Ein ganz normaler Tag in Prachuap

Es ist schon schön wenn man pensioniert ist und den Stundenplan mehr oder weniger selber gestalten kann. Den Wecker habe ich unserer Gärtnerin geschenkt. Ich stehe eben auf wenn ich aufwache und das ist meisten zwischen acht und neun Uhr am Morgen.

Zuerst wird mal ein anständiger Kaffee getrunken, den gibt es auch in Thailand wenn man genug bezahlt, was sich die meisten Thais aber leider nicht leisten können. Die Thais trinken auch meistens keinen Kaffee sondern Wasser und Sirup.

Das Zeug kann manchmal gar nicht süss genug sein. Das sieht man auch an den vielen dicken Kindern hier. Das entsprechende Gesundheitsbewusstsein ist scheinbar hier noch nicht angekommen.

Ich habe mir also gleich eine Espresso Maschine und die passenden Kaffeekapseln aus Bangkok kommen lassen denn hier in unserem Kaff gibt es nichts Vergleichbares.

Unsere Gärtnerin und gleichzeitige Hausdame wischt wie jeden Morgen den Boden in Büro, Schlaf- und Wohnzimmer, nur am Sonntag nicht, denn da hat sie frei. Mooki passt auf wie ein Habicht denn die attraktive Gärtnerin macht mir immer schöne Augen, sehr zum Missfallen meiner Frau. Da die Gärtnerin auch ein bisschen Englisch versteht machen wir ab und zu ein Witzchen. Als sie mich Augen zwinkernd fragte ob ich mit ihr duschen wolle habe ich schweren Herzens dankend abgelehnt. Ich war mir sicher dass das nicht unbedingt ein Witzchen war aber ich hätte mich da auf dünnem Eis bewegt hätte ich das verlockende Angebot angenommen.

Die Thais hier kennen keinen Sonntag. Ausser den Banken und den Büros von der Verwaltung sind die meisten Geschäfte fast immer offen. Auch gebaut und gebauert wird hier jeden Tag sofern kein Thai- Feiertag ansteht, aber von denen gibt es reichlich. Auch ein Chinesischer Feiertag wird zum Feiern nicht verachtet. Die Thais feiern eben auch die Feste der Chinesen und umgekehrt, so kommt jeder auf seine Rechnung in Bezug auf Feiertage.

Meine Frau treffe ich eher zufällig, je nach dem wie lange sie ihre Thaifilme nachts beim Fernsehen genossen hat. Das kann schon mal bis morgens um vier Uhr dauern, wenn auch eher selten. Dann steht sie auch nicht vor neun Uhr auf. Aber im Allgemeinen ist Mooki eine Frühaufsteherin und trinkt ihren morgendlichen Kaffee zwischen fünf und sechs Uhr und dann geht es ab in den Garten. Sie braucht in der Regel so zwei Stunden um den Garten zu wässern, trotz meiner Computer gesteuerten Sprinkleranlage welche den halben Garten bedient ist der Aufwand enorm. Es ist eben alles zu gross hier. Ich starte inzwischen den Bürocomputer mit einem Kaffee in der Hand und lese die neuen mails, immer in der Hoffnung, dass keine Rechnungen dabei sind. Anschliessend gehe ich auch nach draussen wo bereits die Gärtnerin einen oder zwei Fische gefangen hat in unserem kleinen Teich. Leo unser Husky steht schon ganz nervös daneben und macht wau wau weil er dringend sein Frühstück haben will. Nachdem er seine Fische verpeist hat schleicht er sich in mein Büro zurück, legt sich zwischen Klimaanlage und Vetilator und macht hier, am kältesten Platz des Hauses, sein Verdauungsschläfchen.

Ich bespreche mit der Gärtnerin den Arbeitsablauf des heutigen Tages und mache mich dann auch an die Arbeit. Es gibt immer etwas zu reparieren oder zu renovieren denn das Material wie Armaturen, Werkzeuge und so weiter ist meistens von so lausiger Qualität dass mir die Arbeit nie ausgeht. Hier wird zum Teil noch gebaut wie zu Abrahams Zeiten. Der rechte Winkel wurde garantiert nicht in Thailand erfunden. Die wichtigsten Utensilien auf dem Bau sind Hammer und Nägel.

