Auszug aus Ägypten

In der Bibel steht dass die Juden aus Ägypten auswandern wollten ins gelobte Land.  Ich wollte das auch, aber nicht nach Israel sondern nach Thailand.

Dass der Mieter meines Hauses an der Brunngasse wieder auszog nach zwei Jahren machte mich nicht besonders unglücklich. Estens liess er im Garten alles verkommen und es sah darin aus wie in einem Saustall und zweitens hatte er mich angelogen als ich ihm das Haus zum Verkauf anbot indem er mir Märchen erzählte warum er das Haus nicht kaufen könne. Alles um den Preis zu drücken. Also .... alles in allem kein grosser Verlust.

Die Firma Templum welche das Haus mit meinen Shop darin verwaltete hatte auch schon einen neuen Mieter, besser gesagt eine Mieterin auf dem Präsentierteller. Sie arbeitete in meiner alten Firma, war Direktorin und wie es scheint eine Koryphähe in Biotechnologie und hatte auch noch nebst ihrem farbigen Ehemann das notwendige Geld zur Verfügung.

Wir hatten uns also bald, nach einigem hin und her, darauf geeinigt, dass sie dass ganze Haus inklusive Laden mieten werde, wobei die Vermietung des Ladens noch um ein Jahr aufgeschoben wurde da ihr Ehemann in Lausanne seine Designer-Ausbildung noch abschliessen musste. So weit so gut. Das Dumme war nur, dass die Pilar, so hiess die feurige spanische Schönheit, eigene Möbel hatte. Ich hatte also die undankbare Aufgabe, mein Haus von jeglichem Ballast zu befreien und das alles in drei Wochen im Dezember weil die lieben Leute danach zwischen Weihnachten und Neujahr einziehen wollten.

Der Not gehorchend bestellte ich also ein Flugticket von Bangkok nach Zürich und zurück. Allerdings in der Business Class, ich wollte in meinem Alter nicht mehr elf Stunden fliegen, eingeklemmt wie in einem Sandwich. Man gönnt sich ja sonst nichts. Der Flug war zwar teuer aber angenehm und ich konnte des Nachts ein bisschen schlafen. Mit Freuden stellte ich fest, dass das Ticket in dieser Richtung viel billiger war als umgekehrt von der Schweiz nach Thailand. Wahrscheinlich verwendete die Thai Air verschiedene Sorten Benzin, je nach Flugrichtung. Ich werde bei Gelegenheit mal nachfragen.


Gepackt hatte ich meinen Koffer schnell. Ein paar Geschenke für meine Lieben in Form von duftenden handgemachten Seifen und zehn Pakete mit köstlichem Jasmintee. Ein bisschen Wäsche und sonstiger Kleinkram waren auch schnell verstaut.

Bewaffnet mit meiner dicken Lederjacke fuhr ich also in Begleitung von Mooki, der besten aller Ehefrauen, mit dem Minibus morgens um zehn Uhr Richtung Bangkok. Die Reise dauerte wie immer langweilige vier Stunden die ich vor mich hin dösend verbrachte. Aus dem Fenster schauen lohnte sich nicht denn ich kannte auf dieser Strecke schon jede Graswurzel. Wir erreichten Bangkok unbeschadet und die Stadt war so voller Gegensätze dass sie mich immer wieder faszinierte.

Nach dem wir unseren Plunder aus dem halbvollen Büsschen gehievt hatten schauten wir uns nach einem Taxi um. Gott sei Dank gab es viele davon und so wurden wir auch schnell fündig und stiegen beim erst besten ein. Mooki nannte der fahrenden Mumie das Ziel und schon ging es wieder weiter.

