Mutter ist die Beste

 

Meine Mutter, Jahrgang 1918, sah gut aus. Man kann sagen sie war, den alten Fotos nach zu urteilen, eine richtige Schönheit gewesen. Aufgewachsen natürlich auch auf dem Hauenstein, in dem alten windschiefen Bauernhäuschen mit angebauter Schmiede. Zusammen mit ihren zwei Brüdern Eduard und Arnold ging sie in Ifental in die Primarschule. Ifental ist ein schön gelegener Weiler, inmitten des Juras eingebettet. Das kleine Kirchlein von Ifental ist mittlerweile ein Wallfahrtsort für heiratswillige romantische Pärchen, weshalb es heutzutage  eine sehr lange Warteliste gibt, wenn man im Kirchlein von Ifental heiraten will.
Bald darauf zog die ganze Familie nach Reichenzhofen in Bayern, weil sich mein Grossvater erstens ein besseres Leben erhoffte und zweitens weil meine Grossmutter aus dieser Gegend stammte. Die Familie bewirtschaftete dort ein kleines Bauerngut oder versuchte es wenigstens. Aber als Kleinbauer wird man nicht reich, weder in Bayern noch in der Schweiz. Meine Mutter besuchte inzwischen wie gesagt die höhere Töchternschule, dort Lyceum genannt und tat sich bald wegen ihrer grossen Sprachbegabung hervor. Als sie später in Lausanne beim Arzt Dr. Nebel als Sekretärin arbeitete, sprach sie bereits fliessend Deutsch und Französisch und das so gut, dass selbst Franzosen meinten, sie sei eine der ihren. Englisch sprach sie ebenfalls fliessend und die italienische Sprache war ihr auch nicht fremd. In der heutigen Zeit hätte sie wohl in irgendeiner Verwaltung eine steile Karriere gemacht. Aber damals war man halt noch der Auffassung, dass eine Frau in die Küche und an den Herd gehört. Es soll selbst heute noch solch verbohrte Individuen geben die das immer noch glauben. Also pilgerte meine Mutter jeden Tag nach Olten auf das Telefonamt um Verbindungen zu stöpseln und um damit unsere kleine Familie über Wasser zu halten.

Nun, der zweite Weltkrieg stand vor der Türe und mein Grossvater hatte weder mit Adolf noch mit Krieg etwas am Hut. Also verkauften sie das kleine Bauerngut und zogen wieder in die Schweiz. Durch einen glücklichen Zufall und dank guten Freunden bot man ihnen ein altes Bauernhaus mit Schmiede und einem grossen Umschwung in Trimbach bei Olten an. Das war nun eben das Haus in welchem ich aufwachsen sollte. Onkel Eduard hatte eben die Aufnahmeprüfung bei der Bundesbahn bestanden und Onkel Arnold hatte sein Studium beendet und bekam eine Stelle in Genf beim Gericht. Meine Mutter bekam die Stelle in Olten beim Telefonamt. So richtete sich die Familie langsam ein und jeder schaute für jeden und so gut es ging alle zusammen für Grossmutter und Grossvater. Bei uns war der Familiensinn noch vorhanden und jeder kümmerte sich um den andern, auch wenn manchmal der Teufel los war und es dann einen tüchtigen Streit gab. Am Ende sassen alle wieder friedlich in der Küche des alten Bauernhauses und tranken zusammen Kaffee.

Die Heirat meiner Mutter, die nur kurze Zeit hielt, hatte bei ihr Spuren hinterlassen. Die eine Spur war ich, die andere Spur zeigte sich in Form von schweren Depressionen, die sie von da an ein Leben lang begleiteten und immer wieder Kuraufenthalte notwendig machten. Die Aerzte verschrieben ihr Pillen, die vor allem den Herstellern derselben Gewinn brachten, meiner Mutter jedoch kaum eine Verbesserung.