Während der Regenzeit ist das Klima für uns Europäer hier angenehm und es regnet oft wochenlang nicht trotz Regenzeit. Aber in der heissen Zeit stellt man sich gerne öfters unter die Dusche obwohl die Abkühlung meistens nicht lange anhält. So gegen zwölf Uhr fahren wir dann in ein nahe gelegenes Restaurant um zu essen. Obwohl meine Frau eine hervorragende Köchin ist, essen wir oft auswärts. Das Essen ist hier so billig und abwechslungsreich dass wir anschliessend nur noch das Nachtessen zu Hause zubereiten und das auch nur, weil wir des Nachts nicht mehr unterwegs sein wollen mit dem Auto.

Das Restaurant ist wie die meisten Foodshops nur ein gedecktes Gartenrestaurant oder eine umgebaute Garage. Wir haben unseres „ Mängwan-shop“ getauft denn Mängwan heisst auf Thai  „ Fliege“. Das kommt daher, dass sich in der Nähe eine riesige Fischtrocknerei befindet. Unter freiem Himmel natürlich. Hier passiert fast alles unter freiem Himmel. Nun, wenn der Wind dummerweise Richtung Restaurant weht bringt er hunderte von Fliegen mit, mit denen man um sein Essen kämpfen muss. Das heisst, mit einer Hand wedeln und mit der anderen essen. Bierflaschen, Cola Flaschen und Wasserflaschen sichern wir mit einer zusammen geknüllten Papierserviette die wir jeweils in die entsprechende Oeffnung stecken. Wobei Papierserviette ein hochtrabender Begriff ist. Meistens ist in der Papierbox eine Rolle mit Klopapier drin. Am Anfang hat mich das sehr gestört, aber ich muss sagen, die Idee ist genial. Es kostet nicht viel, jeder kann nehmen soviel er braucht und als Taschtuch kann man das Papier auch verwenden.

Es kommt noch hinzu, dass man hier eigentlich gar kein WC-Papier braucht. Neben jedem WC hängt eine kleine Brause mit einem Duschenschlauch. Hat man sein Geschäft verrichtet so kann man mit der Brause wie mit einem Hochdruckreiniger seinen Hinterteil reinigen. Das ist bei der Hitze hier viel hygienischer als Papier und verstopft erst noch nicht die Kanalisation. Dieses System könnten wir in Europa auch einführen, das wäre ein echter Beitrag zum Umweltschutz und ein Fortschritt was die Hygiene anbetrifft und würde so manche Bremsspur in der Unterhose verhindern. Es ist der billigste Closomat den ich im Moment kenne. Das erste Mal habe ich dieses System, ein bisschen abgeändert, in der Türkei gesehen.

Im Gegensatz zum ersten Eindruck des Restaurants welches einen leicht herunter- gekommenen und verwarlosten Eindruck macht ist das Essen meistens sehr schmackhaft hier. Mein kaltes Bier und den Kübel mit Eiswürfel muss ich nicht mehr bestellen und auch die Flasche Soda für meine Frau nicht. Es steht schon alles auf dem Servierboy neben dem Tisch, bevor wir uns noch richtig hingesetzt haben. Das Servierpersonal besteht meistens aus zwei oder drei jungen Mädchen aus Myanmar, Korea oder Vietnam welche hier eine Unterkunft und Arbeit gefunden haben. Deren Bezahlung ist weit unter dem vorgeschriebenen Mindestlohn aber die Mädchen haben hier eine Art Unterkunft und die Besitzerin der Kneipe achtet darauf, dass die Mädchen auch immer gut angezogen sind. Die Eltern der Kinder, meist Wanderarbeiter, schicken diese weg von zu Hause. Oft weil das Geld fürs Essen nicht reicht oder es sind eben Wanderarbeiter welche von Baustelle zu Baustelle ziehen und die Kinder nicht mitnehmen können. Den Mädchen geht es nicht schlecht, abgesehen vom Heimweh. Man kann sie aber sicher mit den Verdingkindern zu Jeremias Gotthelfs Zeiten vergleichen und sie werden auch hier  nach Strich und Faden ausgebeutet. Polizei und Regierung schauen diskret weg.

