Ab in die Psychi

 

Das Desaster kam schleichend. Es begann eigentlich schon nach meiner Hochzeit. Ich fühlte mich den gegebenen Situationen immer weniger gewachsen, kam mir neben meinen zwei studierten Schwägern minderwertig und hilflos vor und hatte im wahrsten Sinn des Wortes bei meinen Schwiegereltern nichts zu sagen und das regte mich bei jeder Gelegenheit masslos auf und die gut gemeinten Vorträge meines Schwagers wie ich mein Leben zu organisieren hatte war ich leid. Denn meiner Meinung nach war sein Leben welches von seiner  geltungssüchtigen Frau bestimmt wurde aboslut nicht wünschenswert. Ich fühlte mich dauernd zu Handlungen getrieben welche ich eigentlich gar nicht wollte, dazu gehörte auch Ski fahren. Ich kann und konnte auch nie gut Ski fahren und alles was mit Sport zu tun hatte war mir suspekt. Meine beiden Schwäger waren hingegen sehr gute Sportler und so schämte ich mich immer furchtbar wenn ich mein Können, besser gesagt mein Nichtkönnen diesbezüglich zur Schau stellen musste und es bereitete mir auch nicht die geringste Freude, abgesehen von wenigen Momenten in denen ich im Sonnenschein gemächlich auf meinen Skiern dahingleiten konnte. Jeder sportliche Ehrgeiz war mir fremd. Meine Frau hingegen war eine begabte Skifahrerin und sehr sportlich veranlagt und ich machte den Zirkus jeweils nur mit damit sie Sport treiben konnte.

So kam es wie es einmal kommen musste, wir wurden übers Wochenende vom Schwager Peter, gut gemeint, zum Skifahren eingeladen und ich traute mich wieder einmal nicht nein zu sagen. Wir deponierten unsere Kinder bei den Schwiegereltern und fuhren mit dem Auto nach Bellwald und fanden dort auch hoch oben nach einigem herumfragen die vom Schwager gemietete Hütte. Mit dem Auto konnten wir nicht bis zur Hütte hochfahren also parkten wir unser Auto unten im Dorf, montierten unsere Rucksäcke, packten unsere Taschen mit den Fressalien und stapften im hohen Schnee den Berg hoch. Die Sonne strahlte und es war für mich eine Tortur durch den hohen Schnee bergauf zu waten. Die Luft war hier oben sichtlich dünner und mit dem schweren Gepäck konnte ich kaum atmen. Plötzlich wurde mir schwindlig, ich hatte ein komisches Gefühl als wäre ich betrunken. In meinen Ohren wütete ein Pfeifton und ich sah farbige Flecken auf dem Schnee. Ich liess mir nichts anmerken, biss die Zähne zusammen und stapfte weiter bis zur Hütte wo uns die Schwägerin gnädig mitteilte, wir hätten nur anrufen sollen dann hätte uns das Schneemobil abgeholt. Einen Moment lang hatte ich Lust sie ganz langsam zu erwürgen. Ich war so kaputt dass für mich das Wochenende schon gelaufen war. Seit dieser Tour oder besser gesagt seit diesem Aufstieg war etwas in meinem Kopf kaputt gegangen, ich weiss nicht was.

Zur selben Zeit wuchs auch der Stress im Geschäft, denn die Ciba AG wollte mit der Sandoz AG fusionieren um daraus die Novartis AG machen. Waren wir schon lange am Limit mit unsere Arbeitskapazität im Elektroniklabor kam nun noch die Sorge um den Arbeitsplatz dazu. Es ist ja bekannt, dass  nicht immer jene welche am meisten arbeiten, sondern oft jene welche das Maul am weitesten aufreissen und gute Beziehungen haben ihren Arbeitsplatz behalten können, so war es auch jetzt.

Ich konnte des Nachts nicht mehr schlafen und mein Blutdruck spielte verrückt.

