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Marlis

 

Es ist immer wieder schön mit Johanna in die Ferien zu verreisen. Dieses Jahr war es nicht anders.

Wir buchten bei der Firma Baumeler Wanderferien in Griechenland und zwar in Chalkidiki. Es braucht schon einige Überwindung, um in der heissen Sonne mit hohen Wanderschuhen an den Füssen zu marschieren, aber das dabei erlebte Gefühl überwiegt bei weitem. Es macht alle Strapazen wieder wett, sofern man überhaupt von Strapazen reden kann, denn Autostrassen legen wir ja meistens mit dem zur Gruppe gehörenden Bus zurück. Nur wenn uns am Sandstrand Touristen begegnet schauen diese mit einem schrägen Blick auf unsere klobigen Wanderschuhe und denken wohl was für Spinner kommen denn da.

So eine Wandergruppe hat auch ihre Vorteile. Für viele Teilnehmer so wie auch für uns ist es nicht die erste Wanderreise und somit beginnen die Ferien bereits am Flughafen. Für die „ alten Hasen“ gibt es eine Wiedersehensfreude und die neuen Mitglieder werden sofort herzlich begrüsst und in die Gruppe integriert. Man tauscht Erinnerungen aus bis zum Besteigen des Flugzeugs.

Nach einem gemütlichen Flug erwartet uns am Flughafen Thessaloniki bereits unser Reisebus, welcher uns von nun an die ganzen Ferien begleiten wird. Nach einer längeren Fahrt kommen wir endlich in Chalkidiki an und beziehen unsere Hotelzimmer. Nachdem wir unseren Krempel im Hotelzimmer verstaut haben ist noch genug Zeit bis zum Abendessen, um Chalkidiki unsicher zu machen. Es ist immer interessant zu schauen was die Händler der Touristen anzudrehen versuchen.

Bereits am nächsten Morgen beginnt unsere erste Wanderung. Nach einer kurzen Busfahrt steigen wir aus, schnallen unsere Rucksäcke um, ergreifen unsere Wanderstöcke und trampeln durch die Pampas. Weit und breit kein Mensch, kein Haus, nur Einöde aber was für eine. Unten bei den Klippen sehen wir das blaue Meer glänzen und überall riecht es nach Thymian .... was für ein Gefühl.

Mittags rasten wir oft bei einer Taverne im Landesinnern und sind meist die einzigen Touristen. Unsere Reiseleiterin ist auch eine halbe Griechin, das heisst sie wohnt in Griechenland und hat einen griechischen Mann. Sie bemüht sich sehr, uns das wirkliche Griechenland zu zeigen, ein Griechenland das die üblichen Touristen nicht so ohne weiteres zu Gesicht bekommen. Die Griechen haben eine gute und vielfältige Küche. Da gibt es viel Fisch, gegrillte Ziege, Meeresfrüchte aller Art. Die feinen Salate mit Tomate und Gurke oder der Zaziki bestehend aus geriebener Gurke mit Joghurt und Knoblauch welcher zusammen mit frischem Weissbrot gegessen wird. Auch viele Eintöpfe mit Gemüse, Käse und Fleisch stehen auf der Speisekarte.

Das Essen ist meist einfach aber sooo gut und heruntergespült wird das Ganze mit gutem griechischem Wein, dem Retsina oder für diejenigen welche den Harzgeschmack im Wein nicht lieben auch mit einem Wein aus Samos. Obwohl der Retsina kein teurer Wein ist, liebe ich ihn heiss wegen seines feinen Harzaromas. Man muss nur aufpassen, dass man nach dessen Genuss noch in der Lage ist weiter zu wandern. Zum starken griechischen Kaffee gibt es dann noch einen Ouzo oder einen Metaxa, mir ist der Ouzo lieber welcher unserem Absinth oder Pastis ähnelt, während Johanna den Metaxa bevorzugt, ein weicher aromatischer Brandy von goldbrauner Farbe der dem Cognac sehr ähnlich ist. Zum Nachtisch gibt es manchmal den Griechischen Joghurt mit frischem Berghonig, ein unbeschreiblicher Genuss.

Wenn man zwei Wochen lang zusammen wandert, lernt man seine Begleiter gut kennen. Manche neue Freundschaft ist hier schon entstanden und da meistens oder besser gesagt immer viel mehr Singles als Paare teilnehmen, gilt diese Organisation hinter vorgehaltener Hand als Heiratsvermittlung erster Klasse und ich muss sagen, ich habe viele nette Frauen getroffen, die ich durchaus nicht verschmäht hätte, wäre ich denn noch zu haben gewesen. Angebote gab es manchmal schon ...... und träumen ist ja nicht verboten.