Nachdem meine Frau ihren gegrillten Fisch und ich mein geschnetzeltes Hühnchen mit Reis und Gemüse vertilgt habe begleiche ich die Rechnung. Nicht ohne jedes Mal ein angemessenes Trinkgeld zu geben. Die Thais hingegen sind da sehr knauserig, sofern sie überhaubt etwas geben. Immer nach dem Motto : nehmen ist seliger denn geben.

Auf jeden Fall freuen sich die Mädchen jedes mal wenn wir zum Essen erscheinen und wenn es meine Frau nicht mitbekommt stecke ich ihnen ab und zu ein paar Scheinchen extra zu. Nicht dass meine Frau etwa geizig wäre. Aber sie ist extrem arm aufgewachsen und denkt immer, mir müsste das Geld bald ausgehen. Ihre Tochter welche in Bankok studiert liegt uns auch noch ganz schön auf der Tasche.

Das Geld für die Uni, die Unterkunft, Kondominium genannt, und das Essen muss auch bezahlt werden und als Sponsor komme leider nur ich in Frage.

Nach dem Mittagessen fahren wir oft in die Stadt um unsere Einkäufe zu machen. Meine Frau geht gerne auf den Markt, denn sie kocht leidenschaftlich und nur mit frischen Zutaten. Auf den Markt begleite ich meine Frau meistens nicht. Wenn die Marktweiber sehen, dass ein Ausländer dabei ist fördert das die Habgier und die Preise für Gemüse und Früchte schnellen rasant in die Höhe. Es gibt neuerdings auch einen grossen Baumarkt der mir sehr zu gute kommt denn bis anhin mussten wir immer nach Hua Hin in den Baumarkt fahren um einzukaufen und das waren doch jedes Mal gute hundert Kilometer bis dorthin. Es hat fast ein Jahr gedauert bis ich nun endlich weiss, welcher Handwerker und welches Geschäft wo zu finden ist. Inzwischen hat sich meine Frau zur guten Autolenkerin gemausert. Wer sich hier am Verkehr beteiligt braucht gute Nerven und fünfzehn Schutzengel. Abgesehen davon, dass es hier Fahrzeuge gibt welche man bei uns nicht einmal auf der Schrotthalde findet, haben wir hier einen so genannten Individualverkehr. Das heisst, jeder fährt wie er kann und wo er will. Wir haben zwar Linksverkehr aber so genau nimmt das niemand. Alle fahren und parken so, dass sie nach Möglichkeit nicht einen Schritt zuviel machen müssen beim aussteigen. Ich habe mich am Anfang auch immer geärgert, dass die Thais den Motor immer laufen lassen, auch wenn sie nur im Auto sitzen. Den Grund habe ich dann aber schnell herausgefunden. Sobald der Motor, das heisst, eben auch die Klimaanlage, nicht mehr läuft wird das Auto zum Krematorium und innert Minute heizt  sich der Innenraum auf fünfzig Grad oder mehr auf.

Zu Hause wieder angekommen freut sich Leo über unsere Rückkehr und wedelt mit dem Schwanz, in der Hoffnung dass auch für ihn etwas in der Einkaufstüte zu finden ist. Ich plaudere noch ein bisschen mit unserer hübschen Gärtnerin und wir besprechen noch was andern Tags zu tun ist. Sie arbeitet schnell und gut, für eine Thai unüblich. Ihr Mann war das Gegenteil. Er ist bei der Arbeit fast eingeschlafen und hatte von nichts eine Ahnung. Ich musste ihn vorgestern entlassen, es war nicht die richtige Arbeit für ihn. Er pflückt nun wieder Kokosnüsse wie früher.

