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DEVATRONIK

Eine eigene Firma muss her

 

Es waren eben die goldenen siebziger Jahre. Die Wirtschaft boomte und bald jeder hatte eine eigene Firma, nur ich nicht. Wenigstens schien es mir so. Ich hatte grosse Lust auf eine eigene Firma und an diesbezüglichen Träumen fehlte es mir nicht. Allerdings hatte ich mehr Freude und Enthusiasmus denn eine Ahnung wie so etwas funktioniert.

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Meiner kleinen Pseudofirma zu Hause ging es inzwischen immer besser. Im Geschäft entwickelte ich ein Prüfgerät für Kunststoffe welches von der CIBA umgehend patentiert wurde und mein Chef hatte seine helle Freude an mir, stand doch sein Name auf der Patentschrift , meiner leider nicht. Auf Grund von Publikationen wollten auch andere Firmen dieses Prüfgerät haben aber unsere Kapazität reichte nicht aus, um all die Geräte zu produzieren. Obendrein waren wir ein Elektroniklabor und keine Maschinenfabrik. Ich machte meinem Chef den Vorschlag, die Geräte auf eigene Rechnung zu bauen und er war sofort einverstanden. Nun war ich endlich so weit, dass ich offiziell eine eigene Firma gründen konnte neben meiner sonstigen Tätigkeit. Ich nannte sie DEVATRONIK, abgeletet von Della Valle Elektronik. Meine Firma liess ich beim Handelsregisteramt als private Kleinfirma für wenig Geld eintragen. So musste ich bis zu einem bestimmten Jahresumsatz keine Buchhaltung führen Ich richtete mich zu Hause im Keller ein mit ein paar „ausgeliehenen“ Prüfgeräten und schon trafen die ersten Bestellungen ein. Mein Schwager Peter war inzwischen Personalchef bei der Aufzug- und Rolltreppen-Firma SCHINDLER in Ebikon geworden und steuerte aus der hauseigenen Druckerei mein Geschäftspapier und Visitenkarten bei, alles mit einem ansprechenden Firmenkopf vom firmeneigenen Graphiker. Es dauerte nicht lange und ich bekam sogar Aufträge von meinem eigenen Arbeitgeber, da die Kapazitäten für Elektronikarbeiten allenthalben ausgeschöpft waren und meine Firma die Elektronikabteilung aus strategischen Gründen nicht vergrössern wollte. Beim Kerngeschäft bleiben würde man heute sagen. Da wir eine Entwicklungsabteilung hatten, welche für die Verarbeitung unserer Kunststoffe, sprich Epoxidharze, auch die passenden Maschinen konstruierte, welche in einer Basler Maschinenfabrik gebaut wurden bevor sie unseren Kunden ausgeliefert wurden, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich die zuständigen Leute kennen lernte. Der Besitzer der Maschinenfabrik war ein Sparschwein und er bat mich, für seine Spritzautomaten die Steuerungen zu bauen. Beim ersten Besuch in der Fabrik war mir schon mulmig, als ich die riesigen Ungeheuer aus Stahl sah, welchen ich Leben einhauchen sollte. Aber nach dem Motto :“ dem Inschinör ist nichts zu schwör“ sagte ich dem Besitzer, Alois hiess er , zu. Ich sagte ihm, das sei für mich kein Problem, mir war aber sehr mulmig zu Mut.

Der erste Auftrag kam sofort, aber ich hatte dummerweise nicht genug Geld, um das notwendige Material zu kaufen, denn wir hatten soeben unser Haus fertig gebaut und das Geld war alle.Wir kamen gerade so mit unseren zwei Kindern über die Runden und mein Frau war auch nicht gerade der Typ „Kleinsparer“. Es war eben schon ein Unterschied zu meinem Arbeitsgeber wo Geld kein Thema war. Meinen Auftraggeber wollte ich nicht um finanzielle Hilfe bitten. Ich fand das würde meinem Ansehen schaden. In meiner Not überlegte ich, wie ich das Problem lösen könnte und dann kam mir der rettende Gedanke „eine Bank muss her“. Banken haben immer Geld, ich habe keins, also auf zu einer Bank. Ich rief bei der UBS in Olten an und klagte einer Dame mein Leid. Nachdem ich ein paar mal weiterverbunden wurde sprach am Telefon ein freundlicher Herr, hörte sich meine Geschichte an, erzählte etwas von Kontokorrent, Verzugszinsen und Kreditspesen. Da ich von tuten und blasen keine Ahnung hatte, sagte ich zu allem ja. Er bat mich, ihm eine Kopie des Auftrags zu senden, was ich umgehend machte. Drei Tage später erhielt ich von der Bank ein Schreiben, dass sie für mich ein Geschäftskonto mit einer Einlage von fünfzehntausend Franken errichtet hätten. Ich jubelte und begann sogleich, das dringend benötigte Material zu bestellen. Nun musste ich all mein bisher gelerntes Wissen zusammenkratzen und nach drei Wochen hatte ich die Steuerung für meine erste Maschine zusammen, fein säuberlich verpackt in einem kleinen Steuerschrank. Da ich ja zur arbeitenden Klasse gehörte, fuhr ich meistens erst abends zur Maschinenfabrik um die Steuerung einzubauen. Nachdem ich ein paar Drähte vertauscht hatte verlief der endgültig Probelauf zufrienstellend und der erste Auftrag war erledigt. Das Geld kam auch pünktlich, ich konnte der Bank das Geld relativ schnell zurückzahlen. Ich dachte mir, die Bank würde sich sicher ob meiner prompten Rückzahlung freuen, aber weit gefehlt. Es dauerte nicht lange bis der freundlich Herr von der Bank wieder anrief und mich fragte was auch los sei, ob ich denn keinen Kredit mehr brauche. Ich dankte dem freundlichen Herrn und sagte ihm, dass sich meine Firma nun selbst finanzieren konnte. Mir war aber eben klar geworden, dass eine Bank vom Geld verleihen lebt und das will ich mir doch merken für die Zukunft.