Mein Flug ging erst nach Mitternacht und somit fuhren wir zum Kondo meiner Stieftochter Peppermint. Kondominium oder auch Kondo heissen hier in Bangkok die Appartements welche zwar relativ teuer aber auch sicher sind, da sie rund um die Uhr bewacht werden. Die Häuser haben meistens einen kleinen Empfang wo man auch ein sicheres Taxi oder etwas zum Essen bestellen kann. Es ist eine Mischung zwischen Wohnung und Hotel und vor allem für allein stehende Damen zu empfehlen. Da Peppermint noch bis Ende Jahr mit ihrem Studium beschäftigt ist habe ich ihr ein Kondo gemietet in Form einer kleinen aber hübschen Zweizimmerwohnung. Ihr Kondo hat ein kleines Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und eine kleine Küche. Alles schön eingerichtet. Zu dem Kondo welches etwa zwanzig Appartements hat gibt es auch einen gemeinsamen Fitnessraum und einen grossen Pool. Hier lässt es sich leben und ich überlege mir schon, ob ich nicht auch ein kleines Appartement in einem Kondominium kaufen soll. Jedes mal wenn wir nach Bangkok zum Shoppen oder für sonstige Besorgungen hinfahren müssen wir im Hotel logieren und das würde dann eben wegfallen. Anderseits kennen wir ein paar günstige Hotels wo man nicht teuer wohnt und somit wird diese Entscheidung schwierig werden und die Investition sinnlos wenn danach die Wohnung die meiste Zeit leer steht.

Nachdem uns unsere liebe Tochter herzlich begrüsst hatte machte ich es mir auf ihrem Bett bequem und wartete auf meine bevorstehende Weiterreise zum Flughafen. Die Zeit verging wie im Flug, denn die beiden Frauen hatten immer etwas zu bereden oder zu streiten. Alte Tradition und moderne Jugend prallten hier manchmal aufeinander und  zwar so dass die Fetzen flogen. Aber eine Stunde später waren die zwei Weiber wieder ein Herz und eine Seele.

Gegen halb acht Uhr abends pilgerten wir ins nahe gelegene Restaurant um eine Kleinigkeit zu essen. Wir fanden auch einen schönen Platz am Fenster des Restaurants weil noch nicht viele Gäste anwesend waren um diese Zeit. Wir bestellen verschiedene Sachen und jeder ass von allem, wie das in Thailand halt so üblich ist. Je mehr Leute zusammen essen um so grösser wird dann eben die Auswahl auf dem Tisch. Wir mussten auch nicht lange warten bis die ersten Schüsselchen und Tellerchen mit den duftenden Köstlichkeiten eintrafen. Ich bestellte mir noch eine Flasche Bier und einen Kübel mit Eiswürfel. Mooki trank Wasser wie die meisten Thais und Peppermint bekam einen grossen geeisten Kaffee und so waren wir alle rundum zufrieden.

Der Zeiger meiner Uhr wanderte bedrohlich schnell über das Zifferblatt und so bezahlte ich das Essen und blies zeitig zum Aufbruch.

Zurück im Kondo stopfte ich meine sieben Sachen in meine zwei Koffer. Einen grossen mit dem üblichen Kram und einen kleinen für das Handgepäck welcher den Pass und weitere Dokumente so wie meinen Computer beherbergte.

Peppermit hat inzwischen den Empfang aufgescheucht und wir warteten in der kleinen Eingangshalle auf das Taxi welches auch bald darauf erschien. Diesmal hatten wir eine hübsche Taxifahrerin erwischt und ich setzte mich schnell auf den vorderen Sitz neben der Fahrerin. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Nach einer rasanten Kamikazefahrt erreichten wir den Flughafen. Der Flughafen in Bangkok ist so gross dass man sich verlaufen kann. Ich kannte mich hier bereits ein bisschen aus und wir strebten zum Schalter First Class- Business Class. Von nun an ging alles sehr schnell. Zwei hübsch Damen kümmern sich um mich. Ich galt nun als VIP. Ich verabschiedete mich von meinen Lieben und unsere Wege trennen sich nun. Durch eine spezielle Türe wurde ich nun am Zoll vorbei geschleust und eine Dame führt mich direkt zum Gate für den Abflug. Das Gate wurde auch pünktlich geöffnet und man brachte mich zu meinen Sitzplatz im Flugzeug. Der Sitz war vom feinsten. Er hatte viele Knöpfe auf der linken Armlehne welche ich sofort ausprobierte. An dem elektrischen Stuhl liess sich alles verstellen....... oft auch ungewollt.

