Der Scharlatan ... oder schlimmer geht’s nimmer

Dr. Stephan Stepsky von Doliwa

 

Die Ehe zwischen mir und Johanna ging inzwischen immer mehr in die Brüche und wir hatten uns eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Unsere Gemeinsamkeiten beschränkten sich  auf gemeinsame Wanderferien einmal pro Jahr. Einmal pro Jahr Skifahren zusammen mit Freunden und Geschwistern von Johanna. Die Freunde und Bekannten von Johanna konnte ich gut leiden aber es erfüllte  mich jedes Mal mit Unbehagen, denn seit meiner Zeit beim Militär hasse ich alles, was auch nur im Entferntesten mit Winter und kaltem Schnee zu tun hat. Ich hatte während meiner Militärzeit im schönen Reckingen und im Engadin dermassen gefroren, dass es mir für die nächsten hundert Jahre reichte. Sonst interessierten wir uns noch für kochen und essen. Wir kochten ab und zu gemeinsam aber damit hatte es sich dann auch. Mit Sex lief gar nichts mehr und unter diesen Umständen, so meinte ich wenigstens, musste ich auch nicht verheiratet sein. Ich war aber mitschuldig an der Misere, wenn ich es damals auch nicht wahrhaben wollte. Heute bin ich nicht mehr der gleichen Meinung. Johanna hat einen guten Charakter und wenn ich mich ein bisschen mehr angestrengt hätte wären wir wahrscheinlich heute noch zusammen. Johanna hatte den Volkstanz für sich entdeckt und so ging sie regelmässig tanzen, das fand ich dann wiederum gut, so hatte sie ab und zu eine Verschnaufpause von ihrer nervenaufreibenden Arbeit im Geschäft wo sie ausgepresst wurde wie eine überreife Zitrone. Da ich emotional auch am Limit war und ich nicht auf die Idee kam selber etwas zu ändern an unserer Situation wurde unsere Ehe für mich mehr und mehr zur Belastung und ich begann,  anderen Frauen nachzuschauen im Irrglauben, hier die Erfüllung meiner Träume zu finden.

Um nochmals schnell zum Kochen abzuschweifen, so muss ich doch sagen, dass Johannas feine Schinkennudeln mich immer wieder für viel entschädigt haben.

Zutaten:

250 Gramm breite Nudeln oder Makkaroni

Salzwasser

100 Gramm geriebener Schweizer Käse (kein Parmesan)

150- 200 Gramm Schinken

2-3 Eier

Einen viertel Liter saure Sahne

Salz, Muskat, Semmelbrösel

 

Nudeln im Salzwasser nicht zu weich abkochen und abtropfen lassen. In abwechselnden Lagen mit dem geriebenen Käse und dem feingeschnittenen Schinken in eine gut gebutterte und gebröselte Auflaufform schichten. 10 Minuten im vorgeheizten Ofen bei 180 Grad vorbacken.

Die Eier mit der Sahne, Salz und Muskat verquirlen, alles über die Nudeln verteilen und mit Butterflocken belegen. Nach belieben noch Semmelbrösel darüber streuen und weitere 20 Minuten mit Umluft backen bis die Oberfläche angebräunt ist. Dazu serviert man einen grünen Salat. Wenn man einen guten Rotwein oder ein Bier dazu trinkt ist das auch nicht falsch.

 

