Erster Kontakt mit Tierversuchen

 

Es ist wirklich ein schöner Arbeitsplatz hier im Biologie-Forschungsgebäude mit der Hausnummer K-125. Von unserem Computerraum aus im elften Stockwerk habe ich eine wunderbare Aussicht auf den Rhein, über Grossbasel hinaus bis hinüber nach Frankreich, besser gesagt ins Elsass. Wenn ich an einem schönen Sommerabend länger arbeiten muss, schaue ich oft aus einem der grossen Panoramafenster unseres Computerraumes hinüber zum Horizont. Wenn die Sonne langsam untergeht habe ich das Gefühl, ich sei in einem Wildwestfilm weil der ganze Horizont in ein rosa oranges Licht getaucht ist. Kitschiger geht es nicht mehr und ich bin mir sicher, dass mein Grossmeister dort oben wohnen muss und dieses Aquarell ab und zu mit seinem Pinsel ändert um mir eine Freude zu machen. Erst wenn ich die Gestelle um mich herum wieder wahrnehme, in denen die zwei Grossrechner von Digital Equipment untergebracht sind und die einer Waschmaschine ähnlichen Blechkisten in welchen sich die riesigen Plattenspeicher drehen, welche heute in einem Fingerhut Platz hätten, schwebe ich langsam wieder in die Realität zurück.

Es gibt Zeiten, da habe ich nicht all zu viel zu tun als Hauselektroniker und angehender Programmierer. Dann nutze ich die Gelegenheit und begebe mich auf Entdeckungsreise durch die Forschungslandschaft und allein in diesem Gebäude stehen mir zwölf Stockwerke für meine Expeditionen zur Verfügung. Dann kommen auch noch die geheimnisvollen Kellergewölbe hinzu mit ihren verzweigten Gängen welche einem Labyrinth gleichen. Ich wandere durch die Gänge, betrete Labors und fange hier und dort ein Gespräch mit Arbeitskollegen der andern Fakultäten an, mit Biologen, Biologielaboranten, Tierärzten, Doktoranten und was es hier halt alles so gibt. In meiner Eigenschaft als Elektroniker und Computermensch habe ich fast überall Zutritt, auch zu Labors, wo sonst niemand ohne spezielle Genehmigung hinein darf. Die meisten Forscher sind nette Leute und sehr gesprächig und mitteilsam.

Wenn man sich dann obendrein noch ein bisschen dumm stellt wird einem gerne alles erklärt, oft auch Dinge welche nicht unbedingt für die Allgemeingeit gedacht sind.

Gestern zum Beispiel war ich im elften Stock unseres Gebäudes in einem Labor und habe zugeschaut, wie H.B. den Lehrlingen beibringt, wie man Mäuse (weisse natürlich) rationell ermordet. Es ist eigentlich ganz einfach. Man nimmt eine Injektionsspritze mit Strychnin, hebt eine Maus am Schwanz aus dem Glasbehälter und sticht ihr die Spritzennadel in den Bauch. Nachdem man die Maus mit einer Portion Strychnin abgefüllt hat, legt man sie in einen anderen Glasbehälter, drückt auf die Stoppuhr und siehe da, das Tierlein beginnt zu pfeifen und zu zucken und krümmt sich zusammen weil es langsam erstickt und nach ca. vierzig Sekunden ist es mausetot, war ja schliesslich auch eine Maus. Die Anzahl der Sekunden wird für jede der zwanzig Mäuse in eine Tabelle eingetragen und so kann man ganz einfach ausrechnen, wie lange im Mittel die Maus überlebt bei einer bestimmten Dosis Strychnin (wirklich überlebt hat keine)…  früh übt sich wer ein Profikiller werden will, könnte man sagen. Man kann nun also die Dosis mit dem Strychnin reduzieren, bis nur noch die Hälfte der Mäuse qualvoll erstickt, das ist dann der berühmten LD-50 Wert, welcher für jedes Medikament bestimmt werden muss laut Gesundheitsbehörde. Ich sehe nicht ganz ein warum man davon nicht ein Video machen kann und den Lehrlingen dieses zeigen. Das hätte vielen Mäusen das Leben gespart und meine Nerven auch.