Endlich macht eine Glocke ding dong an der Decke und eine Stimme verkündete etwas. Zuerst in Thai, was ich nicht verstand, dann in Englisch, was ich auch nicht mitbekam weil die Stimme redete wie ein Maschinengewehr. Ich wartete also und schaute was passiert.

Meine Sitznachbarn machten es sich bequem, ich tat selbiges. Ich entledige mich meiner Schuhe und zog die Socken aus dem erhaltenen Beutel an. Die Wolldecke für die Nacht war schon auf dem Sitz als ich ankam.

Mit einem kaum merkbaren Ruck setzte sich der Jumbo in Bewegung und rollt zur Startposition. Bereits nach einer Minute heulen die Triebwerke auf, es drückt mich in den Sitz und der Flug beginnt. Zuerst geht es steil aufwärts über Bangkok und ich schaute hinab auf das faszinierende Lichtermeer der Riesenmetropole mit siebzehn Millionen Leuten. Wieviele es wirklich sind weiss niemand so ganz genau. Nach etwa zwanzig Minuten hatten wir die geplante Flughöhe erreicht und der Riesenvogel glitt ganz sanft dahin wie auf einer Wolke. Da mir bewusst war dass jeder einmal sterben muss, machte ich mir keine Sorgen und genoss den Flug.

Das Wägelchen mit den Getränken kam angefahren und ich bestellte mir ein Glas Rotwein. Es würde nicht das letzte sein auf diesem Flug. Die Stewardess brachte die Menukarte und schon wieder hatte ich die Qual der Wahl. Für das Nachtessen bestellte ich ein Filetsteak mit Gemüse und für das Frühstück Toast mit Käseplatte.

Dass das Essen hervorragend schmecken würde wusste ich von meinen früheren Flügen. Nun, die Zeit verging wirklich wie im Flug, ich konnte sogar schlafen, eingewickelt in meine Wolldecke.

In der Schweiz, besser gesagt in Zürich angekommen, traf mich mehr der Temeraturschock als der Kulturschock. Nasskaltes Schmuddelwetter empfing mich und neben den Bahngeleisen im Untergeschoss des Flughafens zog es wie Hechtsuppe. Ich war froh als der Zug nach Basel eintraf. Ich suchte einen freien Platz und versteckte mich in meiner dicken Lederjacke welche ich vorsorglich mitgenommen hatte. In Basel angekommen schnappe ich mir eine der sündhaft teueren Taxen und liess mich zu meinem Haus in Reinach chauffieren. Für den Preis hätte ich eimal rund um Bangkok fahren können, aber was soll es. Ich war in der teuren Schweiz.

Als ich wieder auf meinen Parkplätzen stand und in mein Schaufenster blickte heimelte es mich schon ein bisschen an. Bei dem Gedanken dass dies wohl der letzte Aufenthalt in meiner Prunkvilla mit Laden sein würde wurde mir schon ein bisschen wehmütig ums Herz. Nun, ich hatte keine grosse Wahl. Entweder mein langweiliges Leben weiterleben wie bisher und im Laden auf dem Stühlchen sitzen bis ich tot herunterfallen würde oder ein neues aufregendes Leben in Thailand beginnen. Ich war nicht arm aber reich war ich auch nicht. Als Rentner müsste ich in der Schweiz bestenfalls in der Mittelklasse spielen, in Thailand war ich in der Oberliga. Allein meine Rente war höher als das Salär des Stadtpräsidenten in Prachuap, wo ich später wohnen würde. Also Thailand...... ich komme.

