Wer war mein Vater?

 

Das gibt wohl das kürzeste Kapitel in diesem Buch. Ich kann nicht behaupten, dass ich meinen Vater je wirklich gekannt habe, ich meine gekannt im eigentlichen Sinn. Gefehlt hat er mir oft, vor allem wenn ich betrübt feststellen musste, dass die Väter meiner Schulkollegen voll und ganz hinter ihren Kindern standen oder wenn ich, wie so oft, in der Schule geplagt, verprügelt oder gehänselt wurde. Ich konnte ja nicht gut sagen „Ich sag‘s zu Hause meiner Mutter“, damit hätte ich den Rest meines spärlichen Kredits, den ich überhaupt noch hatte bei meinen Schulkameraden total verspielt. Ganz besonders galt dies auch für Onkel Eduard und meine beiden Cousins Urs und Peter, welche mich doch immer merken liessen, dass ich nur die zweite Wahl war in unserem Dreiergespann. Dass mein Onkel seine Kinder bevorzugte war ja klar, wenn es ihm wahrscheinlich auch nicht bewusst war aber es versetzte mir immer einen Stich in die Herzgegend wenn man mich wieder merken liess, dass ich eben nur in der zweiten Liga spielen durfte.

Mein Vater hatte meine Mutter verlassen, als ich noch nicht zwei Jahre alt war, aus welchem Grund auch immer. Aus meiner heutigen Sicht würde ich wohl sagen, dass beide Teile ihren Beitrag dazu geleistet haben, allerdings hatte mein Vater ziemlich sicher schlechte Karten gezogen und einen schweren Stand neben meiner Grossmutter und dem ganzen Clan auf unserer Seite, der wie Pech und Schwefel zusammengehalten hat. Und da dieser Clan auch erzkatholisch war wurde über Sex nur hinter der vorgehaltenen Hand gessprochen.... wenn überhaupt.Wie dem auch sei, ich kann dazu nicht viel sagen. Meine Grossmutter hat mir erzählt dass der Vater meines Vaters in Italien ein bekannter Baumeister war, allerdings auch ein honoriges Mitglied der Mafia. Es begab sich dass der Grossvater in Varese eine ganze Häuserzeile bauen musste, allerdings „ vergass „ er, genügend Zement in den Mörtel zu mischen worauf einige der Häuser zusammenfielen. Grossvater musste bei Nacht und Nebel Italien fluchtartig verlassen. Er war kein armer Mann und kaufte sich ein kleines, schlossartiges Haus in Oftringen, in der Schweiz. Jedesmal wenn ich mit der Eisenbahn Richtung Zürich fuhr sah ich das Haus mit den Türmchen, welches in der Nähe der Bahngeleise stand. Der Grossvater hatte auch zwei Frauen welche im gleichen Haushalt lebten. Nebst seiner Ehefrau lebte da noch eine Pianistin welche seine Mätresse war. Scheinbar kamen die beiden Frauen gut miteinander aus und es gab keine nennenswerten Probleme. Mein Vater lernte Elektriker und nach dem Tod seines Vaters zog er als Betriebselektriker nach Zurzach und arbeitete in der Sodafabrik.

 An meinem 30. Geburtstag hat meine damalige Frau Edith meinen Vater mit seiner Frau ausfindig gemacht und eingeladen zu meiner dreissigsten Geburtstagsparty. Edith dachte wohl sie würde mir mit dieser Ueberraschung eine Freude machen. Eine Ueberraschung war es allerdings, eine Freude meinerseits eher weniger. Die Frau meines Vaters war langweiliger als jede Schlafpille, ihr Rufname war Dorli und der Name war sicher abgeleitet vom französichen Wort „dormir“, welches nichts anderes als „schlafen“ bedeutet.  Jeder zweite Satz, welcher ihr über die Lippen kam hatte den Inhalt „ huuu, gibt das viel Arbeit“. Ob kochen, putzen, waschen, denken, alles war da eingeschlossen. Ich bin heute noch der Meinung, dass sie wahrscheinlich nicht einmal wusste, wie man „Arbeit“ schreibt, aber vielleicht tue ich ihr auch unrecht, lassen wir das also.....

Wie gesagt, wir feierten meinen dreissigsten Geburtstag. Es gab unter anderem Filet im Teig, eine meiner Leibspeisen und noch viele andere Köstlichkeiten. Edith, meine Frau, war eine hervorragende Köchin. Nach einem kürzeren Geplänkel, denn mein Vater wollte unbedingt, dass ich ihn mit Vater anreden sollte. Ich aber blieb stur bei Albert, denn ich sah nicht ein, warum ich zu einem Mann, welcher sich nie um mich gekümmert hatte, plötzlich Vater sagen sollte. Er hatte ja nicht einmal den Unterhaltsbeitrag für mich bezahlt. Gut, meine Mutter bemerkte einmal, sie habe auf die Unterhaltszahlungen verzichtet, was ich zum heutigen Zeitpunkt auch nicht mehr richtig finde, denn es war eigentlich mein Geld worauf die Mutter verzichtet hat und ich wurde nie nach meiner Meinung gefragt. Abgesehen davon hätte ich das Geld gut für meine Ausbildung verwenden können denn wir waren nicht auf Rosen gebettet und mussten für meine Weiterbildung beim Kanton um ein Stipendium nachfragen.

