Sie sind hier: Vorwort » Kapitel 32 Johanna

Johanna

Ich finde meine Arbeit toll. Ich komme mir vor wie ein Forscher, wenn auch ein ein bisschen überfordeter Forscher. Da ist einmal mein Chef Henry Demieville, er kommt aus Genf und spricht nur französisch und englisch, ich verstehe leider nicht viel mit meinem Schulfranzösich aber ich hoffe, es wird irgend einmal besser. Uebung macht den Meister heisst es doch immer. Da ist dann noch Beat Müller, das Softwaregenie. Er grübelt dauernd an einem Problem herum und dreht dazu mit zwei Fingern eine Haarlocke. Die Softwareprogramme die er schreibt sind anerkannterweise genial wenn auch für die meisten Steblichen unverständlich aber ich hoffe doch, bei ihm viel zu lernen, auch wenn ich ab und zu, besser gesagt fast immer, eine nasse Zündschnur habe. Mit dem Erklären hat er es allerdings nicht so. Wahrscheinlich denkt er sich  es sei alles so einfach dass man es einfach wissen und verstehen müsse, ist doch alles ganz klar und logisch ...... oder . Mein Kollege Fredy Born betreibt mit mir zusammen das Elektroniklabor im unteren Stockwerk. Er ist sehr nett und immer beschäftigt mit Reparaturen und Installationen. Ich denke, er ist auch ein bisschen eifersüchtig auf mich. Er ist schon ein paar Jährchen älter als ich, hat mit Software nichts am Hut und mit der Elektronik ist er ungefär bei Fred Feuerstein stehen geblieben. Er war vorher Fernsehtechniker und wurde halt wie so viele, von der neuen Technologie überrollt. Was Fredy aber hat sind Beziehungen in der Firma. Es gibt nichts, was er nicht besorgen könnte und das ist auch Gold wert. Hast du ein Problem, nicht verzagen .........Fredy fragen. Und So löse ich die komplizierteren technischen Probleme und Fredy machte sich in der Beschaffung von den verschiedensten Dingen nützlich und hilft bei der Installation des Computernetzwerkes welches wir neuerdings hier am Aufbauen sind. Es sind mehrere junge Forscher aus Amerika gekommen und die sind sich gewohnt mit den modernsten Hilfsmitteln zu arbeiten. Ein entsprechender Nachholbedarf in unserer Firma ist offensichtlich.

Bekanntlich betreuen wir ja den Computer- und Elektronikbereich der Forschungsabteilung für die Biologie und zum Teil auch für die Medizinforschung. Also etwa achthundert Forscher und ihre Mitarbeiter müssen wir befriedigen. Ich muss wohl nicht erklären was das für uns paar Männchen heisst, Dauerstress vom Feinsten. Alles ist dringend und einiges so dringend als stünde der Weltuntergang bevor. Ich als pflichtbewusster Obertrottel stürzte mich von einer Arbeit in die andere und bin somit gesundheitlich immer am Limit, ich treibe Raubbau an meiner Gesundheit, aber wen interessiert es schon.

Im zwölften Stockwerk unseres Hochhauses befindet sich das Humanpharmakologische Labor. Dort werden bekanntlich neue Medikamente an Probanden ausprobiert welche dafür gut bezahlt werden.

Wir sind zum Teil auch für die Ausrüstung zuständig, auch für die Textverarbeitungsanlagen der Sekretärinnen. Was die technische Ausrüstung betrifft so können wir kaufen was wir wollen, Geld spielt keine Rolle. Nur das Beste ist gut genug. Auch sonst schwimmen wir im Geld nur haben wir meistens keine Zeit es auszugeben. Nun, hier im Humanpharmakologische Labor hatt Fredy, obwohl bereits verheiratet, eine Busenfreundin in Form einer hübschen Französin und so findet man ihn eher hier als an seinem Arbeitsplatz wo er eigentlich hingehörte und dringend von mir gebraucht würde.

Der Weltuntergang drohte uns wirklich am Ende des Jahres in Form einer Management- Firma mit Namen McKinsey. Diese Firma kann scheinbar die Novartis gesund schrumpfen, Leute welche arbeiteten einsparen und Schmarotzer welche gut reden können eine Etage höher ansiedeln. Da unser Aktienkurs nicht den Erwartungen der Aktionäre gestiegen war treibt nun diese Firma bei uns ihr Unwesen und statt gearbeitet wird nun diskutiert wie wenn das unsere reiche Firma nötig hätte. Aber es gibt leider immer Leute welche den Hals nicht voll kriegen, vor allem die Grossaktionäre.