Ob unserer Ehekriese fragte ich meinen Hausarzt um Rat und dieser gab mir auch die Adresse eines Psychiaters den ich sofort anrief als ich wieder zu Hause war. Leider war sein Terminkalender voll und er gab mir eine weitere Adresse eines deutschen Psychologen und Krisenberaters, welchen er mir sehr empfahl. Ich besprach die ganze Sache mit Johanna und wir vereinbarten, dass ich mir den Psychologen einmal anschauen werde. Also versuchte ich ihn telefonisch zu erreichen und nach mehreren Versuchen erwischte ich ihn auch. Nun, der Herr Hirsch war wie gesagt germanischer Abstammung wie ich seiner Aussprache leicht entnehmen konnte. Mit Psychologen und Psychiatern hatte ich bisher nicht viel am Hut denn bis jetzt habe ich keine guter Erfahrungen mit ihnen gemacht. Somit ging ich mit gemischten Gefühlen zu dem vereinbarten Treffen am folgenden Tag. Nach längerem Suchen hatte ich die Praxis in Arlesheim auf dem Hügel „zum weissen Segel“ gefunden und ich klingelte an der Türe. Als sich die Türe endlich öffnete musste ich mir trotz aller Tragik welche mich hierhergeführt hatte das Lachen verkneifen. Ein magerer Wurf, nicht alt, höchstens vierzig Jahre, also ein Hungerturm mit einer Nickelbrille und lebendigen Augen stand vor mir. Wir stellten uns gegenseitig vor und ich trat ein. Ich trat in ein grosses freundlich gestaltetes Zimmer mit zwei Polsterstühlen und dem obligaten Sofa. Nachdem ich mein vermeintliches Anliegen vorgebracht hatte liess er mich einfach erzählen und weiter reden. Ich redete und redete und Herr Hirsch machte ein paar Notizen. Als meine Stunde fast um war, fragte er mich, was ich eigentlich von ihm erwartete. Ich bat ihn, mir bei der Lösung meines Problems zu helfen, worauf er kurz und bündig meinte, ich solle mich scheiden lassen und zwar möglichst schnell, eine andere Lösung gäbe es nicht seiner Meinung nach. Ich musste leer schlucken um das Gehörte zu verdauen er aber meinte, falls ich wieder kommen wolle, müsse ich meine Frau auch mitbringen worauf ich also einen neuen Termin mit ihm vereinbarte.

Als die nächste Sitzung eben fällig war kam ich also mit meiner Frau Johanna im Schlepptau angerauscht. Herr Hirsch bat sie, ihre Version der Geschichte zu erzählen welche sich mit meiner Version natürlich nicht ganz deckte, wie zu erwarten war. Ich hatte aber auch kein Interesse, wie man im Volksmund so sagt, dreckige Wäsche zu waschen vor fremden Leuten und die ganze Angelegenheit endete mehr oder weniger mit einem Patt. Johanna gab auch klar zu erkennen, dass sie nicht die Absicht hatte irgendeinen Therapeuten aufzusuchen um in sexueller Hinsicht etwas zu unternehmen und somit war die Sitzung bald beendet ohne dass wir wirklich einen Fortschritt erzielt hatten. Johanna wollte also an keinen weiteren Sitzungen bei Herrn Hirsch mehr teilnehmen, ich hingegen fand, für mich sei das ein akzeptabler Weg mein Leben neu zu gestalten, hatte ich doch nun eine neutrale Ansprechperson gefunden, welche ich auch in heiklen persönlichen Fragen konsultieren konnte. In diesem Moment wusste ich aber nicht, dass dieser Kontakt mein Leben wirklich total umkrempeln würde und für Jahre weiter bestehen sollte. Zuerst brachte mir Herr Hirsch eine einfache Meditationsübung bei, welche man in jeder Situation und an jedem Ort anwenden konnte. Als nächsten Schritt bekam ich Aufgaben um meine extreme Platzangst zu bekämpfen. Es funktionierte und das alles ohne Medikamente. Mein Zustand besserte sich von Woche zu Woche.

In Sachen Psychiater und Psychologen, welchen ich sowieso nie über den Weg traute und bis anhin nur schlechte Erfahrungen gemacht hatte, hätte ich da noch ein anderes Geschichtlein zu erzählen.

Da Johanna zu dieser Zeit sehr angestrengt arbeiten musste wegen einer Fusion in ihrer Firma, das heisst, bei unserem gemeinsamen Arbeitsgeber, war sie vermehrt von Nacken- und Rückenschmerzen geplagt. Eine Freundin nannte ihr die Adresse einer Physiotherapeutin welche sie auch gleich darauf anrief, einen Termin vereinbarte und aufsuchte für Rückenmassagen. Die Massagen halfen scheinbar und so wurden diese mehr oder weniger zu einer Dauereinrichtung und mit der Physiotherapeutin entwickelte sich schnell eine Art Freundschaft wie das bei Frauen scheinbar üblich ist.

