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Grossmutter oder Anna Hufschmid- Funk

Meine Grossmutter war, wie man es heute wohl bezeichnen würde, ebenfalls so ein Original wie ihr Mann, mein Grossvater mütterlicherseits also. Diesen Dorfschmied und Rucksäcklibauern, wie wir in der Schweiz oft bösartig einige Leute bezeichnen. Gemeint sind darob die Freizeitbauern, die jeden Tag mit ihrem Rucksack unterwegs sind um,  aus finanzieller Not einer zweiten Arbeit nachzugehen. Eben so einen hat sie in Bayern, genauer gesagt in Reichenzhofen noch vor dem zweiten Weltkrieg aufgetrieben. Über diese „spezielle“ Ehe kann ich nicht viel erzählen, da ich meinen Grossvater, wie bereits berichtet, nur einige Male im Altersheim Ruttigerhof gesehen habe. Ein Heim  in das ihn seine Kinder, also meine Mutter und ihre zwei Brüder, das heisst meine Onkel Eduard und Arnold und nicht zuletzt seine Frau Anna Hufschmied-Funk abgeschoben haben.  Das Altenheim war eine überaus hässliche Einrichtung und ausserhalb von Olten am Ufer der Aare recht abseits gelegen. Es machte einen düsteren und bedrohlichen Eindruck auf mich. Dort waren die Leute niemandem mehr im Weg und durften in Ruhe auf ihr Ende warten. Im Innern des Altenheims roch es nach abgestandener Luft und altem Linoleum. So sah es auch aus, nicht viel besser als ein Gefängnis von damals und wohl um einiges schlechter als ein heutiges Gefängnis. Nun aber zu meiner Grossmutter, zu meinem Opa kommen wir später noch.

Wie gesagt, meine Oma mütterlicherseits stammt aus Reichenzhofen und kommt aus einer Bauernfamilie. Sie war eine resolute Person und hatte unseren Haushalt gut im Griff. Als kleiner Bub habe ich vor allem ihre Lebensweisheiten zu schätzen gewusst, die sie jeweils bei passenden und manchmal auch unpassenden  Gelegenheiten zum Besten gegeben hat. So zum Beispiel :„ der Krug geht zum Brunnen bis er bricht“, wenn ich etwas Verbotenes so lange getan hatte, bis ich endlich ein paar hinter die Ohren bekam. Oder wenn ich schwimmen gehen wollte mit meinen Freunden meinte sie : „das Wasser hat keine Balken“, was übersetzt auch hiess, dass man durchaus auch ertrinken könnte und somit war das Thema des Schwimmenlernens vorläufig abgehakt. Einmal beschwerte ich mich beim Nachtessen über das Brot auf dem Tisch. Meiner Meinung nach war es zu hart und ich tat dies auch lautstark kund. Dazu meinte meine Grossmutter nur:“ hartes Brot ist nicht hart, aber kein Brot ist hart“. Diesen Spruch habe ich mir bis heute gemerkt und mich seither selten mehr über ein Essen beklagt. Auch den Spruch „Spare in der Zeit dann hast du in der Not“ hat sie oft verwendet. Ich habe ihn an meine Bedürfnisse angepasst „spare in der Not dann hast du Zeit dazu“. Eine Sammlung deftiger bayrischer Flüche hat sie mir auch beigebracht. Das heisst, sie hat sie mir natürlich nicht explizit beigebracht, ich habe sie einfach so mitbekommen, aber ich möchte auf selbige hier nicht weiter eingehen. Als Beispiel kann ich nur nennen : „Hundsfot elendiger“,

 die Bedeutung war mir lange ein Rätsel, hingegen unter: „am Oasch leckst mi“ konnte ich mir als Kind schon eher bildlich etwas vorstellen.

Meine Grossmutter war eine sehr fleissige Frau und ich liebte sie heiss, was aber nicht verwunderlich war denn ich verbrachte fast den ganzen Tag bei ihr auf unserem Bauernhof. Meine Mutter musste arbeiten damit ein bisschen Geld in die Haushaltskasse floss. Sie war bei der Telefonverwaltung in Olten angestellt. Trotz ihrer derben Art verwöhnte mich meine Oma so gut sie eben konnte, nicht materiell, aber in Form von Zuwendung die ich nötiger hatte und mehr zu schätzen wusste. Ich sass viel auf ihren Knien und sie erzählte mir Geschichten, auch gruslige der Gebrüder Grimm. Sie verbrachte fast den ganzen Tag in ihrem geliebten Garten, der das Ausmass eines kleineren Fussballplatzes hatte. Dort gab es immer viel Arbeit wie jäten, sähen, pflanzen, ernten und Kaninchen einfangen, falls wieder mal einem die Flucht vor der Pfanne gelungen war. Ich half meiner Oma viel im Garten, fütterte unsere nahezu zwanzig Kaninchen, ärgerte den Kater indem ich ihm eine leere Büchse an den Schwanz band und er darauf wie von einer Tarantel gestochen kreuz und quer durch die Scheune raste bis er endlich die verdammte Büchse wieder los war oder ich machte Feuer im Garten und verbrannte Unkraut und alte Äste die von unseren vielen Obstbäumen immer reichlich anfielen. Wenn Grossmutter dann noch ein Stück Wurst beisteuerte das ich braten und essen durfte, war der Tag für mich perfekt.  