Das Humanpharmakologische Labor fiel auch teilweise dem Rotstift zum Opfer und es wurde beschlossen, die Probandentests nach Tübingen in Deutschland zu verlegen um Kosten zu sparen und Vorschriften zu umgehen. Kurz darauf wurde in Tübingen ein passendes Gebäude gekauft, für viel Geld umgebaut und als Humanpharmakologisches Institut Tübingen in Betrieb genommen. Der Boss hiess Professor Biek, ein unsymphatischer, schleimiger und raffgieriger Kerl. Wir konnten ihm später sogar inoffiziell nachweisen,dass er Messresultate seiner Versuchsreihen beschönigte und fälschte, nur um mit seinem Institut besser da zu stehen.

Nun, berechnet wurden die Versuchsresultate mit der Statistik-Software SAS und der Computer war der gleiche welchen wir auch in Basel für diese Aufgabe benutzten, nämlich eine PDP 11/34 von Digital Equipment. Da ich diesen grossen Computer inzwischen mit fast verbundenen Augen auseinander nehmen und wieder zusammensetzen konnte wurde ich als EDV- Unterstützung dem Institut zugeteilt. Von nun an fasste ich mindestens einmal im Monat ein Geschäftsauto und düste mit oder ohne Fredy nach Tübingen. Es war fast jedes mal wie eine Ferienreise nur mit dem Unterschied dass ich ein fettes Spesenkonto hatte.

Der Betrieb des Humanpharmakologischen Instituts kam mir nicht sehr professionell vor aber scheinbar lieferten sie die gewünschten Resultate welche ich regelmässig auf einer grossen Magnetbandrolle in die Schweiz transportierte, wohl nicht ganz legal und auch nicht ganz illegal, eben nur so.Wenn der Zoll mich fragte was auf dem Band sei dann erwiederte ich immer es sei leer und fragte sie, ob sie nachschauen wollten. Gehässig schickten sie mich dann weiter. Ich wusste ja genau dass sie das Band nicht prüfen konnten und die Daten waren obendrein noch verschlüsselt. Meine sonstige Arbeit bestand darin, neue Versionen der diversen Software zu installieren und da es Gott sei Dank noch kein Internet gab, musste ich jedes mal selber Hand anlegen. Beat hatte mir immer alles sehr gut vorbereitet, so dass ich selten grössere Probleme hatte und wenn doch , dann griff ich zum Telefon und ging Beat auf die Nerven so gut ich eben konnte bis der blöde Computer wieder funktionierte und seine Arbeit wie vorgesehen erledigte.

Ich liebte es, nach der Arbeit in Tübingen herum zu flanieren. Dank der Uni war die Bevölkerung sehr jung, genau genommen etwa vierundzwanzig Jahre alt im Durchschnitt. Es gab jede Menge interessante Lokale wie das Wurstkucherl, einen tollen Jazz-Keller in dem man zwar vor lauter Rauch Nebellampen und ein Atemgerät brauchte, aber ich liebte dieses Lokal mit der tollen Lifemusik heiss und auch viele weitere ähnliche Lokale waren einen Besuch wert. Das Städtchen selber, vor allem die Altstadt sah aus wie im Mittelalter. Ein wunderbarer Kontrast zu den vielen jungen Leuten welche da herumschlenderten oder im Sommer vor den Kneipen sassen, ein Bier tranken oder genüsslich einen Kaffee schlürften.

Ich hatte schon immer eine Schwäche für alte Sachen und Tübingen war mein Eldorado für Antiquitäten. Wann immer ich konnte machte ich die schöne Altstadt unsicher. In deren versteckten Hinterhöfen verbarg sich so manche antike Kostbarkeit. Fast immer fand ich etwas in einer alten Scheune das ich nach Hause schleppen und aufmöbeln konnte.

Ich residierte da zu mal immer im Hotel Krone das mitten im Städtchen direkt am Ufer des Neckars lag. Es war ein vornehmes altehrwürdiges Hotel der oberen Preisklasse aber das spielte ja in meinem Fall keine Rolle. Das Essen war hervorragend und ich logierte somit immer im Zentrum der Stadt. Es war nie weit bis in die Gässchen der Altstadt, nur ein paar hundert Meter.

Mein neuer Arbeitsplatz im Institut gefiel mir auch deshalb besonders gu,t weil ich immer mit der  hübschen Statistikassistentin zu tun hatte und ich liess keine Gelegenheit aus um sie anzubaggern.