Nun, sobald sich Frauen ein bisschen näher kennen, erzählen sie sich alles, aber auch wirklich alles und so war es nicht verwunderlich, dass sie sich gegenseitig bald die intimsten Geschichten erzählten. Wer von meinen Leidensgenossen das nicht glauben will, ist ein Vogel Strauss welcher mit dem Kopf bis zur Schulter im Sand steckt. Auf jeden Fall erzählte Anna, so hiess die Therapeutin, es gäbe da in Deutschland, in Grafrath einen Psychologen und Heiler welcher die schlimmsten Fälle zum Guten wenden könne und welcher die zerrüttetsten Paare wieder zusammenführen konnte unter anderem mit Rollentherapien und Gruppengesprächen. Die Geschichten wurden immer unglaublicher, so dass ich mir schon als egoistischer Verbrecher vorkam, falls ich diesen Herrn nicht konsultieren würde. Ich gutmütiger Kerl liess mich also, wie schon oft, gegen meine innere Überzeugung breitklopfen und wir meldeten uns an. Billig war die Angelegenheit nicht gerade. Achthundert Euro, pro Person natürlich und für Essen und Übernachtung mussten wir selber sorgen. Das Honorar mussten wir selbstverständlich im Voraus berappen, wir hätten ja auf der Anreise umkommen können.

Ich erzählte die ganze Geschichte meinem Psychologen, Herrn Hirsch. Er sprach nicht viel und meinte ich solle hat mal hingehen und einen Versuch machen aber er verspreche sich nicht viel davon.

Nun, nach einem mehrstündigen Ritt mit unserem Polo erreichen wir das Kaff in welchem der Wunderheiler logierte. Was man nicht abstreiten konnte, Geschmack schien der Heiler zu haben und zwar einen teuren.

Wir klingelten an der Türe eines schmucken Giebelhäuschens mit Fachwerk und ein adrettes Dienstmädchen mit weissem Schürzchen öffnete uns. Der Herr Doktor sei noch beschäftigt meinte sie und wir warteten also. Nach etwa zehn Minuten später erschien ein sportlicher, intelligent und gut aussehender Mann, welcher nicht der Sohn armer Eltern sein konnte, das sah ich schon von weitem. Er stellte sich vor als Herr Stepsky und bat uns in sein Arbeitszimmer. Wir erzählten die Kurzversion unserer Geschichte und er erklärte uns kurz, wie die ganze Sache so läuft in seinen Gruppen. Bei der Aufnahme unserer Personaldaten war bald klar, dass er mit Vornamen auch Stephan hiess wie ich und dass er auch noch am gleichen Tag wie ich Geburtstag hatte. Wahrlich kein gutes Omen, so schien es mir wenigstens. Er schien mir dar ob auch ein bisschen befremdet und abweisend zu wirken.......

Wir bezogen im nahegelegenen Gasthaus  „Zur Sonne“ Quartier und ich bereitete mich moralisch auf den nächsten Tag vor. Komme was da auch immer kommen möge.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ging es ab in den angebauten Saal des Restaurants. Im Vorraum des kleinen Saals standen ein paar Krüge mit Wasser und Tee, mir schwante fürchterliches und ich hielt Ausschau nach dem biologisch dynamischen Knäckebrot, konnte aber keines sichten.

