Meine Mutter wird komisch

 

Es ist so schon manchmal eine schwierige Ehe welche wir beide da führen, Edith und ich. Stress im Geschäft und Stress zu Hause. Ich habe leider viele, wenn nicht zu viele Interessen welche sich weder mit dem Geschäft noch mit der Familie welche meine Zeit natürlich zu recht auch beanspruchen will deckt.

Da ich einerseits den ganzen Tag in Basel arbeiten musste und ich erst am späteren Abend nach Hause kam, beschränkte sich eigentlich meine Freizeit auf die Wochenenden. Nun, meine Mutter und meine Frau hatten nicht gerade ein Verhältnis das man herzlich oder innig nennen könnte und meine Ehefrau meinte, dass mir an meiner Mutter mehr liegt als an ihr, was natürlich nicht stimmte und so kam ich immer mehr in den Clinch und war der Puffer zwischen den beiden Kampfhähnen, wobei meine Mutter eigentlich nichts gegen Edith hatte, soweit ich das beurteilen konnte.

Seit meine Mutter pensioniert war kam sie eigentlich gut zurecht. An Geld fehlte es ihr nicht da sie recht genügsam lebte, eine gute Pension hatte und doch... ich hatte das Gefühl, dass sich ihre Ausgaben kontinuierlich steigerten.

Ab und zu nahm sie an Werbefahrten teil um sich die Zeit zu vertreiben. Dagegen war eigentlich nichts einzuwenden ausser dass sie sich immer irgend einen teuren Scheiss aufschwatzen liess weil sie sich nicht getraute nein zu sagen. War es nun Bettzeug oder gesunde Wolldecken oder Gerätschaften die niemand brauchte.

Ich hatte nun angefangen die Sachen wieder zurück zu geben und drohte den Firmen, dass ich sie verklagen werde wegen Nötigung, weil meine Mutter nicht ganz dicht im Oberstübchen sei. Die Taktik hatte sich gut bewährt und meistens bekam sie das Geld postwendend zurück.

Mehr Probleme gab es wenn meine Mutter zu jeder Tages- und Nachtzeit anrief um mir mitzueilten, dass sie ihren Hauschlüssel nicht mehr finden konnte oder mich fragte, was wir für einen Wochentag haben. Dieser Zustand schien sich mit der Zeit zu verschlimmern denn sie rief oft zehn Minuten später wieder an und fragt genau das gleiche noch einmal. Mir blieb dann oft nichts anderes übrig, als mich ins Auto zu setzen und die zwanzig Minuten nach Trimbach zu fahren um beim Suchen zu helfen. Die Suche dauerte dann meistens nicht lang, denn das Gesuchte lag meistens in Reichweite, wie immer. Meie Frau fand diese Aktionen nicht lustig da sie auch mit mir zusammen sein wollte was wiederum zu verstehen war. Aber ein grosses Verständnis für alte Leute legte sie trotzdem auch nicht an den Tag.

Besonders unangenehm wurde das Ganze, wenn die Aktion morgens um ein Uhr stattfand oder noch später, besser gesagt noch früher, dann stieg auch mein Blutdruck auf gefährliche Höhen.

Nun, meine Mutter litt ja schon seit Jahren an schweren Depressionen und ich erinnere mich noch gut, dass sie oft heulend in unserer Bauernstube sass und ihr die Decke auf den Kopf fiel. Onkel Eduard und Gotte Lili redeten dann auf sie ein bis sie sich wieder zu einer Erholungskur entschied. Im Grossen und Ganzen hielt sie sich aber nur mit Medikamenten über Wasser. Ich denke eine Psychotherapie wäre sinnvoller gewesen. Es war zwar ihrer Krankheit zuzuschreiben aber ich mag mich erinnern dass sie mich einmal angeschaut hat als es ihr so schlecht ging und zu mir sagte „ ich wollte ich hätte dich umgebracht“. Ich rannte heulend zu meiner Tante und suchte Trost. Dieser Satz verfolgt mich heute noch nach siebzig Jahren. Wie schlecht muss es einer Mutter gehen dass sie so etwas zu ihrem Kind sagt…..

Die ganze Geschichte wurde mir langsam zu bunt und auch Onkel Eduard war der Meinung man sollte etwas tun. Wir suchten also in Olten einen bekannten Neurologen auf und klagten ihm unser Leid, meiner Mutter sagten wir noch nichts von dieser Aktion. Der Neurologe meinte nach längerem Zuhören dass er uns keinen Bescheid oder Rat geben könne und er zuerst mit meiner Mutter selber sprechen müsse.