Ich schien ihr auch zu gefallen und so zogen wir bald gemeinsam durchs Städtchen in unserer freien Zeit, also vorwiegend in den Abendstunden. Johanna hiess meine angebetete und wir gingen auch oft zusammen zum Mittagessen. Das im Institut servierte Essen war nicht so mein Fall. Den Mitarbeitern wurden auch Essenmarken ausgegeben so dass sie sich in einem nahen Gasthaus verpflegen konnten. Johannas Gehalt im Institut war nicht überwältigend aber mein dickes Spesenkonto verkraftete kulinarische Ausflüge leicht.

Das Problem war nun folgendes. Es fiel mir nach jedem Besuch schwerer Tübingen, vor allem Johanna, wieder den Rücken zu kehren und so kam ich auf eine Idee. Wieder zurück in Basel erzählte ich meinem Chef, dass Johanna den Computer und die komplizierte Software unmöglich in der anberaumten Zeit bedienen könne und ob es nicht sinnvoll wäre, Johanna für zwei oder drei Wochen nach Basel einzuladen damit sie sich hier einarbeiten konnte. Mein Chef hatte den Braten nicht gerochen und war sofort Feuer und Flamme und bereits zwei Wochen später kam Johanna mit ihrem klapperigen Peugeot, den sie von einer in die Jahre gekommenen Tante übernommen hatte, angerollt.

Nun waren wir also Arbeitskollegen und steckten bei jeder Gelegenheit die Köpfe zusammen und speisten des Mittags zusammen in unserer feudalen Kantine. Nur am Wochenende war Johanna allein den da weilte ich bei meiner Familie. Ich war ja noch verheiratet, auch wenn meine Ehe in den letzten Zügen lag. Ich besuchte des Abend auch einmal Johanna in ihrer Unterkunft wo wir uns noch näher kamen, das heisst wir hatten sex. Es war nich weltbewegend aber wenigstens doch eine Art von sex und ich machte mir weiter keine Gedanken immer nach dem Motto „ gut Ding will Weile haben“. Dass dieses Sprichwort nicht überall anzuwenden ist sollte ich erst später, zu spät merken.

Die Zeit der Umschulung ging zu Ende und Johanna tuckerte wieder nach Tübingen nach dem die drei Wochen in unserer Abteilung vorbei waren.

Wir konnten uns fast täglich telefonieren denn  mit der Aufsicht und dem Betrieb einer grösseren Computeranlage gibt es immer etwas zu besprechen. Da waren ja auch noch die Geräte für die Probandentests welche zum Teil auch am Computer angeschlossen waren und ich der Verantwortliche für die Schnittstellen war. Da gab es EKG-Geräte, Reaktionstests, ein Gerät für Sehtests und alles lief automatisch, gesteuert vom Computer. Aber eben nur wenn es lief und die Programme sind halt nie besser als die Leute welche sie schreiben und auch die Elektronik entwickelt manchmal ein Eigenleben.

Inzwischen war meine Frau mit den Kindern ausgezogen und ich vermietete unsere Luxusbleibe an einen fetten Teppichhändler. Ich selber mietete mir eine Zweizimmerwohnung in Egerkingen, eine nette kleine Wohnung aber ohne Balkon und somit trostlos. Musik konnte ich keine machen da mein Flügel keinen Platz gehabt hätte und auf einer elektronischen Notlösung kann ich keine Musik machen.

Gott sei dank konnte ich im oberen Stockwerk noch eine Mansarde mieten welche ich zum Bastelraum umfunktionierte und somit einen Platz hatte wo ich meine Antiquitäten welche ich in Tübingen ergatterte restaurieren konnte.

Jedes mal wenn ich Johanna besuchte am Wochenende machten wir die Altstadt unsicher und ich fand so manches schöne Stück zum restaurieren. Es wurde mir langsam zu viel, jedes Wochenende nach Tübingen zu fahren. Im Sommer ging es ja noch, abgesehen von den vielen Irren welche die deutschen Autobahnen bevölkern. Im Winter war die Autofahrerei kein Zuckerschlecken. Nebel, Eisregen und was es so allerlei gab machte mir schwer zu schaffen. Es war immer öfter so, dass ich froh war wenn ich wieder gesund und heil zu Hause war.

Johannas Eltern waren ein fruchtbares Ehepaar, brachten sie es doch auf vier Töchter. Sie lebten in einem alten Haus welches noch mit Nachkriegsbacksteinen gebaut war, schlecht isoliert und zügig.