Nun, wie dem auch sei, die zwei Wochen Ferien gingen wie immer schnell vorüber, leider viel zu schnell. Wir machten in den diesen erholsamen, manchmal auch anstrengenden Tagen acht Wanderungen, kreuz und quer über die Halbinsel und lernten so eine schöne Region von Griechenland kennen. Ab und zu machten wir in einer abgelegenen Bucht eine längere Pause und gingen schwimmen. Wir hatten die Bucht dann meistens für uns alleine. Beim Frühstück auf der Hotelterasse sassen wir normalerweise in kleinen Grüppchen zusammen. An unserem Tisch sass auch Marlis. Eine magere sportliche Frau mit schönen, kräftigen schwarzen Haaren. Sportlich musste sie sein weil sie unserer Gruppe immer zweihundert Meter voraus rannte, mochte es noch so heiss oder der Weg noch so steil sein. Mit der Zeit fanden wir heraus dass Marlis Vegetarierin war und lustiger weise im gleichen Dorf wohnte wie wir.

Drei Tage vor unserem Abflug war Marlis ziemlich wortkarg beim Frühstück. Wir fragten sie was los sei und sie meinte, es gehe ihr nicht so gut, sie würde wohl einen Tag im Hotel bleiben. Als wir sie beim Abendessen  vermissten und sie am andern Morgen auch nicht erschien schickte ich meine Frau in Marlis‘ Zimmer um nachzusehen was los war. Kurz darauf kam Johanna zurück und meinte, Marlis gehe es wirklich gar nicht gut und sie hätte sehr hohes Fieber. Nach einiger Ueberredungskunst bequemte sich die Reiseleiterin endlich, einen Arzt zu organisieren. Dieser kam auch und diagnostizierte eine schwere Erkältung mit beginnender Lungenentzündung. Für Marlis waren nun leider die Wanderferien zu Ende und sie musste bis zur Rückfahrt im Bett bleiben. Aber auch für uns waren diese zwei letzten Tage schnell vorbei. Irgend jemand, ich weiss nicht mehr wer, half Marlis den Koffer zu packen. Es ging ihr wirklich schlecht, das sah man ihr sofort an. Im Flugzeug war es ziemlich warm aber Marlis fror und zitterte dermassen, dass die Stewardess ihr zwei Wolldecken geben musste. Mir erschien das alles langsam merkwürdig. Der Flug verlief Gott sei Dank ruhig aber wir waren froh, als wir in Kloten landeten.

Nach der Landung verabschiedeten sich nach dem Zoll alle voneinander und Marlis stand mit ihrem schweren Koffer und fast vierzig Grad Fieber da und hatte ein Problem. Nun wie gesagt, zufällig wohnte sie auch in Reinach wie wir und wir hätten ihr helfen können, den Koffer heimzuschleppen. Mir schien das aber nicht angebracht, denn Marlis ging es von Stunde zu Stunde schlechter. Ich erwischte gerade noch die Reiseleiterin und sagte ihr, dass Marlis dringend Hilfe brauche. „ Tut mir leid, ich werde erwartet“, meinte sie, immer nach dem Motto....stirb leise aber schnell“ und fort war sie. Nun war ich wirklich sauer, ich fand das Verhalten der Reiseleiterin skandalös und schrieb anschliessend einen bösen Brief an das Reisebüro.

Ich packte Marlis am Jackenzipfel und befahl ihr, sich nicht von der Stelle zu rühren. Johanna bewachte sie wie ein Cerberus und ich ging zur Flughafenauskunft und erzählte die ganze Geschichte und auch, dass Marlies nicht mehr reisefähig sei. Die Dame schüttelte nur den Kopf, griff zum Telefon und wie durch Zauberhand erschien alsbald ein Sanitäter. Der nette Mann dirigerte uns dann zur Notfallstation des Flughafens, alles supermodern eingerichtet, die Geräte nur vom Feinsten. Sofort kam ein Arzt,  wir gaben die Geschichte nochmals zu Gehör, worauf er mit Marlis verschwand. Sie machten mit ihr eine Menge Labortests und wir warteten über eine Stunde auf das Resultat. Endlich war es so weit, der Doktor teilte uns mit, dass Marlis eine ganz schwere Nierenbeckenentzündung hätte und ernsthaft erkrankt sei, von Lungenentzündung sei keine Rede. Der Flughafen organisierte ein Grossraumtaxi und wir begleiteten Marlis nach Hause. Das heisst Johanna begleitete sie nach Hause. Das Taxi hielt zuerst bei uns, ich lud unser Gepäck aus und Johanna fuhr mit Marlis in ihr  nur fünfhundert Meter von uns entferntes Zuhause.

Johanna alarmierte den Hausarzt von Marlis und ich ging einkaufen. Dank richtiger Medikamente war Marlis nach einer guten Woche wieder einigermassen auf den Beinen. Johanna besuchte sie jeden Abend und gab ihr Essen. Wir machten ihr alle Besorgungen solange es notwendig war. Ich aber habe wieder etwas gelernt, nämlich dass man seine wahren Freunde erst kennenlernt, wenn man mal Hilfe braucht.

