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Dorothea oder ein Stück vom Himmel

Dorothea, für mich einfach Dorothe. Sie war für mich die Frau meiner damaligen Träume und ist es bis heute ein bisschen geblieben. Nach der Scheidung fühlte ich mich ziemlich alleine in meiner kleinen Wohnung in Egerkingen ohne Balkon und Garten. Es war somit nur eine Frage der Zeit bis ich mich an Dorothe zurück erinnerte, die Freundin von Vreni, Jos und meiner geschiedenen Frau. Nachdem ich eines Abends all meinen Mut zusammen-gekratzt hatte, fasste ich mir ein Herz und rief Dorothe zu Hause an. Nach dem üblichen: wie geht’s ...blablabla... und so weiter lud sie mich ein, bei ihr vorbei zu kommen um sie auf ihrem gemieteten alten Bauernhof zu besuchen. Nach einer ausführlichen Wegbeschreibung machte ich  mich am darauffolgenden Wochenende mit meinem alten Auto Marke Volkswagen auf den Weg um Dorothe heim zu suchen, das war aber gar nicht so einfach. Ab Egerkingen führte die Strasse fast ausschliesslich durch den Wald nach Bärenwil und dann weiter nach Langenbruck. Von da aus weiter nach Oberdorf, und zwar alles auf der alten Landstrasse.  Bei einer kleinen Fabrik, welche mechanische Teile, insbesondere Zahnräder herstellte, ging es nun rechts ab, einen schmalen Waldweg hoch. Ich wunderte mich und konnte mir nicht vorstellen, dass man am Ende dieses schmalen Waldweges noch etwas Bewohnbares finden konnte und doch musste die Wegbeschreibung stimmen, denn einen anderen Weg gab es nicht und es war auch nirgends eine Abzweigung zu sehen. Nachdem ich ungefähr einen halben Kilometer weiter den Wald hochgefahren war führte mich das Strässchen plötzlich auf eine grosse Lichtung mit Wiesen und vielen Obstbäumen. Inmitten dieser Lichtung Stand ein grosses, sehr altes Bauernhaus mit Scheune, Hühnerhof, weiteren Gebäuden und allem was dazugehört. Gegenüber der Scheune und ein bisschen weiter entfernt befanden sich zwei grössere langgestreckte Gebäude einer stillgelegten Hühnerfarm in welcher locker je ein paar hundert Hühner Platz gehabt hätten. Vor dem Bauernhaus tobte ein grimmig aussehender Hund an der Kette. Er hätte mich wohl gerne zur Begrüssung gefressen aber die Kette hinderte ihn Gott sei Dank daran. Gandalf war der Name dieses wilden unbändigen Ungetüms, wie ich später erfuhr. Dorothe stand schon unter der Türe und begrüsste mich, der bissige Köter war plötzlich ganz zahm. Wir traten ins Haus und ich fühlte mich um hundert Jahre zurückversetzt in meine Kindheit. Alles war alt, aber blitz blank sauber ,wie bei uns früher im Bauernhaus und ich fühlte mich sofort heimisch. Dorothe war geschieden und hatte zwei Kinder, Tobias und eine Tochter welche auf den Namen Flurina hörte. Ihr ehemaliger Mann war zwar Physiotherapeut, bezahlte  aber keinen Unterhalt. Nicht für die Kinder und für Dorothe schon gar nicht. Er machte es wie viele Männer in dieser Situation, er arbeitete so wenig wie möglich und so musste Dorothe als gelernte Krankenschwester die Familie mit Nachtwachen im nahen Spital von Liestal über Wasser halten. Sie hatte einen grossen Garten und eigene Hühner, so dass sie sich fast ganz selber versorgen konnten, wenigstens mit dem Nötigsten. Es war alles Bio, aber mit dem entsprechenden Arbeitsaufwand. Dorothe musste gewaltig schuften um die Familie durchzubringen und ab und zu war nicht klar, was es in der kommenden Woche zu Essen geben würde. Um zur Arbeit zu gelangen brauchte sie ja auch ein Auto. Ich sah in der Scheune eine „Ente“ stehen. Ein gutes Auto,  billig im Unterhalt und sehr wintertauglich. Die späteren Fahrten mit der Ente genoss ich immer sehr, vor allem im Schnee wenn alle anderen Autos stecken blieben.