Nach dem Essen wollten wir unserem „Besuch“ noch etwas besonderes bieten und da schönes Wetter herrschte fuhren wir alle zusammen mit unserem Auto auf die Froburg. Durch Olten führte die Strasse nach Trimbach, wo ich ja aufgewachsen bin. Eigentlich ein Provinzkaff meiner Meinung nach. Von da aus ging es weiter auf den Hauenstein, das ist ein kleiner Pass welcher ins Baselbiet führt und den wie schon gesagt, schon die alten Römer benutzt haben. Oben angekommen führt rechts eine steile Strasse hoch an deren Ende man die Ruine Froburg erreicht. Ausser der Ruine gibt es noch ein Hotel und einen angeschlossenen Gutshof. Es ist eine ausserordentlich schöne Gegend zum spazieren, was wir dann auch umgehend in Angriff nahmen.

Keinen Steinwurf entfernt vom Gutshof befand sich ein grosses Gehege mit schönen Pferden welche sich am sonnigen Wetter und am saftigen Gras erfreuten. Mein Vater entpuppt sich als versierter Pfeifenraucher und stopfte seinen Kübel mit Tabak. Dann blickte er auf die Pferde, welche unsere Kinder schon mit langen Löwenzahnblätter zu füttern versuchten und sprach zu den Kindern :“Jetzt müsst ihr einmal schauen, was ich lustiges mache!“. Darauf hin langte er nochmals in seinen Tabaksbeutel und reichte dem Pferd eine Priese Tabak, bevor ich Zeit hatte um zu intervenieren.

Das Pferd versuchte zuerst, den Tabak zu fressen, als es aber merkte,was das für ein scheussliches Zeug war, versuchte es, den Tabak wieder los zu werden. Es bog den Kopf auf alle Seiten und zog seine Lippen fast bis zu den Ohren zurück, was zugegeben ungewöhnlich komisch aussah und den Kindern Eindruck machte. Da das Pferd den Tabak in seinem Maul mangels Zahnbürste nicht so schnell los wurde verzog es sein Pferdegesicht und machte die unglaublichsten Grimassen. Mein Vater war aber wohl der einzige, welcher diesen Zirkus wirklich lustig fand. Wir, das heisst die ganze Familie, sind sehr tierliebend und haben für solch primitive Scherze sehr wenig Verständnis. Ich dachte für mich in Gedanken:“Was für ein blödes Arschloch ist mein Vater“. Im nachhinein denke ich dass ich es ihm eigentlich hätte sagen müssen.

Der Rest des Spaziergangs verlief relativ einsilbig, ebenso wie der Rest des ganzen Nachmittags und ich war eigentlich froh, als mein Vater und seine Angetraute wieder im Zug von Olten nach wohin auch immer…. sassen. Ich war enttäuscht, frustriert und wütend, dass mein Vater nicht so war, wie ich ihn mir all die Jahre vorgestellt hatte, eine charakterstarke Respektsperson. Es schien mir irgendwie , dass ich eigentlich ein Glückspilz war ohne diesen Vater aufgewachsen zu sein. Ich bin nun geheilt und vermisse meinen Vater nicht mehr, besser gesagt nicht DIESEN Vater, ein anderer Vater wäre mir stets sehr willkommen gewesen. Da man sich seine Eltern aber bekanntlich nicht aussuchen kann lassen wir es damit bewenden.

Wie durch Zufall erfur ich, dass mein Vater in der gleichen Fabrik wie mein Schwager Peter arbeitete, diesmal nämlich bei der Schindler AG. Ganz Zufall war es nicht denn mein Schwager war in dieser Firma Vizedirektor und oberster Personalchef.

Vier Jahre nach meinem dreissigsten Geburtstag bekam ich Post von der Gemeinde Ebikon. Man teilte mit mit, dass mein Vater gestorben sei. Als Beilage erhielt ich eine Kopie der Testamentseröffnung. Die Gemeinde fragte mich, wohin sie die achttausend Franken senden sollen welche mir zustehen würden. Da klingelte bei mir ein Glöcklein. Ich wusste, dass mein Vater kein armer Mann war. Er hatte ein Haus und eine wertvolle Briefmarkensammlung, das zumindest wusste ich, da er dies selber an meinem Geburtstag erzählt hatte. Wenn ich schon keine Alimente bekommen hatte wollte ich wenigstens jetzt für meinen gerechten Anteil kämpfen. Ich suchte also in Olten meinen Anwalt auf welcher mir schon oft gute Dienste geleistet hatte und klagte ihm mein Leid. Er fuhr also in meinem Auftrag nach Ebikon und intervenierte auf dem Erbschaftsamt. Siehe da, nach zwei Wochen bekam ich einen neuen Brief vom Erbschaftsamt und mein Anteil hatte sich von achttausend auf sechsundachzigtausend Franken wundersam vermehrt. Obwohl ich sicher war, dass mein Erbe sicher noch um einiges grösser war, akzeptierte ich den unverhofften Geldsegen und freute mich mit meiner ganzen Familie darüber. Damit war für mich dieses Kapitel abgeschlossen. Von seiner Frau habe ich nie wieder etwas gehört. Auf Umwegen habe ich aber vernommen, dass sie zu ihrer Schwester gezogen ist und von dieser total beherrscht wird. Somit war klar wo der Rest der Erbschaft hinwanderte. Was solls .... Geld kann man jederzeit selber verdienen. Wenigstens das habe ich gelernt.