So ganz nebenbei und spielerisch erlernte ich das Handwerk des Gartenbaus, auch wenn ich mir dessen nicht so bewusst war. Meistens um fünf Uhr am Nachmittag verschwand die Oma Richtung Küche um das Abendessen vorzubereiten. Sie war eine ausgezeichnete Köchin und obwohl wir nur wenig Geld zur Verfügung hatten, bin ich heute noch überzeugt davon, dass wir besser und reichlicher gegessen haben als die meisten andern Leute in unserer Umgebung. Es kam an Wochenenden nicht selten vor, dass die Grossmutter am Sonntagmorgen um sechs Uhr mit Kochen anfing, damit um zwölf Uhr mittags nach dem Kirchgang auch ja alles bereit fürs Mittagessen war. Ich will hier nicht aufzählen, was jeweils aufgetischt wurde, denn wenn ich nur an die Gerichte und an die verschiedenen Düfte zurückdenke, tropft mir heute noch beim Schreiben der Speichel auf die Tastatur. Wenn ich so zurück denke glaube ich, dass unsere heutigen Ernährungsapostel gar keine Ahnung mehr davon haben was gutes Essen wirklich bedeutet und welche angenehmen psychischen Zustände und Glücksgefühle es hervorrufen kann. Nicht selten kam auch Onkel Arnold am Wochenende zu Besuch und liess sich verwöhnen. Er war ja Single und hatte niemanden der ihn bekochte. Er verdiente zwar gut liess ich mir sagen, aber heimische Küche kann man eben nicht kaufen. An ein Rezept welches sie besonders liebte und ich natürlich auch, kann ich mich noch gut erinnern, das waren Dampfnudeln mit Vanillesauce.

Die Grossmutter hat das immer so gemacht für 4 Portionen:

350 g Mehl

1 Briefchen Backpulver

1 Prise Salz

25 g Zucker

1Briefchen Vanillezucker

2 Eier

200 ml Milch

1 TL Oel

Milch für die Pfanne

Für die Vanillesauce:

1 Ei

2 EL Zucker

1 Briefchen Vanillezucker

1 gestrichener EL Stärkemehl

½ Liter Milch

Herstellung:

Mehl und Backpulver in einer Schüssel mischen, Salz, Zucker, Vanillezucker, Eier mit etwas Milch verquirlen, zusammen mit der restlichen Milch dazugeben und alles verrühren. Die heiße hochrandige Pfanne mit Fett ausstreichen und ca. 1 cm hoch Milch hineingeben. Aufkochen lassen und 6-7 Häufchen Teig hineinsetzen. Einen gewölbten Deckel auflegen und auf kleiner Flamme ca. 25 Min. garen.

Für die Vanillesauce das Ei und den Zucker schaumig rühren, Mondamin dazu geben und glatt rühren, Milch zugeben und unter ständigem rühren aufkochen lassen.

Nach dem Abendessen sassen wir oft in der schummrigen Küche und meine Grossmutter, kaffeesüchtig wie sie war, schlürfte ihren schon zum dritten Mal aufgewärmten Milchkaffee, der eigentlich fast den ganzen Tag auf der alten Herdplatte vor sich hinköchelte. Ja, unser alter, alter Holzherd mit Wasserschiff war eine echte Antiquität und vor allem im Winter saupraktisch. Er diente nicht nur zum Kochen und sorgte dafür, dass wir fast rund um die Uhr heisses Wasser für unsere nächtlichen Bettflaschen hatten, nein, er beheizte auch unseren riesigen Kachelofen in der Stube, denn der noch vorhandene kleine gusseiserne Kanonenofen mit den elfenbeinfarbigen Kacheln hätte bei kaltem Wetter zum Heizen nicht ausgereicht. Wenn aber draussen der Föhn tobte, das heisst unser berühmt- berüchtigter warmer Wind, dann war oft der Teufel los. Dann hatte der alte Kamin des Bauernhauses keinen Zug mehr, das Feuer im Ofen kokelte nur noch vor sich hin und das Pech das an der Innenwand des Kamins klebte begann sich zu verflüssigen und lief in der Küche aus der Kaminreinigungsklappe in Form einer schwarzen übelriechenden Brühe und bildete einen See auf dem Boden. Es roch dann als würde man eine Strasse frisch teeren. Alles was Hände hatte musste antreten, um mit Hilfe von alten Zeitungen den Teer aufzuwischen. Es war jedes Mal eine höllische Putzerei. Gott sei Dank waren solche Episoden relativ selten.

