Reise nach Ranong

 

So ein Visum ist eine feine Sache. Man kann sich damit in einem fremden Land aufhalten wenn man will.

Dümmer ist es aber, wenn man sich in einem fremden Land aufhält und das Visum läuft ab. Da kann man schnell furchtbaren Aerger mit dem betreffenden Staat  bekommen. In meinem Fall ist das Thailand und für  Visa- Vergehen sind happige Strafen vorgesehen angefangen von Bussgeldern bis Gefängnis und anschliessende Ausschaffung. Ich bin ja ein ganz schlauer Fuchs und so habe ich mir gleich zwei Visa zu drei Monaten ausstellen lassen bei der Botschaft in Basel nach dem Motto... sicher ist sicher. Und siehe da, nun ist mein erstes Visa fast abgelaufen und es fehlen mir nur zwei lausige Tage dann wäre ich ja so wie so wieder heimgeflogen in die Schweiz.

Nun, wie ich zu meinem Leidwesen feststellen muss, hat die Geschichte einen Haken. Damit ich mein zweites Visa für nochmals drei Monate aktivieren kann, muss ich Thailand verlassen und wenn es nur zehn Meter über die Grenze sind. Das habe ich zwar gewusst aber die Sache hat nun noch einen Pferdefuss. Es funktioniert nur, wenn ich von einem internationalen Flughafen einreise oder an bestimmten Stellen das Immigation Office besuche und diese Orte sind im Moment alle weit weg von Prachuap wo ich zur  Zeit mein Unwesen treibe.

Die vermeintliche Lösung hatte der deutsche Kneipenwirt um die Ecke. Gehen sie doch schnell mit dem Bus nach Ranong und von da aus mit dem Boot nach Burma und dann haben sie im Handumdrehen ihr neues Visa und er gab mir auch eine Adresse eines sogenannten Freundes der vor Ort alles für mich erledigen würde.

Als vorsichtiger Mensch schaute ich sogleich im Internet nach und siehe da.... man warnte vor hilfreichen Personen welche die Touristen abzockten und nicht selten noch der Mafia angehörten. Am nächsen Nachmittag erzählte ich mein Problem meinem Thailändischen Freund und Nachbarn Chanvud und dieser erklärte sich sofort bereit  mit uns, das heisst mit meiner Frau und mit meinem Freund Kurt, welcher auch einmal Burma sehen wollte, nach Burma zu reisen. Diesen Vorschlag nahm ich natürlich begeistert an.

Gestern war es nun soweit. Am Vorabend stellten wir den Wecker auf fünf Uhr und um diese Zeit läutete er leider auch. Ich kroch fluchend aus dem Bett denn ich hatte das Gefühl ich wäre gar noch nicht im Bett gewesen. Als Höhepunkt stellte ich fest, dass Armbanduhr und Wecker nicht die selbe Zeit anzeigten. Demzufolge hatte ich Idiot etwas falsch eingestellt und mir blieben noch vierzig Minuten bis zum Aufbruch. Wir gingen in die Lobby des Hotels und schlabberten unser Frühstück mit Spiegelei welches uns die Besitzerin Tum zur frühen Stunden freundlicherweise zubereitet hatte. Punkt sechs Uhr waren wir drei bereit für die Expedition. In Thailand fehlt immer etwas, diesmal war es unser Fahrer. Endlich nach zwanzig Minuten kam auch Chanvud mit seinem Geländewagen und wir wollten einsteigen da kam auch schon das nächste Problem auf uns zu. Der Platz neben dem Fahrersitz den üblicherweise meine Frau belegte war schon belegt in Form von Chanvuds Bruder welchen er als Fahrer engagiert hatte. Leise fluchend quetschten wir uns zu dritt auf den hinteren Sitz. So eingeklemmt zu reisen, das hatten wir uns nicht vorgestellt und dass  Chanvud seinen Bruder als Chauffeur missbrauchte war nicht abgemacht aber wir starteten notgedrungen.

Der Bruder, seines Zeichens Musiklehrer,  fuhr zügig aber die Fahrt zog sich hin. Nach zwei Stunden machten wir eine Pinkelpause und das Auto brauchte Flüssiggas von der Tankstelle. Kurz darauf  ging es auf der gewöhnungsbedürftigen Autobahn weiter. Die Bezeichnung Autobahn darf nicht missverstanden werden. Es war eine Ansammlung von Löcher welche ab und zu mit Asphalt verbunden waren.