Scheinbar schreibt der Staat vor, dass Menschen mit Mäusen verglichen werden müssen. Ich nehme an, dass es auch mit Ratten geht aber Mäuse sind sicher billiger.

Ich als zart besaiteter und tierliebender Elektroniker war nach dieser Exkursion reichlich geschockt, aber im Laufe meiner Erkundungen kam’s noch übler. Nun, das mit den Mäusen ist eine Sache und Mäuse waren ja reichlich vorhanden um jeweils den „Terminator“ zu trainieren. Die nächst höhere Gattung ist dann die Laborratte. Die Laborratte ist so beliebt, weit sie nicht kotzen kann wenn man ihr etwas in den Magen füllt. Kotzen muss höchstens fast ich  beim Zusehen. Jo, ein Waggis wie wir sagen, aber gemeint ist damit ein Bewohner vom Elsass, ist Herr über viele hundert Ratten. Er und seine zwei hübschen Assistentinnen müssen schauen, dass die Ratten alle zu einem bestimmten Zeitplan ihre Medikamente bekommen und gewogen werden. Die Ratten sind wie gesagt alle weiss und zum Teil sehr gross. Ab und zu rächt sich eine Ratte beim spritzen oder Magenfüllen indem sie Jo durch den Handschuh in die Hand beisst. Das tut nicht nur sau weh, er muss dann auch schnell ab zum Werksarzt welcher ihm eine Starrkrampfspritze in den Hinterteil donnert.

Die Biologen sind sehr erfinderische Gruppe von Leutchen. In einem Labor entdecke ich doch eine Kreuzung von Papierschere und Guillotine. Man steckt der Ratte den Kopf durch das viereckige Loch, macht schnell den Hebel herunter und schon ist die Ratte einen Kopf kürzer im wahrsten Sinn des Wortes. Total tierfreundlich, habe ich mir sagen lassen. Das mag ja sein, aber ich möchte trotzdem keine Laborratte werden in meinem nächsten Leben. Wenn die Versuchsreihe fertig ist wandern die Käfige mit den Ratten, das heisst, sie werden auf grossen Gestellen zum Warelift geschoben. Dann geht es hinunter in den Keller und unterirdisch weiter durch einen Gang in ein anderes Gebäude welches die Toxikologie beherbergt. In den grossen Sezierräumen angekommen, werden alle Ratten ins Jenseits befördert und eine ganze Equipe seziert selbige nun, begutachtet und wiegt die verschiedenen Organe und gibt die Resultate im Computer ein. Alle Waagen und Computer sind an einem Computernetzwerk angeschlossen für welches ich leider mitverantwortlich bin. Funktioniert mal etwas nicht und sei es nur eine Waage, so läuft das Telefon heiss und ich muss Pannenhilfe leisten und zwar schnell. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn nicht gleichzeitig in den Sezierräumen gearbeitet würde. Ich bin ja auf dem Land aufgewachsen und nicht so zimperlich, aber aufgeschnittene Ratten stinken dermassen, dass ich wirklich  jedesmal fast kotzen muss wenn ich einen der Sezierräume betrete. Ich kenne Biologielaboranten welche ihren Beruf aufgegeben haben weil sie den Gestank der sezierten Ratten nicht mehr ertrugen. Als ich eben bemerkte, dass ausser Ratten noch Kaninchen und Hunde in ihre Enzelteile zerlegt wurden und die abgetrennten Teile in Blutlachen herumlagen, hatte ich genug. Mir war so schon jedesmal schlecht wenn ich das Gebäude nur betrat, nun bekam ich auch noch Asthma und Depressionen. Ich ging also zum Boss der Toxikologen und sagte ihm klipp und klar, dass ich nicht mehr für ihn arbeiten werde solange die Setziererei im Gange und nicht aufgeräumt und geputzt sei. Es stinke so noch genug. Wider Erwarten fand ich Gehör bei dem guten Mann und für mich wurde es ab sofort um einiges erträglicher, auch wenn mir dadurch die Tiere nicht weniger Leid taten. Sollen sie doch für ihre Experimente alte Biologen, Tierärzte und Freiwillige nehmen. Was heisst da na na...