Ein Haus mit einem riesigen Garten von mehreren tausend Quadratmeter bedeutet einigen Aufwand, nicht nur für die Gärtnerin sondern auch für mich. So gegen fünf Uhr am Abend erwarten die Karpfen im grossen Teich ihr Nachtessen und auch den roten Speisefischen im kleinen Teich werfe ich gleichzeitig eine tüchtige Portion Trockenfutter in den Teich. Dann kommt das grosse Vergnügen. Ich habe vier kleine Arapaima gekauft und im grossen Teich ausgesetzt. Es sind schöne Fisch die fast wie Hechte aussehen. Das Dumme war nur, niemand hat mir gesagt das die Fischleinmehr als zwei Meter lang und hundert Kilo schwer werden können und sie sind auf dem besten Weg dazu, es zu werden. Der grösste der vier Prügel misst schon anderhalb Meter und frisst mir fast die Haare vom Kopf. Immer Abends um fünf Uhr stehe ich am Beckenrand und stampfe mit dem linken Fuss zwei mal kräftig auf den Boden. Wie auf Kommando kommen die vier scheuen Fische angeschwommen, schauen aus dem Wasser und ich verfüttere ihnen ein Kilo Fisch welchen wir jede Woche auf dem Markt kaufen, halbieren und in Kiloportionen einfrieren. Zuerst haben wir sie mit Crevetten aufgepäppelt aber das wurde langsam zu teuer. Ich habe es mit kleinen Fischen versucht und siehe da, sie verspeisen sie mit Hochgenuss. Jeden Tag ein Kilo oder mehr. Kleine Fische sind hier billig und so tut uns der Futterkauf nicht so weh. Am Anfang hatten wir immer tote Karpfen im Teich mit abgefressenen Flossen und Schwänzen. Wir haben lange gerätselt welches Tier der Uebeltäter sein könnte. Mit dem Füttern der Arapaimas hat das aufgehört. Die armen Kerle hatten einfach nicht genug zu fressen und haben die anderen Fische angeknabbert.

Nach der Fütterung nehme ich meine Angelrute und hole einen roten Fisch aus dem kleineren Teich. Diese vermehren sich so schnell, dass wir kaum mit fischen nachkommen. Leo unser Husky ist Fischliebhaber und so bekommt er jeden Tag morgens und abends ein bis zwei Fische welche er sofort verspeist. Wenn der Fisch mal grösser als sein Hunger ist, frisst er nur die Hälfte und die andere Hälfte vergräbt er in seinem Sandhaufen. Den halben stinkigen Fisch frisst er dann andern Tags. Die weiteren gefangenen Fische kommen in den grossen Teich als Futter für die Arapaima und zur Erweiterung des Fischbestandes.

Wenn mein Tagewerk erledigt ist bekomme auch ich etwas zu essen. Da meine Frau ein bisschen auf ihr Gewicht schauen muss, isst sie nichts am Abend, kocht mir aber immer ein feines Essen. Besonders ihre Suppen sind ein Traum und haben mit Suppe wie ich sie bisher kannte nicht viel zu tun. Sie serviert mir dann eine Schüssel mit Suppe die ausser Gemüse noch vier grosse Hühnerbeine beinhaltet und eine Schüssel wohlschmeckenden Reis oder eine Suppe mit Glasnudeln und Hühnerstücklein. Wie gesagt, die Suppen schmecken so gut und sind so toll gewürzt, dass man kaum mit essen aufhören kann. Dazu gibt es ein kaltes Bier im Eisglas, manchmal auch zwei. Das Eisglas ist eine gute Erfindung. Sie nimmt dazu ein dickes hohes Trinkglas, füllt es zu einem Viertel mit Wasser und stellt es in den Tiefkühler. Ein paar Stunden später sind die Gläser und das Wasser tiefgefrohren. Man kann nun kaltes Bier oder was auch immer trinken und braucht keine Eiswürfel, denn der Eisklotz im Glas schmilzt nur langsam. Wir haben für unsere Gäste immer ein paar „ Eisgläser „  auf Vorrat und diese kommen gut an.

Nach dem Abendessen trinken wir meistens noch einen Kaffe und wenden uns dann dem Fernseher oder dem Computer zu bis es Zeit zum schlafen ist.

Da meine Frau nicht deutsch spricht und ich nur sehr schlecht thailändisch spreche hat jeder von uns seinen eigenen Fernseher und Computer. Ich habe mir von der Stadt her ein Glaskabel legen lassen und kann nun via schnelles Internet alle Europäischen Programme empfangen. Wenn ich dann müde im Bett lande höre ich noch ein bisschen Radio Basilisk aus Basel und bald darauf schlafe auch ich.