Unter einem fadenscheinigen Vorwand lockte ich also meine Mutter zum Neurologen als sie wieder einmal frische Pillen brauchte um ihren Vorrat aufzufüllen.

Nachdem sich der Neurologe ziemlich lange mit meiner Mutter unterhalten hatte bat er mich anschliessend in sein Büro und teilte mir mit, dass es ziemlich sicher sei dass meine Mutter unter Alzheimer leide und das sich die Lage in Zukunft rapide verschlimmern werde. Das war allerdings keine gute Prognose, auch wenn ich in Gedanken schon mit so etwas ähnlichem gerechnet hatte. Viele Dinge die meinen Mutter tat oder getan hatte bekamen nun einen Sinn für mich oder doch zumindest eine Erklärung.

Kurz vorher traf ich Gotte Lili, die Freundin meiner Mutter und sie erzählte mir folgende Geschichte. Meine Mutter und Lili gingen öfter zusammen spazieren was eigentlich nichts besonders spektakuläres war. Aber als die beiden eine Strasse überqueren mussten, stellte meine Mutter plötzlich ihre schöne Handtasche welche sie bei sich trug mitten auf der Strasse ab und ging einfach weiter. „ Willst du deine Handtasche nicht mitnehmen“, fragte darauf Lili meine Mutter. „Welche Handtasche?“. „Die dort mitten auf der Strasse wo du sie gerade abgestellt hast“.

Darauf meine Mutter „ ist das meine Handtasche?“ Diese Geschichte mag ja lustig klingen aber sie zeigte mir, wie weit die Krankheit schon fortgeschritten war und Vorfälle dieser Art häuften sich leider immer mehr. Mein Onkel und ich hatten auch den Verdacht, dass sie im Laden die Ware oft zwei mal bezahlte. Beweisen konnten wir es nicht aber meine Mutter brauchte in letzter Zeit ziemlich viel Geld obwohl sie eigentlich immer etwa gleich viel einkaufte.

Trotz den zahlreichen Gewitterstürmen und Strafpredigten zu Hause besuchte ich meine Mutter nun öfter. Ich durchforstete immer häufiger den Kühlschrank der Mutter um die alten Lebensmittel zu entsorgen welche schon lange über das Verbrauchsdatum waren und zum Teil an Schimmelpilz erkrankt waren. Dass sich meine Mutter mit ihrem alten Futter nicht schon längst vergiftet hatte grenzte schon an ein Wunder.

Manchmal flogen in der Küche ganze Heerscharen von Küchenschaben herum so dass man schier Nebellampen brauchte um die Orientierung nicht zu verlieren. Dann war es wieder an der Zeit die angebrochenen Teigwaren, Mehl-und Griesvorräte zu kontrollieren oder noch besser gleich alles zu entsorgen samt dem lebendigen Inhalt.

Meine Mutter freute sich immer wenn ich sie mit den Kindern besuchte und da Kinder bekanntlich immer Hunger haben stellte meine Mutter oft eine schöne Platte mit Wurst, Brot und Käse auf den Tisch. Als wir nun alle am runden Tisch sassen, wie schon oft, und mit essen beginnen wollte kreischte meine Tochter plötzlich „ Papa, der Käse bewegt sich“. Nach genauerem Hinsehen bemerkte ich, dass sich der Käse wirklich bewegte, die Maden waren fleissig am fressen. Wir entsorgten den Käse und begnügten uns mit Wurst und Brot.

Sonst kam meine Mutter eigentlich noch ganz gut zu Recht alleine. Alles hatte seinen Platz bei ihr und solange niemand die Ordnung veränderte gab es keine grösseren Probleme. Trotz dem sassen wir eigentlich alle schon auf einem Pulverfass dessen Lunte schon brannte. Ich bearbeitete meine Mutter also, dass sie sich in einem Altersheim anmeldete, was sie Gott sei Dank, wenn auch widerwillig, machte und dies sogar gleich bei zwei verschiedenen Altersheimen.

Das war auch gut so den der Haushalt meiner Mutter verlotterte zusehends und die zahlreichen Hausbesuche meinerseits und die meines Onkels schienen nicht mehr auszureichen. Also legten wir unserer Mutter nahe, das Altersheim aufzusuchen aber sie wehrte sich vehement da sie selber ihr Problem nicht erkannte. Fast zwei Monate später hatten wir sie dann endlich doch soweit, dass sie einwilligte nachdem sie ihr schönes Zimmer im Altersheim gesehen hatte. Das Altersheim lag auch nicht abseits sondern fast mitten in der Stadt neben der Martinskirche, ihrer Lieblingskirche. Ihre Freundin Lili versah ihre Wäsche mit Monogrammen und wir halfen ihr ein paar Habseligkeiten zu zügeln. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass wir ihr Haus und ihre Wohnung nicht vermieteten und ihren Hausschlüssel konnte sie auch behalten.