Dann aber waltete ich wieder  meines Amtes als Elektroniker und ich hatte wirklich das Beste vom Besten an Instrumenten und Einrichtung  zur Verfügung. Die unterirdischen Gänge beherbergten noch so manches verborgene Geheimnis. Da gab es mehr oder weniger geheime Räume welche ein Aussenstehender nie  zu Gesicht bekam. Da führte mich mein Weg oft an einem Kellerraum vorbei ohne Fenster. Nur Glas nach innen und Gitter. Zu hinterst in der Ecke drängten sich ein paar wunderschöne aber total verängstigte Beagle- Hunde. Kein Tageslicht, keine Sonne, kein Auslauf, nur Neonröhren an der Decke. Hinter vorgehaltener Hand hat mir ein Laborant zugeflüstert dass hier eine Forscherin Versuche an den Hunden mit Psychopharmaka macht. Auf meinen Streifzügen fand ich in einem Labor Holzkisten welche vorne ein Loch hatten. Man hat mir gesagt, dass die Kisten für Kaninchenversuche bestimmt waren. Der Kasten wurde aufgeklappt, ein Kaninchen kam in den Kasten so dass nur der Kopf aus dem Loch schaute. Dann wurde dem Kaninchen eine Chemikalie in die Augen gesprüht damit sich diese entzündeten. So wurden Medikamente für die Augen entwickelt. Die Tiere wurden nicht betäubt und mussten unsägliche Schmerzen erleiden. Man hat mir erzählt, dass manche Kaninchen in der Box so hoch sprangen dass sie sich an dem Halsloch der Kiste das Genick brachen. Über den Professor welcher den lebenden Kaninchen mit der Injektionsspritze in die Augen stach will ich hier nicht weiter referieren. Ich wende mich also wieder meinen eigentlichen Aufgaben zu, zum Vorteil der Forschung und zum Nachteil der Tiere. Mein Hass auf die Tierquäler stieg von Monat zu Monat.

Das Schrägste war wohl die Reparatur eines Hochleistungs- Mikrowellenofens. Ich hatte die Steuerung relativ schnell repariert, konnte die Maschine aber nicht prüfen, da man Mikrowellen nicht riechen kann. Ich bekomme folgende Erklärung und Hilfeleistung..... die Maschine war ein Kasten mit einem dicken Plastikrohr und einem Deckel an der Frontseite. Man nimmt eine Laborratte, steckt sie in das Rohr, drückt auf den roten Knopf und in Sekundenbruchteilen ist ihr Gehirn gekocht. Das ist sehr wichtig, damit die Ratte keine Morphine im Gehirn bilden kann wenn sie so schnell gekillt wird. Sie dampft danach noch ein bisschen wie eine gekochte Leberwurst. Ich würde mir zutrauen, ein grösseres Gerät zu bauen für Quantanamo. Wenn der Adolf das noch hätte erleben dürfen.....

So gab es noch viele versteckte Gefangenenlager (für Tiere) und fast überall hätte die Überschrift „ DIESES GELÄNDE VERLASSEN SIE NUR DURCH DEN KAMIN“ gepasst. Eine Ausnahme war die Primatenstation. Da wurde mit Menschenaffen geforscht. So lange ich im Amt war wurden sie für Experimente an Betablocker verwendet. Ich baute die Computer um deren spezielles soziales Verhalten zu registrieren. Es gab oft heftige Auseinandersetzungen zwischen den Tieren so dass manchmal wieder ein Affe nach einer Keilerei zusammengenäht werden musste.

Das war ja kein Wunder. Die Tiere waren in zu engen Räumen eingepfercht und die paar aufgestellten Baumäste machten die Sache auch nicht besser. Von artgerechter Haltung konnte hier keine Rede sein, wie bei fast allen Tierversuchen welchen ich im Laufe meiner Tätigkeiten kennen lernte. Noch mehr taten mir die kleinen Äffchen in einer anderen Station leid. Sie waren in ein Gestell eingespannt, konnten sich kaum Bewegen und unter jedem war ein Trichter montiert um den Urin aufzufangen. Es war ein Bild zum weinen. Die Dame welche mich illegal die Station besichtigen liess verzog nur das Gesicht, sagte aber nichts. Ich wusste dass sie Affen sehr liebte. Die Äffchen schauten mich unsäglich traurig an.

