aber die Stellen waren nicht akzeptabel. Viel Arbeit, oft bis nach Mitternacht und als Lohn ein paar Dollar pro Stunde. Mint zeigte sich deshalb interessiert und so versprach Earn, Mint zur Arbeit mitzunehmen.

Anderntags am Nachmittag ging Mint mit Earn zur Arbeit. Nun offenbarte sich die wunderbare Geldquelle. Die Tante von Earn betrieb ein luxuriöses Bordell in Melbourne und Earn war die Managerin. Die Kundschaft bestand meistens aus wohlhabenden Geschäftsleuten aus dem In- und Ausland. Die Arbeit war anfangs  nicht schwierig. Mint musste das Lager bewirtschaften, Handtücher stapeln, die Waschmaschine beaufsichtigen und viele ähnliche Aufgaben übernehmen. Es war kein Stress und Mint bekam fünfzehn Dollar pro Stunde. Das war das Doppelte was sie in einem Thai-Restaurant bekommen hätte. Mint lernte viele Leute kennen, darunter auch wohlhabende Geschäftsleute. Die Mädchen welche in dem Puff arbeiteten waren vorwiegend Thais und verdienten gutes Geld. Nun, Mint erledigte ihre Arbeit zur vollen Zufriedenheit der Tanten, wie es schien. Die Tante vertraute Mint immer mehr und Peppermint bekam bald mit dass die Tante weder lesen noch schreiben konnte in Englisch. Mint stieg auf zur persönlichen Assistentin. Die Tante schickte sie zur Bank um Geldgeschäfte zu erledigen, gab ihr sogar ihre Kreditkarte und das dazugehörige Passwort. Mint erledigte immer alles zur vollen Zufriedenheit der Tante und bekam immer mehr Kompetenzen und die Bezahlung wurde den Aufgaben angepasst. Die Tante ging mit Mint ab und zu in den Haarsalon und zum Essen und bald war es so dass Mint etwas zu sagen hatte in der Firma. Die Tante erklärte Mint, dass sie in Geldangelegenheiten Earn nicht traue und sie sehr froh sei wenn Mint die finanziellen Angelegenheiten und den Papierkrieg mit dem Staat für sie erledigen würde. Eines Tages sprach die Tante mit Mint und bat sie, den Eingangsbereich und den Salon des Bordells neu zu gestalten. Im gleichen Atemzug teilte sie Mint mit dass sie noch ein zweites Geschäft eröffnen werde. Mint ging mit der Tante in ein gutes Möbelhaus, kaufe neue Möbel und Dekorartikel. Geld war kein Thema. Anschliessend wurde alles neu eingerichtet und das Resultat konnte sich scheinbar sehen lassen. Mint musste viel arbeiten aber inzwischen war sie eine unverzichtbare Vertrauensperson geworden.

So nach und nach lernte Mint auch die Mädchen kennen welche in dem Bordell arbeiteten. Es waren fast alles Thaifrauen welche zwar der englischen Sprache mächtig waren, soweit notwendig, aber lesen und schreiben in Englisch konnten sie nicht und von einem Computer hatten sie schon gar keine Ahnung. Es war aber so dass die Mädchen jedes Wochenende ihr verdientes Geld nach Hause schicken wollten. Es gab bereits jemanden in der Stadt der den Thais die Zahlungen machte als Dienstleistung, aber zu unverschämten Bedingungen.