Wenn wir nun gedacht hatten das Problem sei gelöst hatten wir weit gefehlt. Schon zwei Tage später erreichte mich der erste Notruf vom Altersheim indem die Leiterin mir mitteilte, meine Mutter sei verschwunden. Ich telefonierte also allen Bekannten denen ich habhaft werden konnte und wir suchten meine Mutter. Mein Onkel fand sie als erster. Sie sass auf der Treppe im Treppenhaus vor ihrer alten Wohnung weil sie es nicht fertig brachte, den Wohnungsschlüssel ins Schloss zu stecken. Es war wirklich ein trauriger Anblick. Inzwischen war ich auch eingetroffen und mit viel Zureden verfrachteten wir meine Mutter wieder ins Altersheim. Es gab immer wieder solche Vorfälle aber irgendwo fanden wir meine Mutter immer wieder, aber die Sucherei zehrte an unseren Nerven. Meiner Gesundheit waren diese Aktionen auch immer weniger zuträglich. Die Krankheit meiner Mutter machte leider auch nicht halt und eines Tages teilte mir die Leiterin des Altersheims mit, dass sie meine Mutter nicht mehr beherbergen können, da sie inzwischen ein Pflegefall sei und eine Rundumbetreuung benötige. Das war ein harter Brocken für uns. Wir mussten sie so zu sagen in ein Gefängnis stecken. Wir brachten sie also in ein anderes Altersheim welches eine Pflegeabteilung hatte in Form einer geschlossenen Abteilung. Es sah für mich aus wie in einer Kaserne und es gefiel mir gar nicht trotz der Klosterfrauen die herumwuselten. Alles sah irgendwie abgegriffen aus und es roch nach verpissten Unterhosen. Mir stand das heulen zuvorderst aber ich sah keine Alternative und so überliess ich meine Mutter der Pflege der Klo(ster)frauen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass  ich meine Mutter nur selten besuchte, aber das Heim beelendete mich dermassen, dass ich es einfach nicht aushielt. Es dauerte nicht lange und meine Mutter kannte niemanden mehr. Anfangs sprach sie noch deutsch, englisch, Französisch und Italienisch zu unser aller Belustigung aber diese Episoden wurden auch immer seltener und schlussendlich lag sie nur noch auf dem Rücken, röchelnd und halb schlafend mit offenem Maul. Es war ein furchtbarer Anblick eine Tote anzuschauen die gar noch nicht tot war. Es dauerte noch drei oder vier Wochen bis das Pflegeheim anrief und mitteilte meine Mutter sei gestorben. Ich war nicht froh dass sie starb aber ich war froh dass sie gestorben war und ihr Leid ein Ende hatte.

Wir organisierten eine schlichte Trauerfeier im Kreise der nächsten Verwandten und setzten die Urne mit ihrer Asche auf dem Friedhof von Trimbach bei. Ich gab einer ansässigen Gärtnerei den Auftrag zwei mal pro Jahr neue Blumen anzupflanzen aber ich selbst ging nie mehr auf den Friedhof. Ich hatte bei der Beerdigung das Gefühl dass mich die Toten auf diesem Fridhof nicht mögen und dass ich mich von ihnen fernhalten sollte obwohl schon mein Grossvater und meine Grossmutter hier lagen.

Mit dem Tode meiner Mutter wurde ich zu einem für meine Verhältnisse wenigstens ziemlich reichen Erben aber dieses Geld machte mir keine grosse Freude. Lieber hätte ich es mit meiner Mutter geteilt.

Das Haus meiner Mutter verkaufte ich zu einem guten Preis einem ansässigen Malermeister welcher mir, um Steuern zu sparen, noch fünfzigtausend Franken Schwarzgeld unter dem Tisch durchreichte was mir weiter keine Skrupel bereitete.

Meine Anteile an dem Bauernhaus und an dem Mehrfamilienhaus verkaufte ich meinen geldgierigen Verwandten zu einem eher schlechteren Preis, aber das war mir egal. Ich war nun von niemandem mehr abhängig und ausser Gott niemandem mehr Rechenschaft schuldig und das war gut so. Ich fühlte mich frei.