Freunde hatte ich sowieso nicht viele in der Schweiz, ausser es gab denn etwas zum halben Preis im Laden.

Als erstes rief ich meinen Freund Kurt an. Die nächsten zwei Wochen diente er mir als Chauffeur da ich mein Auto ja schon vor einem Jahr verkauft hatte. Wir besuchten ein paar Geschäfte und ich kaufte eine grosse Ladung Essen und Getränke ein.

Anderntags fingen wir an, alles zu verkaufen was nicht niet- und nagelfest war. Das war aber gar nicht so einfach. Obwohl  meine Möbel vom feinsten waren und auch meine sonstigen Einrichtungsgegenstände teuer und von guter Qualität waren, schien es schier unmöglich, die Sachen los zu werden. Es bewahrheitete sich wieder dass wenn man etwas kauft ist es meisten das beste Stück, aber wenn man es dann unter Zeitdruck verkaufen muss will es niemand haben, höchstens umsonst.

Ich begann also jedes einzelne Stück zu fotografieren und setzte es ins Internet. Es war eine Riesenmenge. Kamen doch noch die Maschinen, Werkzeuge, Vitrinen und weitere Sachen dazu. Am Schaufenster befestigte ich einen Anschlag und vor dem Haus deponierte alle Dinge welche ich nicht verkaufen konnte wie CDs, Koffern usw. wie auf einem Flohmarkt. Am nächsten Morgen waren die Sachen dann oft weg weil das Schild   GRATIS seine Wirkung getan hatte. Ich bestellte mir einen grossen Container für Sperrmüll und begann mit Kurt den Dachboden zu leeren. Zuerst wanderten die Ordner für Korrespondenz und Buchhaltung in den Container. Zwar sollte ich alle Geschäftsunterlagen zehn Jahre aufbewahren aber da mein Wegzug endgültig war scherte ich mich nicht darum. Danach kamen alle Bücher und Musikalien und so musste ich schon bald einen zweiten Container bestellen. Alle meine Bekannten welche mir versprochen hatten zu helfen kamen um die Sachen zu holen welche sie brauchen konnten und dann sah man sie nicht mehr. Die einzigen welche mir wirklich unermüdlich halfen, waren mein Freund Kurt und Christine die Verkäuferin. Alle andern hatten irgend eine fadenscheinige Ausrede. Soviel zu Freunden und Verwandten.

Mein ganzes Rosenthalgeschirr mit Platinrand schenkte ich dem Maler für seine Frau. Das ganze umfangreiche Silberbesteck legte ich noch oben drauf und ebenso die teuren Kristallgläser. Inzwischen war der dritte Container fällig, es war schlimmer als eine Beerdigung. Meine teuersten Stücke musste ich für ein Butterbrot verscherbeln oder in den Container werfen.

Nach einer Woche war ich so erledigt und von der ungewohnten Kälte halb krank dass wir einfach alles was noch vorhanden war in den Sperrmüll warfen. Erst jetzt war mir wirklich klar dass ich ausser Kurt keine Freunde hatte, eben ausser Christine, meine ehemalige Verkäuferin. Es waren alles nur Parasiten die ich kannte. Das war nun geklärt. Ich konnte nun wirklich einen Strich unter mein altes Leben machen und neu anfangen.

Nachdem die zwei Wochen wie im Flug vergangen waren und das Putzinstitut alles geputzt hatte, packte ich meinen Koffer wieder. Diesmal für immer schwor ich mir.

Mein lieber Kurt fuhr mich zum Flughafen, krank und mehr tot als lebendig trat ich den Rückflug nach Bangkok an. Die Stewardess hatte Mitleid mit mir und kochte mir stündlich einen warmen Tee. Ich fühlte mich wie im Himmel als ich endlich wieder Thailändischen Boden unter den Füssen hatte und mit meiner Gesundheit ging es rapide bergauf. Der Stress war vorbei. Aber meine vermeintlichen Freunde blieben mir als üble Erinnerung.