Die Eltern hatten früher eine kleine Firma und produzierten in Lohnarbeit Kleingeräte wie Spätzlemaschinen und ähnliches. Sie hielten sich schlecht und recht über Wasser bis das Schicksal zuschlug. Ein riesiger Truck der amerikanischen Besatzungsarmee welche in der Nähe stationiert war, rammte das Auto des Vaters, welcher sofort tot war. Es gab keine Zeugen und keine Entschädigung ,denn die Armee hat immer Recht und die Amis konnten sich zu dieser Zeit als Besatzungsarmee alles leisten. Nun stand die Mutter da mit ihren vier Töchtern. Eine Zeit lang konnte sie das Geschäft noch über Wasser halten, machte Buchhaltung, half in der Produktion, ein grosser Garten war auch da und nicht zuletzt die vier Kinder. Es war aber so, dass die Mutter nicht Auto fahren konnte und so ging niemand von der Firma mehr auf die Reise und auf Kundenfang. Die Aufträge gingen zurück, der Arbeiter musste entlassen werden und so ging alles den Bach hinunter. Die Firma musste geschlossen werden.

Die Mutter fand zum Glück eine Stelle in der nahe gelegenen Pralinenfabrik und konnte die vier Töchter einigermassen über Wasser halten aber Geld war von nun an Mangelware, mehr denn je.

Die Verwanden boten zum Glück auch Hilfe an und so konnten die Töchter alle eine Ausbildung machen und Johanna besuchte nach der Lehre eine Fachschule für medizinische Statistik. Zwei Schwestern heirateten beide einen Ingenieur und die vierte studierte Graphik und wurde eine hervorragende Kunstmalerin der alten Münchner Schule. Ihre Bilder mit Szenen aus dem täglichen Leben waren grotesk und lebendig. Man konnte sie fast als Karikaturen bezeichnen. Ich liebe diese Bilder.

Ich fragte Johanna des öftern ob sie nicht zu mir in die Schweiz ziehen wolle aber sie weigerte sich beharrlich wohl auch aus Angst vor dem Ungewissen das sie erwartete. Bei meinen Besuchen lernte ich auch ihre Zwillingsschwester Christel kennen welche ihr so ähnlich sah dass ich die beiden am Anfang nicht von einander unterscheiden konnte und oftmals zur Belustigung der Anwesenden,  nach der Falschen griff.

Ihre kleinere Schwester arbeitete als Graphikerin und Kunstmalerin und machte immer wieder mal eine Ausstellung während ihr Freund, der Steinmetz, streng darauf achtete, dass ihm möglichst keine Arbeit über den Weg lief. Die beiden waren ein Künstlerpaar wie aus dem Bilderbuch. Ihre Jugendjahre waren eine wüste Zeit und sie haben wohl keine Party ausgelassen. Drogen und Alkoholexzesse liessen die beiden furchtbar abstürzen, so dass eine längere Entziehungskur ins Haus stand. Aber Hut ab, die beiden haben es geschafft und konnten sogar in Augsburg ein kleines Häuschen kaufen. Günter hat schon seit Jahren keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken und Gabi nimmt auch keine Drogen mehr. Ihre Droge ist das Malen und das kann sie wirklich. Ich liebe ihre Bilder über alles denn sie sind aus dem realen Leben gegriffen und zeigen die Menschen nicht immer von ihrer besten Seite.

Ab und zu besuchten wir auch die Mutter von Johanna, eine nette, inzwischen ältere Frau die sich immer fast zu Tode kochte wenn wir auftauchten. Es gibt immer deftige Hausmannskost welche sehr gut schmeckte und der es an Kalorien nicht mangelte. Das alte Haus der Mutter befindet sich in Illertissen, das ist am Ende der Welt oder noch etwas weiter. Ein Bauerndorf mit Kirche, Kneipe und ein paar Geschäften. Ein grosser Garten mit angrenzendem Obstgarten und einigen Hochstammbäumen gehörten auch dazu. Ebenso ein eigenes kleines Kraftwerk, welches vom vorbeifliessenden Bach gespeist wurde. Ich konnte den alten Generator noch besichtigen aber ich denke, dass es lebensgefährlich und ein Himmelfahrtskommando wäre, diese Vorkriegsmaschine wieder in Betrieb zu nehmen da es an jeglicher Elektronik fehlt und Frequenz und Spannung noch von Hand geregelt werden müssen und eine Person alleine schaffte das nicht. Heute wäre eine solche Anlage aber eine Goldgrübchen. Mit ein bisschen Elektronik hätte man ein kleines Kraftwerk bauen können, dessen Strom man gut hätte verkaufen können. Aber eben, es war wie so oft, die Andern waren in der Zeit hintendrein und ich in der Zeit so viel voraus dass wir uns nie auf einem gemeinsamen  Nenner finden würden.

Es war ein mühsames aber friedliches Leben hier auf dem Land, eine Oase der Abgeschiedenheit und Ruhe.