Das änderte auch nicht als die Fusion beendet war und ich meinen Arbeitsplatz immer noch hatte. Eines Tages teile uns unser Chef uns mit, dass er versetzt werde und darauf folgte ein Chef dem andern. Ich litt nun auch noch an Platzangst und wurde menschenscheu. Manchmal wenn ich das Gebäude betrat in welchem sich mein Arbeitsplatz und mein Büro befanden, schwankten alle Wände beim Eintreten und mir wurde übel, so dass ich gleich auf dem Absatz wieder kehrt machen konnte. Im Aufzug hatte ich kein Problem solange ich alleine war. Aber sobald sich eine oder mehrere Personen dazu gesellten musste ich schweissgebadet den Lift im nächsten Stockwerk verlassen. Die ganze Sache steigerte sich so, dass ich dreimal pro Woche mit dem Taxi zum Arzt, besser gesagt zum Neurologen fahren musste. Dieser hängte mich an den Tropf und füllte mich ab mit Psychopharmaka. Von nun an lebte ich in einem geistigen Schwebezustand welcher aber grossen Schwankungen unterworfen war. Ich konnte mich zeitweise nur noch mit Alkohol über Wasser halten. Ich sass zu Hause apathisch in einer Ecke mit einem grossen Glas Whisky in der Hand und konnte mich praktisch nicht mehr bewegen. Ich denke nicht, dass ich je wirklich betrunken war aber ich brauchte einen hohen Alkoholpegel im Blut um meine Krankheit einigermassen zu ertragen. Ich war gefangen in einem nicht mehr funktionierenden Körper mit einem teilweise gestörten Geist welcher ohne Pause auf Hochtouren arbeitete wie ein Automotor bei dem das Gas hängen geblieben war und den man nicht mehr abstellen konnte. Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr arbeiten und das Nichtstun hielt ich schon gar nicht aus.

Mein soziales Gefüge drohte auseinander zu brechen. Ich konnte keinen Raum mehr betreten in dem sich fremde Leute befanden. Musste ich auf die Post so schaute ich zuerst durchs Fenster nach innen und wartete, bis ein Schalter leer war. Dann sauste ich hinein und erledigte meine Sachen, aber wehe es kam jemand dazwischen dann war ich sofort schweissgebadet und ich verliess den Schalter fluchtartig um mit dem Spielchen von vorne wieder anzufangen.

Jedes Jahr gab es im Nachbardorf in Muttenz ein Freilicht- Jazzkonzert welches ich als Hobbymusiker leidenschaftlich gerne besuchte. Auch das vermasselte mir mein Geist. Selbst auf dem Weg ins Dorfzentrum musste ich mich ab und zu an einer Gartenhecke festhalten weil ich vor Platzangst bewusstlos zu werden drohte und schwankte, weiche Knie hatte obwohl ich keinen Tropfen Alkohol getrunken hatte. War ich dann nahe beim Ziel und sah die vielen Leute auf den Festbänken sitzen um die Musik zu geniessen versagten meine Beine den Dienst total und weigerten sich, weiter zu gehen. Also musste ich das Konzert von weitem verfolgen. Ein leichter Verfolgungswahn stellte sich auch ein, hatte ich doch das Gefühl, jeder schaue mich an und sah wie krank ich war. Aber auch das Gegenteil war eine Plage. Teilte ich meinen Kollegen im Geschäft mit, ich müsse nach Hause gehen weil ich krank sei so meinten diese doch, ich sähe gesund und top fit aus und mir fehle doch nichts, was mich innerlich noch mehr zur Verzweiflung trieb, hätte ich doch dringendst jemanden gebraucht der mich bedauerte und meinen Zustand begriff. Ich fühlte mich wie ein Toter bei welchem die Umgebung nur noch nicht gemerkt hat, dass er tot ist. Nein schlimmer, ich fühlte mich wie ein sehr kranker Toter.

Dass ich niemandem meinen Zustand plausibel machen konnte und ich gerne viele Dinge tun wollte aber nicht konnte, verursachten mir noch zusätzlich furchtbare Depressionen.

Ich war Stammgast bei meinem Arzt welcher sich an mir eine goldene Nase verdiente, an einer Krankheit welche es gar nicht gab. Er meinte aber ich hätte einen Burnout und eine schwere Depression was leider an meinem Zustand auch nichts änderte.

Da brachten auch die Arztzeugnisse welche mich von der Arbeit befreiten, keine grosse Linderung, denn sobald das Zeugnis zeitlich abgelaufen war und mir im Geist mein Arbeitsplatz mit all meinen Überforderungen vor Augen erschien, war der Genesungseffekt wieder dahin. Ich fühlte mich wie ein halb toter Hamster im Tretrad.