War sie vorher schon sehr katholisch, so flüchtete sie sich nun in eine religiöse Hyperaktivität die schon an Fanatismus grenzte und dem mit realen Argumenten nicht mehr beizukommen war. Ein Vergleich mit den heutigen konservativen Islamisten wäre wohl nicht ganz falsch. Gleichzeitig versuchte sie mich nun dauernd mit ihren religiösen Thesen zu bekehren, ermahnte mich dauernd und hielt mir Predigten. Ein grosses Problem war, dass sie die Bibel wörtlich auslegte. Ich dagegen war der Meinung, dass dies nur Gleichnisse, also Beispiele seien. Einerseits wollte ich meine Mutter weder beleidigen noch verletzen aber ihre Aktionen bewirkten, dass ich mich immer weiter vom Katholizismus entfernte. Ich sah fast täglich, dass sich letzten Endes bis auf wenige löbliche Ausnahmen alles nur ums Geld drehte und dies auch in der viel gelobten katholischen Kirche. Wie konnte es sonst sein, dass es offensichtlich sehr arme Leute bei uns gab, der Pfarrer hingegen wohnte in einem riesigen Pfarrhaus und besass einen gewaltigen Weinkeller. Eine Pfarrköchin sorgte für ihn und ein Vikar erledigte das Grobe. Es ist natürlich werbewirksamer das sonntags in der Kirche eingesammelte Geld an den Bischof und von da aus weiter an den Vatikan zu schicken, als es  unter den Armen im eigenen Dorf zu verteilen. So sammelt jeder seine Bonuspunkte und der Vatikan wird noch reicher als er so schon ist. Schlussendlich dient das Geld nicht den Bedürftigen sondern dem Erhalt der Macht, wie überall auf der Welt.

Aufgrund solcher Themen hatte ich oft furchtbaren Streit mit meiner Mutter, denn wenn ich etwas nicht ertrage sind es die kleinen und die grossen Ungerechtigkeiten dieser Welt und das Vorschieben fadenscheiniger Argumente um ein unlauteres Ziel zu erreichen, wie zum Beispiel im Namen der Armen Reichtümer anzuhäufen.

Wir lebten also so nebeneinander her wie Hund und Katz und meine Mutter schien mir immer unnahbarer. Es fiel uns zum Beispiel sichtlich schwer, uns gegenseitig zu umarmen und so liessen wie es meistens bleiben. Die ganze Sache ging so weit, dass ich allen Ernstes als Kind oft dachte meine Mutter sei gar nicht meine Mutter und ich sei im Spital verwechselt worden. Dazu trugen auch meine Träume bei, besonders einer. Ich befand mich in der Scheune auf der Heubühne. An deren Ende war eine uralte Holztür durch die ich nun schritt. Hinter der Türe befand sich ein sehr grosser Raum, vollgefüllt mit antiken Gegenständen. Besonders ein grosser weisser Flügel mit antikem Blumenmuster im Jugendstil hatte es mir angetan und ebenfalls eine alte, mehrmanualige wundeschöne Orgel. Auch ein Spinett und andere Instrumente standen angestaubt herum. Ich wollte alles putzen und wieder herrichten aber dann erwachte ich an dieser Stelle  jedes Mal. Nun, das Verrückte daran war, dass ich diesen Traum immer wieder träumte und zwar exakt gleich. Der selbe Raum, die selbe Türe, die selben Instrumente und ich wurde jedesmal fast verrückt wenn ich wieder erwachte und meinte, ich müsse alles nochmals kontrollieren im alten Bauernhaus.

Ebenso hatte ich manchmal noch einen zweiten Traum welcher sich auch oft wiederholte.. Wir besassen in meinem Traum noch zwei weitere Häuser die ich immer wieder besuchte und die ich so gut kannte, dass ich sie noch heute zeichnen könnte. Das eine war ein sehr herrschaftliches Gebäude mit einem riesigen Wohnzimmer durch dessen Türe ich einen riesigen Flügel sah und irgendwo im Hintergrund war meine Mutter die meinen Namen rief.

Das andere Haus war ein grosses langgestrecktes Einfamilienhaus das oberhalb eines kleinen grünen Hanges lag. Es hatte sehr grosse Räume, war relativ neu und hatte ein schönes Giebeldach. Diesen Traum träumte ich immer und immer wieder und beim Aufwachen dachte ich, ach ich verkaufe das Haus, ich brauche es ja nicht, bis ich realisierte dass ich ja nur geträumt hatte. Vielleicht war ich schon ein bisschen verrückt von der vielen Träumerei. Auch war mir klar, dass ich in meinen Träumen kein armer Wicht war, sondern aus reichem Haus kommen musste..Träume eben!!!!