Punkt neun Uhr erschien der Guru und ein ehrfürchtiges Raunen ging durch den Raum als wäre allen der liebe Gott erschienen. Wir folgten ihm wie die anderen Teilnehmer in das Auditorium. Rings herum, den Wänden nach waren Stühle aufgestellt, vierzig an der Zahl. Nein, einundvierzig, denn in der Mitte der Stirnseite war offensichtlich für das Direktorium oder besser gesagt den Meister bestuhlt. Der Saal füllte sich langsam und ich rechnete schnell im Kopf vierzigmal achthundert Euro und ich kam auf den stolzen Betrag von zweiunddreissig tausend Euro. Nicht schlecht, selbst wenn man für die Saalmiete ein bisschen etwas hinblättern musste, viel konnte es nicht sein. Herr Stepsky gab auch ein Seminar, WIE KOMME ICH ZU GELD, oder so ähnlich. Die schnellste Methode war mir jetzt schon klar. Herr Stepsky hat mir in einer schwachen Minute erzählt, dass noch eine Wohnung in Venedig am Canale Grande sein eigen nennt. Wer die Krimis von Comissario Brunetti liest, hat so eine Ahnung was dort ein Appartement kostet falls man überhaupt eines finden kann.

Ich wollte mal eine Antiquität verkaufen und fragte eine Freundin mit Markterfahrung, was sie meine, ob ich das Teil verkaufen könne. Darauf erwiderte sie lachend  JEDEN MORGEN STEHT EIN DUMMER AUF. Heute müssen es sogar vierzig gewesen sein.

Wir setzten uns also auf die Stühle rund herum, der Guru an die Stirnseite. Es gab eine kurze Begrüssung, Herr Stepsky lass etwas aus einem seiner Bücher vor, natürlich in der Hoffnung, dass sie anschliessend verkauft wurden und wie die warmen Semmeln Absatz finden würden. Ein freiwilliger Gitarrist begleitete ein mir unbekanntes Lied. Darauf riefen alle ooooohhhhhmmmmm, ich versuchte es auch aber mir ging bald die Luft aus also liess ich es bleiben und war somit schon zum Aussenseiter und Steinzeitmensch gestempelt.

Wir fingen an mit der Sitzung und jeder Teilnehmer der Reihe nach erzählte, was er für Probleme hat. Herr Stepsky stellt ein paar Fragen, sagt aber weiter nichts. Sobald die Runde zu Ende war kam das erste Paar an die Reihe. Die betroffenen Bezugspersonen werden dargestellt von Freiwilligen aus unserer Gruppe, so dass sich das betroffene Paar von ausserhalb betrachten kann. Das war an und für sich gut erdacht und diese Methode schien mir auch sehr effizient. Überhaupt stieg meine Bewunderung für Herr Dr. Stepsky, Ritter von Doliwa blablabla... stündlich, denn mir wurde schnell klar, dass dieser Mann hoch intelligent und als Psychologe sehr begabt war und das machte ihn besonders gefährlich. Er hatte die Fähigkeit, seine Patienten wie Marionetten zu manipulieren. Leider benutzte er seine Fähigkeiten nur zu seinen Gunsten und um sich masslos zu bereichern wie mir schien und um die Patienten von sich abhängig zu machen mit Hilfe einer Art von Massenhypnose. Ich habe sein Vorgehen anschliessend mit einem namhaften Psychologen in Basel diskutiert und selbiger vertrat auch meine Meinung, nämlich dass seriöse Psychotherapie und Gruppentherapie anders aussieht.

Nachdem die Sitzung des betroffenen Paares zu Ende war, gab es eine allgemeine Diskussion und anschliessend eine Gehirnwäsche sensibelster aber gleichzeitig brutalster Art. Das einige der Teilnehmer auf der „Bühne“ heulend zusammenbrachen schien Herrn Stepsky nicht zu stören. Nach einigen Sitzungen hatte ich das geniale System des Psychologen durchschaut. Den  Opfern welche meist schon am seelischen Abgrund standen und nach jedem ihnen gebotenen Strohhalm zu greifen versuchten wurde auch noch dieser Strohhalm weggenommen und Stepsky demontiere ihre Seele komplett bis sie nur noch als Scherbenhaufen total zerstört am Boden lag, um sie dann nach seinen Wünschen wieder neu zusammenzusetzen. Exakt dieselbe Methode welche auch die militärischen Geheimdienste in aller Welt verwenden um ihre Geheimdienstler und ihre Gefangenen zu konditionieren und gefügig zu machen.