Nachdem  Marlis sich wieder erholt hatte, trafen wir uns öfter und lernten uns gegenseitig auch besser kennen. Marlis ist eine spezielle  Frau mit abstrusen Ideen, manchmal störrisch und eigensinnig wie ein Maulesel. Sie arbeitete als Sekretärin im Kinderspital in Basel auf der Kinderpsychiatrie und wurde reichlich gemobbt.

Marlis stammt aus einer sehr armen Familie und sie waren neun Personen am Mittagstisch, da war es nicht einfach, mit einem Arbeiterlohn alle Mäuler einigermassen zu stopfen. Heute sind die Kinder alle erwachsen, der Vater gestorben und niemand wollte sich um die Mutter kümmern, die unterdessen im Altenheim untergebracht war, da sie sich selber nicht mehr versorgen konnte. Marlis war die einzige, die sich noch um die alte Frau kümmerte denn, alle Geschwister waren untereinander zerstritten. Sie waren nur noch daran interessiert, das alte Häuschen der Mutter zu verkaufen und das Geld einzustreichen. Wie gesagt, Marlies war ein schwieriger Charakter und es war oft nicht einfach ihre Handlungen zu verstehen. Im Geschäft wurde sie von ihren Kolleginnen schikaniert, was ihr zusätzliche Probleme verursachte. Allerdings war sie dabei auch nicht ganz unschuldig, eben weil sie sich jeder Neuerung entgegensetzte. Sie war dermassen unflexibel, dass es sogar mir  manchmal schon unverständlich war. Die kleinste Änderung im Arbeitsablauf verursachte ihr schier unüberwindbare Probleme, die sie nachts nicht schlafen liessen. Also stand sie mitten in der Nacht wieder auf und begann, den Kühlschrank leerzufressen, man kann es nicht anders sagen. Prompt bekam sie nach dem Fressanfall wieder Depressionen, weil sie sowieso, trotz ihres Leichtgewichts, immer das Gefühl hatte, zu dick zu sein und kotzte meistens das Essen dann wieder aus. Nun kam sie aber auf eine ganz geniale Idee, um die nächtliche Fresssucht in den Griff zu bekommen. Das lief folgendermassen ab: bevor Marlis schlafen ging sperrte sie die Küchentüre mit dem Schlüssel ab und warf diesen anschliessend bei uns in den Briefkasten, so dass ihr nachts der Zutritt zu ihrer eigenen Küche verwehrt war und das Frühstück nahm sie sowieso jeden Tag im Büro zu sich. Die Methode war genial aber nicht ganz wasserdicht. So wurde ich doch manchmal des Nachts geweckt, um mit  einem Blick aus unserem Schlafzimmerfenster feststellen zu müssen dass unsere liebe Marlis mit Hilfe eines langen Schraubenziehers versuchte, ihres Küchentürschlüssels wieder habhaft zu werden, was ihr dann auch meistens gelang.

In ihrer Freizeit hatte sie nur ein grosses Hobby und das hiess wandern. Was sie aber machte war nicht wandern, sondern Trekking vom Schlimmsten. Wenn man ihre hagere Mädchengestalt sah, konnte man fast nicht glauben, was sie alles aushielt. Einmal im Jahr ging es nach Ladac ins Hochgebirge. Mit einem Rucksack der fast grösser als sie selbst war trabte, sie die Viertausender hinauf und hinunter. Auf diese Weise acht Stunden wandern am Tag war dann der Durchschnitt. Mir tun schon die Füsse weh, wenn ich nur daran denke. Dies obwohl sie praktisch nichts ass ausser Joghurt und ein bisschen Käse.

Auch Weihnachten war keine gute Zeit für Marlis. Sie bekam dann regelmässig Depressionen weil  sie sich wohl an ihre Kindheit zurück erinnerte und die Familie noch mehr vermisste und sie wollte auf keinen Fall Weihnachten zu Hause verbringen. Also buchte sie kurzerhand fast jedes Jahr vor Weihnachten ein Kameltrekking durch die Wüste von Marokko. Sie setzte sich aber meistens nicht auf das Kamel sondern trabte neben ihm her und das Kamel musste schauen, dass es mit dieser Spinnerin Schritt halten konnte. Marlis liebt die Wüste und das Wandern über alles aber nach zwei Wochen war das Vergnügen leider auch wieder zu Ende und der Frust im Geschäft begann von neuem. So war es nicht verwunderlich, dass sich Marlis nach der Pension sehnte und nur mit Hilfe eines Psychiaters hielt sie sich über Wasser bis der Zeitpunkt der Frühpensionierung erreicht war. Aber obwohl sie manchmal sehr schwierig im Umgang ist, haben wir sie gerne in unserem Freundeskreis und wir helfen ihr so gut es eben geht und schieben sie vor uns her in Richtung Zukunft.