Ich war als kleiner Bub schon kein Frühaufsteher, aber dafür ein Spät-ins-Bett-geher. Dies hatte wiederum zur Folge, dass ich die Schauermärchen und Gespenstergeschichten mitbekam, die meine Grossmutter zu später Stunde zu erzählen pflegte. Wir wissen ja alle, dass es keine Gespenster und Geister gibt. Ich war mir dessen aber damals nicht sicher und heute schon gar nicht mehr, habe ich doch am eigenen Leib erfahren müssen, was es heisst, von selbigen geplagt zu werden.

Und nun eine der Gespenstergeschichten meiner Grossmutter.

Mein Grossvater hatte einen Bruder der auch auf dem Hauenstein, dem kleinen Pass über den Jura von Trimbach ins Baselbiet, bauerte. Bauernhof konnte man zu dem Gehöftchen eigentlich nicht sagen, es war eher ein Kleinstbauernhof mit integrierter Schwarzbrennerei in der mein Grossvater der beste Kunde war. Amadeus hiess der Bruder, wurde aber nur Amade gerufen. Im Hochsommer verdiente er sich ein Zubrot, indem er giftige Juravipern fing die es damals noch reichlich gab. Dies bewerkstelligte er  geschickt mit einem Haselstock der vorne eine kleine Astgabel hatte. Sah er eines der Schlängelviecher, so klemmte er die Schlange hinter dem Kopf auf den Boden, hob sie gleichzeitig am Schwanz hoch und da sich die Schlange aus eigener Kraft nicht hochziehen konnte, war sie gefangen und konnte auch nicht beissen, immer vorausgesetzt man hielt sie weit genug vom Körper weg. Dann wanderte die Viper in einen Kartoffelsack welchen er dann, sobald er genug der Tierchen beisammen hatte, in Olten bei der Sammelstelle gegen gutes Geld ablieferte. Die Schlangen kamen anschliessend ins Basler Seruminstitut wo man aus ihrem Gift Serum gegen Schlangenbisse und andere Medikamente daraus fabrizierte. Man sieht, unsere Familie war schon früh in der pharmakologischen Industrie tätig, wenn auch nur am Rande.

Nach einer solchen Schlangenlieferung pflegte sich Amade im Wirtshaus „Zum Ratskeller“  in Olten ein bisschen mit Speck und Wein zu stärken.Nun zog er , da es schon dunkelte und ein Gewitter im Anzug war, Richtung Hauenstein weiter. Nach einer halben Stunde hatte er das Dorf Trimbach hinter sich gelassen und der Weg begann steil zu werden und ging als steiler Waldweg weiter hoch Richtung Pass. Amade benutzte immer diese alte Römerstrasse die zeitweise wie eine ganz schmale Schlucht aussah und an gewissen Stellen nicht breiter als vier Meter war. Man sieht heute noch an bestimmten Stellen links und rechts im Fels ausgeschlagene Vierecke wo früher die Römer Balken befestigt hatten, damit sie ihre schweren Ochsenkarren mit Hilfe von langen Seilen und eben diesen Balken die Schlucht hochwuchten konnten, wenn die Ochsen die Steigung nicht mehr alleine schafften.

Inzwischen hatte das Gewitter  losgelegt und war nun voll im Gange. Blitz und Donner kamen fast gleichzeitig und Amade fühlte sich wie im Vorhof der Hölle. Er war nur noch wenige Meter vom Ausgang der Schlucht entfernt und sah schon im Licht der Blitze das freie Feld an dessen Ende sein kleiner Bauernhof stand, da knallte es fürchterlich und ein zischender Blitz, der mit Getöse nicht weit entfernt von Amade in eine Eiche schlug blendete ihn so, dass er einen langen Moment nichts mehr sah. Als sich seine Augen wieder an die herrschenden Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, sah er, nicht weit weg von seinem Standort eine Gestalt auf dem Strässchen liegen. Zögerlich trat er darauf zu und erblickte einen sehr alten Mann. Dieser streckte nun seine knochige Hand Richtung Amade aus und sprach: Amade, hilf mir auf!“. Amade fühlte, wie eine eisige Kälte langsam seinen Rücken herunter kroch und blieb abrupt stehen. Wieder streckte die Gestalt ihre Hand aus und rief: „Amade, um der Barmherzigkeit willen, hilf mir auf!“ Amade packte das Grauen und er sprach zu der Gestalt: Jener, welcher dich hier hingeworfen hat, soll dir auch wieder aufhelfen.“ Gleichzeitig schlug die Glocke des nahen Kirchleins Ifental zwölf Uhr Mitternacht und die Gestalt war so plötzlich verschwunden wie sie aufgetaucht war.