Wir setzten uns also in die Küche, Dorothe braute zwei Espresso mit einem kleinen, italienischen, zusammenschraubbaren Espressokocher aus Aluminium und drehte zwei Zigaretten für uns. Wir sassen so da, tranken den Espresso und rauchten selbstgedrehte Zigaretten und ich verliebte mich sofort in diese rothaarige selbstbewusste Hexe. Die Kinder schliefen schon und wir hatten es in der Küche gemütlich. Dorothe erzählte mir aus ihrem Leben, ich gab meine Lebensgeschichte aus meiner Sicht zum Besten. Dorothea stammte aus einer sehr interessanten Familie und sie war blitzgescheit und sprach drei Sprachen fliessend. Ihr Vater war früher Brückenbau-Ingenieur und so kam die Familie ganz ordentlich in der Weltgeschichte herum und deshalb sprach Dorothe auch mehrere Sprachen. Ihre Schwester welche ebenfalls geschieden und ziemlich engagiert war bei der Schweizer Armee war auch noch vorhanden. Ebenfalls waren da noch zwei Brüder, der eine Schauspieler und der andere Motorradfan und Rechtsanwalt mit einer ausserordentlich hübschen Freundin, eine wahre Augenweide.

Wir unterhielten uns angeregt und die Zeit verflog viel zu schnell. Aber da wir ja am andern Tag wieder arbeiten mussten verabschiedete ich mich gegen Mitternacht und trat die Rückreise an. Es war eine idyllische Fahrt durch den finsteren Wald, die Felder und die Wiesen und über den leicht bergigen Jura. Von da an trafen wir uns öfter, Dorothe und ich. Beim einem der nächsten Besuche, es war schon Abend und am eindunkeln, klopfte ich an der alten Haustüre. „Komm herein“ rief es von drinnen „ich bin in der Badewanne“ . Nun, das war für mich eine ungewohnte Einladung zum Eintreten, aber ich trat ein und ging dem Dampf und dem Plätschern nach und so fand ich auch die Badewanne mit Dorothe. Als sie meinte, es wäre noch genug Platz auch für mich wurde ich zuerst rot wie eine Ampel an der Kreuzung, liess mich dann aber überreden und nicht mehr lange bitten. Ich überwand meine Scheu und wir teilten uns die Badewanne. Dorothe war zwar auch nicht mehr zwanzig, aber mit einer tadellosen Figur gesegnet und obendrein hatte sie noch rote Haare welche ich über alles liebe. Wir küssten uns über und unter Wasser und bald waren wir sehr mit uns selber beschäftigt. Nach kurzer Zeit verliessen wir das Wasser und verlegten unsere weiteren Tätigkeiten ins nahe gelegene Schlafzimmer. Da auch Dorothe schon einige Zeit allein lebte wie ich, hatten wir nur noch Sex im Kopf und wir liebten uns die halbe Nacht bis wir erschöpft, ich wenigstens, aber glücklich einschliefen.

Ich hatte nun also wieder eine Familie denn ihre beiden Kinder Flurina und Tobias mochten mich scheinbar auch. Es dauerte nicht lange bis Döbeli, so nannte ihn Dorothea, auf meine Knie kletterte und ich ihm die Heftchen von Lucky Luk vorlesen musste. Immer und immer wieder. Dazwischen vertrieben wir uns auch oft draussen die Zeit mit und ohne Hund. Der Köter war eine Mischung aus Apenzeller und ich weiss nicht was, auf jeden Fall grösser. Vor dem Haus war der Längsseite nach ein Draht gespannt und an diesem Draht lief die lange Leine des bissigen und angriffslustigen Köters hin und her. Wer ihm zu nahe kam musste unweigerlich ein Stück seiner Garderobe zurücklassen. Gandalf, so hiess die Bestie brauchte einige Zeit, um sich mit mir anzufreunden, aber danach waren wir die besten Freunde. Er jaulte schon wenn er mich von weitem kommen hörte. Nun ja, ich hatte fast immer etwas für ihn in der Hosentasche wozu ein normaler Hund nicht nein sagen kann, nämlich ein Stück gerauchte Hartwurst welche ich zu diesem Zweck zu Hause immer in grösseren Mengen lagerte. Ich gebe zu, manchmal kaute ich auch auf einem Stück herum. Sie war wirklich gut und warum sollte der Köter alles alleine fressen.

Ab und zu fuhren wir am Wochenende oder an einem schönen Abend mit der Ente übers Land und ich lud die ganze Bagage in eine Kneipe ein. Ich wollte vor allem Dorothea eine Freude machen, welche hart arbeiten und das Geld zusammenhalten musste. An jedem zweiten Wochenende kamen meine Kinder zu Besuch und was gibt es schöneres für Kinder als einen Bauernhof. Sie gingen auf Entdeckungsreise in der Scheune oder sie jagten den Hühnern nach. Bald darauf kaufte ich weitere drei Hühner dazu, so hatte jedes Kind sein eigenes Huhn, ich auch. Aber auch dem Fuchs blieb scheinbar nicht verborgen, dass sich die Zahl der Hühner vermehrt hatte und so war es nur eine Frage der Zeit bis eines morgens das erste Huhn fehlte. Bald fanden wir das Loch im Zaun des Hühnerhofes und ich verschloss es kunstgerecht mit einem Stück Drahtgitter.

