Josias und Vreni

 

Vreni Tripple ist die Freundin meiner Frau, sie haben sich im Kindergartenseminar kennen gelernt. Gross, hager, knochig wie eine ostschweizer Bauernfrau, aber dennoch gut aussehend und eine „Obergrüne“. Ihre Familie stammt aus dem Kleinbasel und Geld ist Mangelware. Der Vater arbeitet bei der Ciba als gewöhnlicher Chemiearbeiter in einem Farbenbetrieb. Die Arbeit ist anstrengend und ungesund und die Arbeiter sehen nach Feierabend aus als wären sie in einem Farbkasten herumgekrochen. Viele der Arbeiter bekommen Blasenkrebs von den Farbstoffen aber die Firma streitet natürlich alles ab. Die Zutaten sind ungefährlich meinen sie. Vreni lebt mit ihrem Freund Jos zusammen in einer Altwohnung der Marke „Uralt“ .Vreni ist eine richtige „Alternative“, aber eine der angenehmen Sorte. Abgesehen von Luft und Wasser macht sie fast alles selber  da Geld immer Mangelware ist. Vreni kommt immer zu spät und ist eine Chaotin, aber ich mag sie sehr, sie steht mit beiden Beinen im Leben und weiss auch ihre Ellenbogen zu gebrauchen wenn Not an der Frau ist. Vreni hat noch eine andere Freundin mit Namen Bärbel. Vreni führt mit Josias eine Studentenehe. Vreni ist der Meinung, dass wenn man selber nichts hat, man sich bei den Reichen bedienen darf, welche naturgemäss von allem zu viel haben. Somit ist es eigentlich ganz logisch, dass Vreni ab und zu mit Bärbel einen kleinen Raubzug durch die Basler Warenhäuser unternimmt. Ein paar ganz nützliche oder auch nur schöne Dinge bleiben da immer an den Fingern hartnäckig kleben und verschwinden in

Versteckten Taschen wie von Zauberhand. Ich kann das nicht gutheissen aber verurteilen mag ich sie auch nicht. Wenn man arbeitet und auf keinen grünen Zweig kommt ist das sehr frustrierend.

Wer ist Josias ? Josias ist mein späterer Freund, aber das weiss ich ja jetzt noch nicht. Josias ist Halbwaise wie ich. Seine Mutter ist früh verstorben und sein Vater kümmert sich einen Scheiss um seinen Sohn, obwohl er ein renommierter Arzt im Zürcher Niederdorf ist wo er vornehmlich Prostituierte verarztet und im Geld schwimmt. Seine Praxis hat er wie gesagt im Niederdorf in Zürich, dem Rotlichtbezirk. Seine zweite Frau hasst ihren Stiefsohn innig und so waren die Fronten schon früh geklärt. Josias muss sich das Geld fürs Studium als Hilfsarbeiter in der Ciba verdienen und Vreni arbeitet derweilen als Kindergärtnerin in einem  Basler Kindergarten. Jos ist von Statur ein grosser Prügel und betreibt Karate. Das  Medizinstudium geht im gut von der Hand, da er sehr intelligent ist und ein phänomenales Gedächtnis hat, um welches ich ihn immer beneide. Wir sehen uns ab und zu. Manchmal sind wir bei ihnen zu Besuch und manchmal ist es umgekehrt. Jos interessiert sich für die Naturwissenschaft wie ich auch und so diskutieren wir oft ganze Abende und halbe Nächte während unsere beiden Frauen Flöte spielen, kochen oder nur plaudern, wie Frauen das eben so tun.

Unsere beiden Kinder Christoph und Barbara fürchten sich vor Josias, denn er ist nicht nur gross sondern hat auch eine Stimme wie eine Kesselpauke. Zudem erlaubt er sich mit den Kindern oft üble Scherzchen, welche diese nicht verstehen da sie noch zu klein sind und sich dann furchtbar fürchten.

Um so erstaunlicher ist es, dass Jos ein Praktikum im Kinderspital macht und das mit scheinbar grossem Erfolg. Die kranken Kinder lieben ihn.

Der Vater von Vreni hat in Graubünden früher mal eine abgelegene Alphütte gekauft und in mühevoller Kleinarbeit restauriert und ausgebaut. Sogar eine Sauna ist jetzt vorhanden.

Wir haben uns natürlich gefreut als die beiden uns eingeladen haben mit ihnen die Winterferien zu verbringen. An einem kalten Wochenende sind wir also losgefahren mit unserem Renault R4, Vreni und Josuas waren schon zwei Tage vorher losgefahren mit ihren beiden Hunden. Es waren keine normalen Schäferhunde sondern irgend eine Strassenmischung und wahre Bestien welche sich aufs wildern spezialisiert hatten.

Sie verschwanden oft den ganzen Nachmittag in der Alphütte und kamen am Abend mit blutigen Schnauzen wieder nach Hause. Ich konnte mir lebhaft vorstellen was sie in den tief verschneiten Wäldern getrieben hatten. Obwohl ich Hunde über alles liebe hoffte ich, dass ein Wildhüter sie eines Tages abknallt aber diese Wunsch ging leider nicht in Erfüllung.