Amade hatte es nun ausgesprochen eilig nach Hause zu seiner Frau zu kommen die immer noch mit dem Abendbrot wartete. Eine viertel Stunde später trat er in seine Stube und wollte den Vorfall seiner Frau berichten. Diese aber sperrte nur das Maul auf und sah ihn an wie einen Geist. „Was ist los, habe ich zwei Köpfe?“ wollte Amade wissen. Seine Frau deutete nur auf den alten Wandspiegel ohne dass sie auch nur ein Wort hätte sprechen können. Amade ging hin und schaute hinein. Nun blieb ihm ebenfalls das Maul offen stehen. Sein Haar, am Morgen noch schön schwarz, war mit einem Schlag schlohweiss geworden und so blieb es auch in Zukunft.

Da soll man bei diesen Geschichten  als Kind nachts noch schlafen können!

Das Schlafen ist eine Sache, aber allein aufs Klo gehen eine andere. Und so konnte ich dies des Nachts auch nicht mehr, denn um selbiges zu erreichen war ich gezwungen von der Küche aus den Hausgang zu durchqueren, um dann durch eine alte Türe in die Scheune einzutreten. Die Scheune hatte zwar ein Totenlichtlein voller Spinnweben aber das Klo lag am Ende der Scheune und das war in der Nacht für mich eine Wanderung durch die Hölle. Mit Mutter oder Grossmutter im Gefolge war das keine Sache, musste ich aber alleine gehen war es eine Tortur für mich und ein Spiessruten laufen. Das erste Stück rannte ich meistens, konnte es mir aber doch nicht verkneifen, mich in der finsteren Scheune umzusehen und hols der Teufel, gab es da Gegenstände die laufend ihre Form veränderten. Es waren meistens fürchterliche Fratzen die mich angrinsten. Zuerst dachte ich das sei Illusion, also schaute ich weg. Als ich aber wieder hinsah waren die Dinger immer noch da. Das war zuviel für mich. Schreiend raste ich wieder in die Küche zurück und wartete, bis sich jemand meiner erbarmte und mit mir aufs Klo ging, obwohl ich mit meinen Geschichten nur Kopfschütteln erntete.

Und so konnte meine Grossmutter ihre Gruselgeschichten, eine nach der anderen, an den Mann und die Frau bringen. Obwohl streng katholisch erzogen, glaubte sie an Hexen und Flüche und hatte Unmengen Beispiele dafür.

So auch diese aus früherer Zeit, als meine Mutter noch mit Grossmutter auf dem kleinen Bauerndorf in Deutschland lebte. Meine Mutter ging damals ins Lyceum, so eine Art höhere Töchterschule. Aus irgend einem unerfindlichen Grund wurde meine Mutter plötzlich krank aber niemand fand den Grund der Krankheit heraus und es wollte sich auch keine Besserung einstellen. In ihrer Not besuchte die Grossmutter eine Heilerin die nach Aussage der Leute im Dorf mehr konnte als nur Kräuter verkaufen.

Sie berichtete der Frau über die Krankheit ihrer Tochter. „Deine Tochter ist nicht krank“ sagte diese, „jemand hat deine Tochter mit einem bösen Fluch belegt“. Sie trug meiner Grossmutter auf, einen Laib Brot zu nehmen und ein Messer in den Laib zu stecken. Dann solle sie das Brot unter das Kopfkissen ihrer Tochter legen bevor sie schlafe. Anderntags würde eine Nachbarin kommen und sie um Brot bitten, aber sie soll ihr ja nichts geben, denn das sei die Frau die ihre Tochter verflucht habe.

Meine Grossmutter schüttelte den Kopf, tat aber was ihr aufgetragen wurde. Am nächsten Tag gegen Mittag kam prompt eine Nachbarin und bat um Brot, da ihr selbiges im Moment ausgegangen sei. Meine Grossmutter schimpfte sie verdammte Hexe und jagte sie aus dem Haus. Zwei Tage später war meine Mutter wieder gesund als wäre nie etwas gewesen .......

Wahr oder nicht wahr, ich weiss es nicht.