Auch Johanna kam mal an die Reihe und erzählte ihre Story mit mir, worauf ich bei der anschliessenden Diskussion reichlich Federn lassen musste und als absoluter Wüstling und für jegliche  familiäre Beziehung als untauglich hingestellt wurde. Bei allen Sitzungen verfolgte mich Herr Stepsky lächelnd mit seinen funkelnden Augen, liess mich aber nie mehr zu Wort kommen und forderte mich auch nie auf etwas beizutragen. Es war als würde die Kobra ihr Kaninchen beobachten um es im richtigen Moment zu beissen. Irgendwann platzte mir aber dann doch der Kragen und ich fragte ihn vor allen Anwesenden ob ich vielleicht auch mal was sagen dürfe oder ob meine Meinung nicht von Interesse sei. Ich merkte sofort, dass ihn mein verbaler Angriff überraschte. Damit hatte der Guru nicht gerechnet. Herr Stepsky erwiderte mir, ich sei ein hoffnungsloser Fall, moralisch unverrückbar wie ein Fels in der Brandung. Darauf antwortete ich ihm, ich würde ihm von ganzem Herzen für dieses hervorragende Kompliment danken, ich würde ihm Recht geben und ich würde weder unter psychischem Druck noch sonst irgendwann meine Einstellung ändern wenn ich das Gefühl hätte ich sei im Recht.

Der Guru schluckte zweimal leer, ein Raunen ging durch die Reihe, ein paar der Opfer erwürgten oder erstachen mich im Geiste aber das war’s dann. Ich wurde nie mehr aufgerufen, ich meldete mich auch nie mehr und beteiligte mich nicht mehr an den Diskussionen. Mir taten nur die armen Kranken leid welche Stepsky sicher in seinem Käfig verwahrte bis zur nächsten Zusammenkunft in sechs Monaten. Die meisten der Anwesenden waren dem Meister hörig, das merkte man bald. Es gab nur eine Meinung die zählte und das war die von Dr. Stepsky. Als weiteres Kontrollorgan erhielt jedes Paar einen Beistand in der Form eines anderen Paares, welches sich gegenseitig wöchentlich nach Fort- und Rückschritten zu erkundigen hatte. Clever, muss ich schon sagen. Somit war auch die totale Kontrolle ausserhalb der Kurse oder Sitzungen gewährleistet. Dieses System hat sich viele Jahre bestens bewährt in der Deutschen Demokratischen Republik DDR mit Hilfe des Staatssicherheitsdienstes STASI. Im Verlauf der Sitzungen fand man heraus, dass die Freundin von Johanna lesbisch war, arme Frau. Ich habe kein Vorurteil gegen lesbische Frauen und ich kenne einige. Alle sind sehr nette und freundliche Personen. Wenn ihnen Männer nicht besonders zusagen ist das eigentlich ihre persönliche Angelegenheit. Erstens glaubte ich hier im Besonderen nicht daran und zweitens muss es furchtbar sein vor so einer fremden Gruppe seelisch demontiert zu werden. Für mich war dieser Psychologe ein Scharlatan und ihm gehörte von Amtes wegen das Handwerk gelegt. Das war meine Meinung und ist sie heute noch.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Ich habe ab und zu mit meiner Frau Edith meinen Arbeitskollegen Rudi und  seine Frau eingeladen in unser neues Haus in Hägendorf. Wir haben auch ab und zu eins über den Durst getrunken und geblödelt. Ich mag mich nicht mehr erinnern wen wir zusammen ausgelacht und nachgeäfft haben. Aber wir haben unsere Stimme verstellt und die Schwulen nachgeäfft. Tags darauf haben die beiden Frauen miteinander telefoniert, getuschelt und beratschlagt ob wir beide schwul seien. Obwohl wir zwei Kinder hatten und ich dem Sex weiss Gott nicht abgeneigt war hat mich meine Frau mehrmals darauf angesprochen und mich gefragt ob ich homosexuell sei. Natürlich nicht, sagte ich ...... aber wie will man so etwas beweisen? Es bleibt immer etwas hängen im Hinterkopf. Heute heisst das ganze „ Üble Nachrede“ und ist strafbar, aber ändert nichts am Resultat. Gesagt ist gesagt.