Nach weiteren anderthalb Stunden erreichten wir endlich Ranong. Es war mit Abstand  die unwirtlichste Stadt welche ich in letzter Zeit gesehen hatte. Heruntergekommene Häuser und heruntergekommene Leute, darunter viele arme Burmesen, welche die Strassen und den Marktplatz  rund um den Hafen beherrschten. Unser Fahrer parkierte in einem Hinterhof an einem schattigen Plätzchen. Kurt meckerte vor sich hin denn ihm war heiss. Zu allem Überdruss erfuhren wir, dass Kurt nicht nach Burma ausreisen durfte da er mit seinem Visum danach nicht mehr hätte einreisen können in Thailand. Auch dieser Umstand verbesserte seine Laune nicht wesentlich. Er war nun dazu verdammt, die Zeit tot zu schlagen bis wir, das heisst ich, meine Frau und Chanvud wieder zurück waren. Wir gingen also Richtung Hafenverwaltung und ich stellte mich in die lange Schlange vor dem Immigration Office, auf deutsch Einwanderungsbehörde. Nachdem ich mir etwa eine Stunde die Füsse wund getreten hatte und mich meine liebe Frau ab und zu mit Büchsenkola versorgt hatte stand ich endlich vor dem viereckigen Loch welches fast wie ein Schalter aussah. Eine mürrische Zollbeamtin schnappte sich meinen Pass, riss einen Zettel heraus und fotografierte mich. Ich habe gehört, es sollen schon Leute nicht mehr zurückgekommen sein von Burma. Beim nächsten Schalter nebenan bekam ich meinen Pass aber wieder zügig zurück, geschafft.

Von wegen geschafft. Der Stempel in Burma kostet zwanzig Dollar und diese gab es nur hier bei den Händlern von der Mafia zu erwerben. Als sie mir den Kurs nannten schluckte ich leer. Nicht dass ich das Geld nicht hätte, aber der Kurs lag etwa dreissig Prozent über dem offiziellen Kurs. Zähneknirschend schnappte ich mir also einen Zwanziger und mein Blutdruck stieg noch mehr. Am liebsten hätte ich die Händler umgebracht aber es waren zu viele.

Meine Odyssee konnte also weiter gehen. Am Hafen drängten sich eine Anzahl von Holzbooten mit angebautem Mixer. Die Boote ware in einem dermassen schlechten Zustand dass ich damit nicht einmal meinen Hund übers Wasser geschickt hätte. Wir verabschiedeten uns von Kurt und nachdem Chanwood  dem Besitzer des Postbootes einige Geldscheine zugeschoben hatte kletterten wir in das Postboot. Das Boot sah besser aus als die anderen und eine gewisse Ueberlebenschance konnte man sich ausrechnen. Es gab keinen Schiffssteg, wir mussten wirklich in das Boot kletterten. Nach viel Gefluche, Geschrei und Geschiebe ging die Fahrt endlich los und ich war froh, dem furchtbaren Gestank am Bootsanlegeplatz zu entfliehen. Eine Geruchsmischung aus verfaulenden Fischresten, Exkrementen und Dieselabgas. Der Mixer am Boot entwickelte eine ganz schöne Kraft und wir schossen über das Wasser. Ich sass auf einem Postsack und genoss die Aussicht. Das Meer und die ganze Kulisse waren umwerfend schön. Aber ich war ja in amtlicher Mission unterwegs und ich kam mir vor wie ein Spion. Nicht ganz unbegründet. Überall gab es Polizeiboote und kleine befestigte Inselchen von wo aus das Thailändische Militär mit Sperberaugen das Meer und die Burmesische Küste beobachteten und mir wurde wieder  bewusst  dass die Thai und die Burmesen keine guten Freunde waren.

Zwei mal wurden wir vom Militär aufgehalten und mussten unsere Ausweise zeigen, aber immer freundlich und korrekt. Nach einer dreiviertel Stunde Bootsfahrt erblickten wir Burma und seine Hafenstadt Ranong. Ich konnte nur noch sagen ....mein Gott Walter....