Die Mädchen begannen Mint zu fragen ob sie nicht den Geldtransfer erledigen könne. Da sich Mint vom Studium her mit Finanzen bestens auskannte witterte sie ein gutes Geschäft. Das Tauschgeschäft lief wie am Schnürchen. Mint bekommt pro Auftrag zwanzig bis dreissig Dollar je nach Umfang der Transaktion und am Geldwechsel verdient sie noch zusätzlich weil ein Herr der ehrenwerten Gesellschaft in Bangkok zu viel Schwarzgeld hat welches auf keinem Bankkonto auftauchen darf da der Staat ja alles kontrolliert. Mint bekommt also einen speziellen Wechselkurs und die Differenz zum Bankkurs kassiert sie ebenfalls. Anfangs kamen einzelne Mädchen um Geld zu tauschen aber bereits nach drei Wochen konnte sich Mint vor Aufträgen nicht mehr retten. Das kleine Betriebskapital welches sie hatte reichte hinten und vorne nicht mehr um die Mädchen in bar auszuzahlen. Mint rief mich an und fragte mich um Rat. Ich fand es gäbe nur einen Rat und der heisst „ weitermachen“. Ich überwies ihr also jede Woche eine grössere Summe um ihre Kundinnen zu befriedigen. Inzwischen habe ich mein halbes Vermögen investiert und Mint verdient mit ihrer Halbtagsarbeit bereits mehr als ich in meinen besten Zeiten als Angestellter pro Monat verdient habe. Mint hat mich vor vier Wochen angerufen um mich zu fragen ob sie ihre zwielichtige Stelle verlassen soll in dem Bordell. In Thailand wäre diese Stelle ein Tabu und die Familie würde sich schämen. Ich sagte Mint ich hätte kein Problem mit ihrer Arbeit. Sie solle weiterhin schauen dass sie alles unter Kontrolle bekäme.

Mint hat ja inzwischen noch eine zweite Gelddruckmaschine gefunden. Das Geld welches sie übrig hat von ihrem Lohn investiert sie seit zwei Jahren in kurzfristigen Shares, sprich Termingeschäfte und scheint damit ebenfalls gute Gewinne zu machen. Sie hat es mir etwa so erklärt: Sie kennt einen Flugkapitän der Thai Airways. Dieser hat eine Gruppe von Air Hostessen. Die Hostessen haben keine grossen Löhne verdienen aber gutes Geld mit „ Import-Export“ wenn sie in der Luft unterwegs sind, wir würden es Schmuggel nennen. Sie kaufen Waren im Ausland ein welche sie dann im Inland teuer verkaufen können. Teure Uhren, Parfum, Alkohol usw. Jeder der Beteiligten bezahlt wöchentlich eine gewisse Summe in einen Pool der zum Beispiel vier Monate dauert. Braucht nun eine oder einer schnell Geld um Waren einzukaufen bekommt er das vom Pool, muss aber ein Rückzahlungsangebot machen. Wer am meisten bietet bekommt das Geld. Am Ende der vier Monate wird abgerechnet. Im Durchschnitt gibt es zehn bis fünfzehn Prozent Rendite, kann aber auch mehr sein. Das sind dann dreissig bis fünfzig Prozent Jahreszins wenn man es auf ein Jahr umrechnet. Damit kann man leben. Ich habe jetzt das erste mal mitgemacht indem ich Mint Geld gegeben habe und bin gespannt auf meinen Gewinn in zwei Monaten.

Nun, ich musste nicht warten. Pünktlich und termingerecht wurde mir der Gewinn auf mein Bankkonto überwiesen. Ich habe mich nun noch an einem zweiten Share beteiligt und es scheint gut zu laufen.

Es ist wieder ein gutes halbes Jahr vergangen und das Ende der Lehrzeit des Englischstudiums ist in Sicht. Ende des Jahrs gibt es die Diplome und damit verbunden ist auch die Aussicht auf eine offizielle Arbeitsbewilligung in Thailand.

Mein fünfundsiebzigster Geburtstag stand vor der Türe und Peppermint wollte auch an der Feier teilnehmen. Ich organisierte eine grosse Party mit vierzig Gästen und ich freute mich furchtbar auf Peppermint. Hatte ich sie doch seit über einem Jahr nicht mehr gesehen und ich vermisste sie mehr als alles andere.

Nun, der Tag meiner Geburtstagsparty kam aber von Mint war weit und breit nichts zu sehen. Ich war ein bisschen verärgert denn ich hatte allen das Erscheinen von Mint angekündigt.

Fast am Ende der Party, am späten Abend, brachte mir ein Bote einen riesigen Blumenstrauss mit