Am letzten Tag des Seminars wurden Formulare verteilt. Ich frage in meiner gespielten Unwissenheit wozu diese dienten. Alle antworteten mir im Chor.....die Anmeldung für das nächste Seminar. Ich meinte aber, ich möchte mir das doch noch ein paar Tage überlegen. Darauf wurde mir erbarmungslos mitgeteilt, dass es da nichts zum Überlegen gäbe, es müsse jetzt und im Voraus bezahlt werden und das war’s dann. Johanna blechte die achthundert Euro, ich nicht. Die ganze Aktion war meiner Meinung nach gesetzeswidrig und stank zum Himmel, aber das interessierte die Leute ja nicht. Beim nächsten Mal werden sie es sicher los...nein nein, nicht etwa ihr Problem, aber ihr Geld. Ihr Problem sitzt in Venedig, zählt das Geld in der Cafeteria und notiert die Neuzugänge der Dummen.

Johanna ging noch zweimal hin mit Ihrer Freundin, bis ich ihr endlich klar machen konnte, dass sie das bezahlte Geld einfach einmal sausen lassen musste um aus dem Pakt mit dem Bösen aussteigen zu können. Ausser einem grossen Loch im Geldbeutel hat es auch ihr nichts gebracht bis auf die Gewissheit, dass es Psychotherapeuten und Scharlatane gibt und dass eine Gehirnwäsche sehr unangenehm sein kann und es oft Monate dauert bis man die Prozedur wirklich verdaut hat.

Zu Hause wieder eingetroffen setzte ich meine Sitzungen bei Herrn Hirsch fort. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte exakt, soweit ich mich eben noch erinnern konnte und er schüttelte nur den Kopf, kommentarlos.

Schon vor dem Techtelmechtel mit meiner Nachbarin Katrin hatten wir uns entschlossen uns scheiden zu lassen denn in unserer Ehe lief gar nichts mehr ausser dass wir noch zusammen kochten, aber auch das immer seltener. Wir beschlossen also einen Rechtsanwalt aufzusuchen und meldeten uns bei Herrn Riedo an. Dieser Herr hatte uns schon einige Male geholfen bei verschiedenen Geschäften und wir kannten ihn als unparteiischen und kompetenten Anwalt. Wir besuchten ihn also zum anberaumten Termin und seine Sekretärin bat uns im Sitzungszimmer Platz zu nehmen. Nachdem wir uns begrüsst hatten nahmen wir wieder Platz und Herr Riedo erklärte uns wie die Scheidung ablief. Da wir uns vorher schon geeinigt hatten, dass jeder  mitnimmt was er gebracht hat, gab es keine grosse Rechnerei. Ich bekam das Haus mit Laden und Johanna bekam ihr investiertes Geld zurück, damit sie sich eine Eigentumswohnung kaufen konnte. Dafür musste ich allerdings meine Hypothek für das Haus bei der Bank erhöhen. Wir einigten uns, dass  Johanna so schnell wie möglich auszog und ich half ihr eine Wohnung zu finden. Ich fand, das war ich ihr schuldig, denn sie musste den ganzen Tag arbeiten. Nach längerer Sucherei fanden wir eine schöne neue Wohnung im Reinacher Hof, verteilt auf zwei Stockwerke mit Blick ins Grüne und doch zentral gelegen in der Nähe der Tramstation. Sie brauchte also kein Auto mehr um zur Arbeit zu fahren.

Ich half ihr beim Aufbau der Möbel und so brachten wir eine einigermassen schöne Wohnung zu Wege aber sonst gingen wir uns gegenseitig aus dem Weg. Da die Wohnung recht neu und grosszügig gebaut war, war sie auch teuer und ich schlug ihr vor bald eine Eigentums-wohnung zu kaufen. Als sie sich endlich dafür entscheiden konnte begannen wir neuerdings mit der Suche. Es ist gar nicht so einfach eine Gute Wohnung zu finden ausser man ist gewillt jeden Preis zu bezahlen. Es vergingen etwa anderthalb Monate da rief mich Johanna an und teilte mir mit sie habe einen Besichtigungstermin für eine Eigentumswohnung. Die Wohnung lag ganz in meiner Nähe. Ich war von der Lage sofort angetan. Die Wohnungen lagen in einer grossen Grünanlage bestehend aus drei zweistöckigen Gebäuden mit Aufzug.