Es gab wieder keine Anlegestelle und das Postboot rammte sich rücksichtslos zwisch die anderen Boote. Wir mussten wieder klettern denn das Deck lag anderthalb Meter über dem Boden beziehungsweise über den Steinklötzen die überall herumlagen. Ich hievte meine Frau aus dem Boot und Chanvud wäre auch fast hingefallen. Fluchend kletterten wir die Böschung hinauf und anschliessend noch über das Eisengeländer, dann standen wir auf der Hafenstrasse von Ranong. Burma wir kommen. Ich erblickte ein Stadtviertel wie ich es noch nie gesehen hatte. Baufällige heruntergekommene Häuser und Gestalten die zum Teil in einen Gruselfilm gepasst hätten. Dreckige Leute, zum Teil besoffen, also wirklich das untere Ende der menschlichen Skala. Wer nachts hier landete konnte froh sein, wenn er am Ende seine Unterhosen noch hatte.

Ein einigermassen normal gekleideter Burmese zeige auf uns und fragte Immigration?? Wir nickten, er winkte uns und führte uns in eine stinkige, mit etwa dreissig Burmesen vollgestopfte Baracke. Ach Gottchen dachte ich, da kann ich locker zwei Stunden warten bis ich an der Reihe bin. Aber nichts da. Unser vermeintlicher Reiseverführer schnauzte .. twenty Dollar??... ich nickte , zeigte ihm die Geldscheine und schwupp waren sie weg. Er hielt sie in die Höhe und schrie.... twenty Dollar......!! Wie von Geisterhand bildete sich eine Gasse in der Menge und mein Pseudoreiseleiter schubste mich unsanft vorwärts und schon war ich der erste in der Kolonne. Die Biebel hat also doch recht, die Letzten werden die Ersten sein. Irgendwie war es mir aber doch nicht recht in Anbetracht der armen Burmesen welche hier auf ein Visum warteten um danach, wenn sie es endlich hatten, in Thailand ausgebeutet zu werden. Die Burmesen wurden zum Teil fast wie Sklaven gehalten und hatten einen miesen Lohn. Ein fetter Zollbeamter kassierte meinen Pass und schubste mich wieder einen Meter weiter. Eine mittelalterliche Burmesin fotografierte mich und dann ging alles ganz schnell. Sie knallte einen Stempel in meinen Pass und schon war ich wieder draussen auf der staubigen Strasse. Wir marschierten die zwanzig Meter wieder zurück und suchten unser Boot. Die vielen Händler welche uns etwas andrehen wollten liessen wir stehen, dafür wurden wir auch entsprechend angepöbelt.

Das Schiff hatten wir sofort wieder gefunden und machten unsere Klettertour rückwärts. Touristen schienen hier nicht beliebt zu sein. Auf jeden Fall bewarfen uns ein Paar Lümmel von der Anlegestelle aus mit Steinen welche ab und zu das Deck trafen. Nun platzte mir aber der Kragen. Ich sammelte die Steine vom Deck auf und erwiederte das Feuer meinerseits. Bereits mit dem zweiten Wurf traf ich einen der Lümmel am Kopf welcher darauf heulend davon rannte. Das Steingewitter hörte schlagartig auf und unser Stabmixer, Motor genannt, begann das Boot vom Ufer wegzuschieben. Wieder auf hoher See schnauften wir alle auf. Man kann sagen es war ein Abenteuer. Aber das Wort Ranong ist seither aus meinem Wortschatz gestrichen.

Die Geschichte hat nun ein kurzes Ende. Zurück in Thailand musste ich wieder beim Immigration Office eine Stunde anstehen aber dann hatte ich endlich meinen Pass und ein neues Visum für die nächsten drei Monate. Kurt welcher mit dem Chauffeur unterwegs war hatte es in der Zwischenzeit auch nicht besser. Er hätte gerne etwas gegessen aber es gab kein Restaurant nur eben Marktstände wie überall in Thailand welche Essen verkaufen. Da er Angst hatte vergiftet zu werden, hatte er auf Essen verzichtet. Wir pilgerten also wieder zu unserem Auto und fuhren die vier Stunden zurück. Inzwischen dämmerte es und es wurde schlagartig Nacht wie das halt in Thailand so üblich ist. Abends um acht Uhr waren wir alle wieder zu Hause und ich lud alle zu einem guten Essen ein um mich für die Hilfe zu bedanken.

Eines habe ich mir hinter die Ohrren geschrieben...einmal Ranong...nie wieder Ranong und daran habe ich mich bis heute gehalten.