Nun, ich arbeitete also vor mich hin, kam oft später heim, was sich auf den Hausfrieden nicht immer positiv auswirkte. Meine Frau beschwerte sich immer öfter, dass  ich dauernd abwesend sei. Sie hatte ja so unrecht nicht, aber den zusätzlichen Geldsegen verachtete sie bei leibe nicht und eines Tages hatte ich die Nase so voll, dass ich den ganzen Bettel hinwarf und die Firma DEVATRONIK kurzerhand schloss. Heute im Nachhinein bereue ich diesen voreiligen Schritt denn ich stand bereits mit einem Bein in einer Goldgrube. Es kamen noch Anfragen von grossen Firmen welche alle mit der Produktionskapazität am Limit waren und suchten dringend Unterstützung. Auch Firmen anderer Sparten wollten bei mir etwas bestellen aber ich konnte einfach nicht mehr.

Ich war auch mit meiner Gesundheit immer noch am Limit und der Stress im Geschäft wurde nicht weniger. Ich traute mich nicht mit der Geschäftsleitung zu verhandeln um meine Stelle in eine Halbtagsstelle zu verwandeln. Aber so hätte ich Zeit gehabt mein Privatunternehmen auszubauen denn mein Auftragsbuch war mehr als voll. Ich hatte immer Angst es könnte etwas Unvorhergesehenes passieren so dass ich meine Familie nicht mehr unterhalten konnte. Diese Einstellung sollte sich bald rächen und ich merkte zu spät, dass ich auf das falsche Pferd gesetzt hatte.

Ich musste ja nicht nur meine Arbeiten in der Novartis erledigen. Immer öfter schickte mich mein Chef auf Reisen, so zu sagen als Werkspion. Grosse Kunden von uns prüften unseren Kunststoff auf ihren Prüfgeräten und so musste ich bei den Firmen Höflichkeitsbesuche machen mit meiner Fotokamera. In meiner Abwesenheit blieb meine Arbeit zu Hause und in der Firma liegen und auf meine beiden Arbeitskollegen war kein Verlass, sie hielten die Arbeitszeiten exakt ein.

Ich besuchte mehrere nahmhafte grosse Firmen wie Siemens in Berlin und einige andere in der Schweiz und in Frankreich. Zu Hause wieder angekommen musste ich über die Prüfmethoden dieser Firmen berichten und soweit möglich die Geräte nachbauen, damit wir die Resultate mit unseren Prüfresultaten vergleichen konnten. Man kann es nicht anders formulieren aber mein Chef benutzte mich Naivling um Werkspionage zu betreiben. Das war nicht nett. Die Firmen bewirteten mich zum Teil grosszügig und brachten mich in teuren Hotels unter. Da war mein Chef schon von anderem Schrot und Korn. Wenn uns diese Firmen einen Gegenbesuch machten wurden sie vom Chef in unserer Akademikerkantine abgespeist. Ich schämte mich jeweils unsäglich und drückte mich um diese Essen so gut ich konnte.

Der sich anhäufende Berg an Arbeit wurde immer grösser. Mit jeder Arbeit welche ich erledigt hatte kamen zwei neue dazu. Ich sah kein Licht mehr am Ende des Tunnels und bekam furchtbare Depressionen. Wenn ich mich mal traute an einer Sitzung darauf hinzuweisen dass ich die Arbeit nicht mehr schaffte meinte der Chef „ mach was du kannst und nimm es ruhig“. Das war mir keine Hilfe denn der Chef musste meinen Kunden nicht Rede und Antwort stehen und sie dauernd vertrösten und die erbosten Gesichter anschauen. Für mich war es Selbstmord auf Raten.