Es waren schöne Winterferien. Die Kinder sausten mit dem Schlitten einen kleinen Berg herunter und die Hunde nebenher, bis einer der Hunde scheinbar durchdrehte und unseren Sohn auf dem Schlitten ansprang und ihn in die Wade biss bis auf den Knochen. So schnell wie die Ferien begonnen hatten, so schnell waren sie nun zu Ende. Wir mussten mit dem Kind nach Ilanz ins Spital fahren und unseren Sohn verarzten lassen. Starrkrampfspritze, nähen.....das ganze Programm. Bis alle wieder vom Spital zurückkamen wartete ich in der Alphütte mit den beiden Hunden. In der Hütte herrschte eine besondere Stimmung. Am einen Ende der Stube sass ich am grossen Holztisch und gegenüber neben der Türe sassen die beiden Hunde. Der schwarze Wolfshund fixierte mich mit seinen feurigen Augen als wollte er sagen: Ich krieg dich noch. Mir war schon ein bisschen mulmig zu Mute. Nach einer guten Weile kamen Gott sei Dank alle wieder von ihrem Spitalausflug zurück. Von Ilanz aus fuhren wir gleich wieder nach Hause um uns von diesen aufregenden Ferien auszuruhen. Die Wunde von Christoph verheilte gut und bis zum Schulbeginn konnte Christoph schon wieder herumhüpfen als wäre nichts gewesen.

Wir waren zwar schon verärgert ob der Hunde aber unserer Freundschaft konnte dieser Zwischenfall nichts anhaben. Irgendwie wurden sie diese Hunde wieder los und bekamen stattdessen einen Apenzeller, schwarz – weiss mit Ringelschwanz. Sein Name war Bless. Unsere Kinder liebten ihn von der ersten Minute an. Meine Frau und ich übrigens auch.

Jos machte seinen Medizinabschluss und eines Tages besuchten sie uns wieder

um uns mitzuteilen dass sie für das Rote Kreuz für zwei Jahre nach Butan ziehen würden um die Leute dort zu verarzten. Ich freute mich sehr. Nicht weil unsere Freunde nach Butan gingen aber weil wir für zwei Jahre den Besten aller Hunde

hüten durften, Bless. Er begleitete uns in Zukunft auf all unseren Ausflügen und Spaziergängen. Er war ein gutmütiger Hund und auch die Kinder liebten ihn heiss. Im Winter zogen sie ihm Socken an, vepassten ihm eine Skimütze und eine Sonnenbrille. Er liess sich alles gefallen. Wenn es ihm zu blöd wurde lief er einfach davon.

Bei einer Wanderung mussten wir eine kleine Felswand hochklettern in der eine Eisenleiter eingelassen war. Unser Bless kam da nicht hoch, so geschickt er sonst war. Also stopfte ich ihn in meinen Rucksack so dass nur noch sein Kopf oben herausschaute und unter dem gejohle der Kinder hievte ich ihn so die Felswand hoch bis wir auf der kleinen Alp wieder festen Boden unter den Füssen hatten. Wir mussten alle laut lachen als wir Bless wieder aus dem Rucksack befreiten.

Bei einem anderen Ausflug war es weniger lustig und dieser hätte beinahe in einer Katastrophe geendet.

Wir wanderten im schönen Tessin einem Bergflüsschen entlang. Es war ein abwechslungsreicher Weg entlang des wilden eiskalten Wassers. Es war ein richtiger Bergbach mit riesigen Steinblöcken, Platten und sprudelnden Wirbeln. Die Kinder tobten dem Ufer entlang und der Hund natürlich auch.

Ich weiss nicht welcher Teufel den Hund geritten hatte aber plötzlich sprang Bless vom Ufer auf eine grosse schräge Steinplatte. Dummerweise war die Steinplatte nass und scheinbar glitschig. Bless rutschte ab und wurde sofort vom reissenden Wasser weggespült, mir stockte der Atem. Meine Frau verwarf die Arme, Die Kinder schrien wie am Spiess und ich rannte so schnell ich konnte. Ich erwischte meinen Sohn gerade noch am Kragen der Bless hinterher springen wollte um ihn zu retten. Es wäre der sichere Tod gewesen. Nun sausten wir den Bach entlang um Bless zu folgen. Nur sein Kopf schaute aus dem Wasser aber er konnte scheinbar gut schwimmen. Inzwischen hatten wir das Hundchen eingeholt. Gegen die Strömung kam Bless nicht an, sie war einfach zu stark. Plötzlich verschwand er in einer Felsspalte und ich dachte schon dass wir ihn nie wieder sehen würden. Plötzlich tauchte Bless zehn Meter weiter unten wie von Geisterhand wieder auf und paddelte aus Leibeskräften auf eine seichte Uferstelle zu. Ich rannte wieder und konnte Bless am Genick packen da er zum Glück sein Halsband noch trug. Mit letzter Kraft zog ich ihn an Land. Der arme Kerl keuchte als hätte er einen Marathonlauf hinter sich, ich auch. Wir knieten um unseren herum und drückten ihn abwechslungsweise und lobten ihn weil er so gut geschwommen war. Gewandert waren wir für diesen Tag genug. Der Schreck sass uns in den Knochen.

Fast zwei Jahre waren um und Vreni und Josi kamen zurück von Bhutan. Es gab viel zum Erzählen wie das eben ist wenn man so lange auf dem Dach der Welt gearbeitet hat. Die beiden hatten sich vierzig Kilometer von uns entfernt in einem Bauerndörfchen ein altes Bauernhaus gemietet und so sahen wir uns nicht mehr so oft. Wir besuchten uns gegenseitig noch ab und zu bis uns Vreni mitteilte dass Josi allein nach Afrika gefahren sei mit einer Gruppe von Ärzten. Wie mir später berichtet wurde hatte er sich dort in eine Krankenschwester vom Roten Kreuz verliebt. Da Josi aber verheiratet war wollte die Krankenschwester keine Beziehung mit ihm eingehen. Das konnte mein Freund scheinbar nicht verarbeiten und so setzte er eines Tages seinem Leben ein Ende.