Ich verbrachte so viel von meiner Freizeit bei Dorothe auf dem Bauernhof wie ich konnte und machte mich nützlich. Es kam mir nun zugut dass ich ebenfalls auf einem alten Bauernhof aufgewachsen war. Ich konnte mit der Sense Gras mähen, half auch im Garten und liebte das Holzspalten und sägen über alles. Dorothe, eine hervorragnede Köchin entlohnte mich mit köstlichen Gerichten. Die ewige Hin- und Her Fahrerei wurde mir langsam zu mühsam und so beschlossen wir, dass ich zu Dorothe auf den Bauernhof zog und wir zusammenlebten. Ich übernahm einen Teil der Haushaltkosten so dass wir auch ab und zu einen schönen Sonntagsbraten essen konnten. Meine Habe war nicht gross und so war der Umzug schnell vollzogen. Die meisten meiner Möbel hatte ich eh schon zusammen mit dem Haus vermietet. An Winterabenden sassen wir alle in der Bauernstube und lasen oder ich erzählte den Kindern eine Geschichte und Dorothe arbeitete am Spinnrad und verarbeitete Schafwolle welche sie vorher gekauft hatte. Ich fand diese Arbeit faszinierend und begann auch, zu üben. So gut wie Dorothe beherrschte ich diese Kunst nicht aber ich lernte es immerhin. Das meiste grobe Garn wurde dann zu Mützen, Handschuhen und Pullovern verarbeitet. Alles ergab Geschenke für Weihnachten, nicht teuer aber hergestellt mit Liebe. So verging die Zeit im Flug und wir hatten es gut zusammen, um nicht zu sagen sehr gut.  Besonders gut ging es uns an Ostern. Dorothe hatte ein Preisausschreiben gewonnen, der Preis war ein Wochenende in einem Viersternhotel im schönen Tessin in der Südschweiz. Wir fuhren also in den Tessin mit meiner Klapperkiste, an den Lago di Lugano und parkten vor einem vornehmen alten Hotelkasten. Mein Volkswagen kam sich ein bisschen deplaziert vor zwischen all den Mercedes, Jaguars und anderen Edelkarossen. Ich sprach ihm aber gut zu und so verhielt er sich ruhig auf dem Parkplatz. Das ehrwürdige Hotel war Luxus pur und für eine Nacht hätte ich wohl mindestens eine Woche arbeiten müssen. Wir wurden in unser Zimmer geführt, natürlich mit Seesicht. Das Zimmer war ausgestattet mit antiken Möbeln und auf der Anrichte stand zur Begrüssung eine grosse Früchteschale und eine Flasche Prosecco. Wir liessen aber vorerst alles liegen und stehen, verliessen das Hotel und gingen spazieren. Die Sonne schien, es war ein Bilderbuchwetter und wir genossen die Aussicht über den See. Ich fand die Gelegenheit passend und fragte Dorothe schüchtern ob sie sich vorstellen könnte, mich zu heiraten. Ich schaute sie an, sie erbleichte und blickte drein wie vom Blitz getroffen, als hätte ich sie mit einem Knüppel geschlagen. Sie fing an zu weinen und schluchzte sie wolle nie nie mehr heiraten. Sie erholte sich zwar schnell wieder aber ich wusste, dieses Thema war erledigt und so schritten wir stumm neben einander her, zurück zum Hotel.

Das Abendessen bestand aus einem Viergangmenu und war vom Feinsten. Jeder Gang mit dem passenden Wein. Das war wirklich ein kulinarisches Erlebnis. Bald darauf verliessen wir den Speisesaal und suchten unser königliches Gemach auf um zu schlafen. Dorothe war wieder die Alte und wir alberten noch ein bisschen im Bett herum bis wir dann, müde vom Wandern und vom Wein, einschliefen. Am Morgen plünderten wir noch das schöne Frühstücksbuffet, verabschiedeten uns am Hotelempfang und machten uns wieder auf die Heimreise weil wir ja anderntags wieder arbeiten mussten.

Nun, seit jenem Ausflug sind wir immer noch gute Freunde aber es war als hätte jemand zwischen uns eine unsichtbare Glaswand aufgebaut. Nichts war mehr wie früher, die Spannung war weg und das Feuer der Liebe und Leidenschaft ziemlich erloschen. Ich würde sagen es glimmte noch ein bisschen und es glimmt heute noch.

Ich kündigte meinem Mieter und zog wieder zurück in mein herrschaftliches Haus in Hägendorf und war somit alleiniger Herr über ein grosses Haus welches meistens verlassen und leer war wenn ich zur Arbeit musste. Dorothe und ich trafen uns für längere Zeit nicht mehr. Mit einem Satz konnte man sagen der Ofen war aus.