Die Besitzerin der Dreizimmerwohnung konnte in eine grössere Wohnung wechseln und so wurde diese eben frei. Die Besitzerin brauchte dringend das Geld für die neue Wohnung und so war der Preis auch in Ordnung. Gut, die Wohnung war ein bisschen verwohnt und bedurfte einer Renovation aber die Bausubstanz war in Ordnung und so riet ich Johanna der Dame möglichst schnell eine Zusage zu machen was sie auch tat. Wir bestellten sofort eine neue Küche und ein schönes modernes Bad. Mein Freund der Maler Sepp malte die ganze Wohnung neu, wechselte die Türbeschläge, ich kämpfte mit der Elektrik und so hatten wir nach nur sechs Wochen eine Superwohnung hergerichtet. Ich freute mich auch für Johanna. Ich hatte ihr vor der Scheidung verbal viel an den Kopf geworfen was ich im Nachhinein bereute. Aber eben ...... gesagt ist gesagt.

Wir lebten also noch weitere vier Wochen zusammen und bereiteten den Umzug vor. Den Kleinkram verpackten wir in Kartonschachteln. Ihre Zwillingsschwester Christel kam auch angereist zum Zügeltermin. Zu dritt und mit dem voluminösen Zügelwagen schafften wir den Umzug ohne grössere Probleme. Anderntags besuchte ich Johanna in ihrer neuen Wohnung. Nicht ohne meine Werkzeugtasche und meiner Bohrmaschine mitzubringen. Wir hängten die Beleuchtungen auf, montierten den Wandschrank zusammen und fixierten die Vorhänge. Darauf machte ich mich wieder aus dem Staub. Ich war nun wieder ein Single, ausser auf dem Papier.

Im vorab hatten wir schon einen Termin bei meinem Rechtsanwalt vereinbart, welcher mir schon oft gute Dienste geleistet hatte. Wir machten eine Liste von unseren Besitztümern und jeder bekam was er mitgebracht hatte. Die gemeinsam erworbenen Dinge teilten wir so auf dass jeder etwas Brauchbares bekam. Geschirr und Haushaltartikel hatten wir im Überfluss. Wir legten auch fest, dass Johanna meinen Namen behalten konnte und der Anwalt vereinbarte einen Termin beim Amtsgericht. In der darauffolgenden Woche fanden wir uns beim Amtsgericht in Arlesheim ein. Eine freundliche Richterin empfing uns, fragte ob alles in der Urkunde in Ordnung sei. Als wir beide nickten haute sie einen Stempel auf das vor ihr liegende Formular, wir mussten beide unterschreiben und wir waren nach fünfzehn Minuten offiziell geschiedene Leute. Ich konnte nicht sagen dass ich mich freute aber ich war total erleichtert. Wir gingen noch zusammen einen Kaffee trinken und trennten uns. Ich musste jetzt kein schlechtes Gewissen mehr haben wenn ich mich mit meiner Nachbarin treffen wollte.

Nun ist Johanna inzwischen auch pensioniert und ich denke sie fühlt sich wohl in ihrer Wohnung auch wenn ihr manchmal die Decke auf den Kopf fällt. Ich glaube, viele Freunde hat sie nicht aber sie ist viel auf Reisen oder besucht Ihre Zwillingsschwester in Deutschland. Ab und zu ist sie mit ihrer Volkstanzgruppe unterwegs oder geht zum Walking. So hat sie doch immer wieder ein bisschen Abwechslung. Johanna hat nun inzwischen auch einen Schweizerpass und das ist schon eine beachtliche Leistung wenn man denkt wie scheu sie früher war. Ich mag es ihr von Herzen gönnen.