Meine Tochter will nichts mehr von mir wissen

Nachdem ich nun seit  vier Monaten in Thailand bin und nichts mehr von meiner Tochter gehört habe und sie meine Weihnachtsgrüsse auch nicht erwidert hat erhalte ich endlich eine mail von ihr. An Weihnachten habe ich ihr auf die Karte geschrieben, dass ich sie vermisse und ich sie auf jeden Fall liebe, da sie ja meine Tochter ist.

Voller Vorfreude öffne ich die mail aber da steht folgendes:

Lieber Stefan

Ich hoffe, du geniesst deine Zeit in der Ferne.

Eigentlich hatte und habe ich nach wie vor nicht grosse Lust dir zu schreiben, trotzdem ist es mir ein Bedürfnis einige Dinge klar zu stellen. Ich werde hier meine Sicht der Dinge erläutern und möchte sie dann so stehen lassen, so wie ich auch deine Dinge stehen lassen werde.

Ich, wir haben nichts gegen dich, im Gegenteil wir lieben und vermissen dich.

Nach dem Desaster meines 40 Geburtstages (es wurde genügend darüber gesprochen) war ich sehr enttäuscht als ich an meinem 41 Geburtstag 200 Franken im Briefkasten in einem Couvert fand. Die Kinder haben sich über das Geld gefreut.

Ich, wir fand(en) es sehr seltsam, dass du dich bei uns nicht persönlich verabschieden konntest.

Tatsache ist und bleibt, dass du gerne zu uns kamst, wenn du gerade keine Beziehung hattest, kaum lerntest du jemanden kennen, blieben deine Besuche aus. Wieso das so ist, musst du für dich klären. Wir haben das schon bei Johanna erfahren. Bei Kathrins Kindern durfte ich dann den Babysitter spielen.

Kurt war immer dein Freund. Er hat alles für dich gemacht und du für ihn. Aber seit du deine neue Frau hast, hast du bei mir immer schlechter über Kurt gesprochen. Denke aber daran, Kurt ist immer noch die selbe Person.

Wie du das mit deiner jetztigen Frau regelst geht mich nichts an, dies ist deine Sache. Ich habe nur bemerkt, dass du dich verändert hast. Ich hoffe, du findest dein Glück und kannst den Rest deinens Lebens, wo auch immer du ihn verbringst, in vollen Zügen geniessen.

Wir wünschen, dass du dein Glück findest. Ich bin der Überzeugung, dass jeder sich selber glücklich machen muss. Bequemlichkeit steht dem Glück oft im Wege.

Da nach einem Jahr alle meine Knochenbrüche verheilt und alle meine Entzündungen abgeklungen sind, geniesse ich das Leben in vollen Zügen. Seit Weihnachten habe ich einen gewissen Egoismus entwickelt. Ich mache jetzt viele Dinge für mich. Unsinnigen Auseinandersetztungen gehe ich aus dem Weg. Sie brauchen nur Energie und bringen nichts.

Gian ist in Langenthal im Hockey-Talentshop angemeldet und für Sommer 14 vorgemerkt.

Lilja geht es auch super.

Sonnige Grüsse

Barbara und co.

Ich verstehe also die Welt nicht mehr ganz und antworte:

 

Liebe Barbara,

vielen Dank für Deine mail.

Natürlich vermisst Du mich, deshalb hast Du ja seit sechs Monaten keine mail geschickt und auf meine Weihnachtskarte nicht geantwortet.

Nachdem Du dauernd über Passamontr gelästert hast, gab es keinen Grund mehr mich von Euch zu verabschieden.

Ich akzeptiere Deine Standpunkte, wenn ich ihnen auch nicht immer folgen kann.

Der arme Kurt über welchen ich immer herziehe wohnt seit vier Monaten im Ferienhaus neben mir. Er war sehr krank und wir gingen mit im in das Spital in Hua Hin und haben gesorgt für ihn, nun geht es ihm wieder besser. Was ist mit Deinen Leuten und ehemaligen Freunden welche Du dauernd in der Luft zerrissen hast?

Leider kann ich von hier aus meinen Enkeln keine Geburtstagsgeschenke machen, deshalb habe ich Christoph den Auftrag gegeben selbige für mich zu besorgen.

Ich meine, man ist nicht auf der Welt um das leben in vollen Zügen zu geniessen sondern um etwas zu bewegen was ich hier kann. Von der ersteren Gattung laufen hier genug Leute herum.

Es würde mich interessieren wieso Du gerade seit Weihnachten einen neuen Egoismus entwickelt hast.

 Es freut mich, dass es Gian und Lilja gut geht und ich hoffe, dass sie von Sportunfällen verschont bleiben und auch von dubiosen Grossvätern wie mir. Grüsse sie von mir.

Stefan

Die Antwort war kurz und bündig, sie lautete:

....Wenn du so von mir denkst dann verabschiede ich mich.....

Da kann man sich schon fragen, wer denkt was von wem. Wie dem auch sei, nach dieser Antwort war ich am Boden zerstört und ich schickte den ganzen Mailmist einer mir nahe stehenden Freundin und bat sie um ihre Meinung.

Sie antwortete mir umgehend folgendes:

 

Lieber Stefan

Herrje, das tut mir sehr sehr leid und ich fühle mit Dir.

Ich glaube Deine Tochter hatte die Idee, sie hätte Dich im Griff und jetzt ist sie wütend, weil sie Dich nicht manipulieren kann. Ja, es gibt solche Menschen, leider auch in der eigenen Familie. Das schmerzt sehr.

Ich finde sehr schön was Du geschrieben hast betreffend 'im Leben etwas bewirken'. Da sieht man gut, dass ihr zwei ganz verschiedene Ansichten zum eigenen Leben und dem (Sinn des) Lebens(s) überhaupt habt. Da seid Ihr an zwei ganz verschiedenen Punkten, das Leben betrachtend.

Ich habe, je länger die Trennung von Till dauert, auch diese Einsicht bezüglich meiner Beziehung zu ihm gewonnen. Ich habe diese Diskrepanz gefühlt, aber nie so klar in Ihrer Ursache gesehen. Sie hat viel Schmerz verursacht, aber auch viel Faszination ausgelöst. Diese völlige andere Haltung dem Leben gegenüber. Es geht mir besser, wenn ich diese Wahrnehmung einfach stehen lassen kann, als 'anders' und nicht als 'besser oder schlechter'.

 

Vielleicht hilft Dir das auch bezüglich Deinen Gefühlen Deiner Tochter gegenüber. Du bist ausgestiegen und sie verteidigt Ihr 'Nichtaussteigen aus ihrem Lebenskonzept'. Ich glaube, das ist einfach die Schlüssigkeit, mit der man auf der persönlichen Ebene in diesem Moment reagiert, So wie Till sich am Tag unserer Trennung bereits die nächste Freundin gesichert hat. Für mich unvorstellbar, für ihn schlüssig. Was bleibt ist der Schmerz über die Unvereinbarkeit der beiden persönlichen Ebenen, die ja auch einfach ein Ausdruck des Lebens an sich sind. Und trotzdem: es tut weh und den Schmerz kann niemand für Dich tragen.

Ich versichere Dir, lieber Stefan, ich fühle mit Dir und ich finde es wunderbar, was Passamontr und Du für den lieben Kurt getan habt. Welch Geschenk für ihn solche Freunde zu haben. Bitte Grüsse ihn herzlich von mir und natürlich auch Deine tolle Frau.

Ich freue mich von Dir zu hören und durch die schönen Fotos einen kleinen Einblick in Euer Leben zu bekommen.

Herzlichst und eine Umarmung an alle,

Isabelle