Jetzt konnte ich einfach nicht mehr und ich fand, lieber schön tot als schlecht lebendig. Ich stapfte in unsere Garage, schloss alle Türen und das Fensterchen des Garagentors und liess den Motor laufen. Als ich nach zwei Minuten immer noch nicht tot war kamen mir ernsthafte Bedenken ob diese Methode wirklich geeignet sei um mich aus dem Leben zu schleichen, zumal es plötzlich sehr stank in der Garage und mir die Augen brannten. Dann war mir plötzlich klar, ich war auch zu blöd um mich umzubringen. Ich stoppte den Motor, öffnete die Garagentüre soweit ich konnte und lüftete das ganze Haus welches inzwischen auch stank wie eine Autorennbahn, damit meine Frau nichts bemerkte wenn sie nach Hause kam am Abend. Dieses Thema war also vorerst abgeschlossen.

Am nächsten Tag ging ich wieder wie gewohnt zur Arbeit. Das Telefon klingelte im Zehnminutentakt und nervöse Kunden drängten durch die Türe in der Hoffnung, sie wären die einzigen welche etwas haben müssten. Schon wieder klingelte das verdammte Telefon, ich regte mich auf und dann wurde es finster vor meinen Augen, gefolgt von einem Pfeifton. Ich erwachte auf der Krankenstation, mein Blutdruck und mein Puls hatten eine ungesunde Höhe erreicht und der Werksarzt schickte mich nach Hause mit dem Taxi. Als meine Frau am Abend nach Hause kam sass ich wieder mit einem Whisky in einer Ecke und blies Trübsal. Sie rief meinen Neurologen an und anderntags ging es ab in eine Privatklinik. Normalerweise wäre ich nie in eine Psychi gegangen aber mir war nun alles egal und mir war klar, dass dies wohl meine letzte Chance war um meine angeschlagene Psyche zu retten. Die Klinik hiess Klinik Wyss, lag im Kanton Bern und war schön gelegen, mitten in grünen Wiesen neben einem Bauernhof, gepflegt und teuer. Ich war aber erster Klasse versichert und finanziell gut abgedeckt.

Im Büro meldete meine Frau Johanna mich an und ich bekam mein Zimmer zugewiesen in einem kleinen Häuschen. Das Doppelzimmer hatte etwa die Grösse einer Gefängniszelle, spartanisch eingerichtet, aber zum Schlafen gross genug. Schon bald hatte ich ein Gespräch mit einem Arzt, Theilkäs hiess er und er war wirklich gut, wie sich später herausstellte. Er erklärte mir in groben Zügen wie der tägliche Stundenplan aussah. Die Medikamente wurden in der Apotheke verteilt und mussten dort unter Aufsicht auch geschluckt werden. Dann gab es Frühstück im Restaurant und auch das Essen wurde jeweils dort eingenommen. Der Koch war ein Künstler und das Essen war vom Feinsten. Man bekommt seinen festgelegten Platz an einem Tisch aber wem die Tischnachbarn nicht passten, der konnte auch wechseln. Beim Essen lernte man viele Leute kennen und es hatte wahrlich einige spezielle Vögel darunter. Von der Wahrsagerin bis zum kranken Diplomaten aus Afrika war alles anwesend. Hauptsache die Kasse stimmte. Es gab Minigolf und andere Freizeitangebote wie töpfern und in der grossen Freizeithalle stand ein einsames Klavier das ich sogleich in mein Herz schloss und ihm oft stundenlang klassische Musik entlockte.

Es war gerade zur Sommerzeit und wir, die wir nicht in der geschlossenen Abteilung untergebracht waren, konnten die schöne Badeanstalt benutzen welche ganz in der Nähe inmitten von grünen Wiesen eingebettet war. So verstrich die Zeit im Fluge. Als die sechs Wochen um waren graute mir von der Rückkehr und ich hätte in diesem Moment viel darum gegeben, in der Klinik bleiben zu dürfen .......für immer. Eine gute Sache hatte der Klinikaufenthalt noch mit sich gebracht. Mein Neurologe in Basel stellte mir ein langfristiges Zeugnis aus dass ich nur noch halbtags arbeiten musste. Die Krankenabteilung der Firma willigte auch ein, hatte ich doch meine Gesundheit in dieser Firma kaputt gemacht welche die Angestellten die sich nicht wehrten bis zum letzten Blutstropfen auspresste und so begann wieder ein neuer Lebensabschnitt für mich.