Die Katzen waren da im Vorteil. Waren die Katzen zu alt für den Schlaftest oder den Epilepsietest kamen sie in Pension. Der Sender und auch die Elektroden im Gehirn wurden entfernt und sie durften ihren Lebensabend im Katzengehege verbringen, mit einer Glatze.

Studien macht natürlich auch meine Firma an Studenten aber auch mit sonstigen Freiwilligen. Mein Arbeitskollege Fredy hatte auch schon mehrere Male mitgemacht und erzählte mir, dass die Studien sehr gut bezahlt wurden und meistens während der Arbeitszeit stattfanden. Geld konnte ich immer gebrauchen, je mehr je besser. Ich nahm also sofort den Lift und fuhr in den zwölften Stock. Da regiert vor allem Hilde, die Managerin des Humanpharmakologischen Institutes. Ich sage ihr, dass ich nicht abgeneigt wäre, auch an einer Studie teilzunehmen wie Fredy, um sehr schnell reich zu werden, meinte ich lachend. Ich hatte noch nicht ausgeredet, da hatte ich schon ein Formular in der Hand. Sie erklärt mir den Ablauf der Studien und versichert mir, dass alles ganz harmlos und gut kontrolliert sei. Also unterschreibe ich den Wisch ohne ihn genau durchzulesen. Ich bin nun schon ein priviegierter Mitarbeiter mit Probandenausweis und Gratisessenmarken für die Kantine, wow. Als erstes schicken sie mich ins Kantonsspital in Basel zur Ueberprüfung meiner Gesundheit. Ich werde gemessen, geprüft  und gestochen dass es eine Freude ist. Ich muss sagen, das war aber gründlich. Ob die Versuche wohl doch nicht ganz so harmlos sind ? Ich war eben ein Pessimist. Auf jeden Fall teilt mir Hilde drei Tage später am Telefon mit, dass der Test im Spital in Ordnung war und dass am Montag eine neue Studie beginne. Am Montag pünktlich um neun bin ich also im HPL (Humanpharmakologisches Labor). Wie ich beruhigt feststelle, bin ich nicht der einzige Proband hier. Ich werde gewogen, gemessen und bekomme einen Pillenplan, dann bin ich entlassen. Es soll ein Mittel gegen Cholesterin sein sagt man mir. Nun muss ich zwei mal pro Tag antreten. Puls und Blutdruck werden gemessen und ein Vampir zapft mir jedes mal Blut ab, nicht ohne mir beim ersten mal eine feine Kanüle in den Arm zu bohren mit einem kleinen Hahn, damit man mich nicht jedes mal neu stechen muss, hiess es. Nette, menschenfreundliche Leute waren das schon. Nach zwei Wochen ist der Versuch zu Ende und Hilde drückt mir ein Couvert in die Hand. Ich öffne es und sechshundert Franken lachen mich an, steuerfrei wie es scheint.

Nun ist eine Pause von ein paar Wochen angesagt. Kaum sind diese vorbei, ruft mich Hilde wieder an und zieht mir den Speck durchs Maul. Eine Studie für eintausendzweihundert Franken. Freudig fahre ich am darauffolgenden Morgen wieder in den zwölften Stock und lasse mich wie schon gehabt präparieren. Dieses mal ist es ein neuer Betablocker, ich bin mir nicht mehr sicher aber ich glaube er hiess Trasicor. Eigentlich hat das Medikament nur eine nichtssagende Nummer. Was sie aber scheinbar nicht gemerkt haben ist, dass meine Frau in der medizinischen Forschung arbeitet und die Daten statistisch bearbeitet und für die FDI in den USA zusammenmischelt. So bin ich meistens besser informiert als die Leute in diesem Labor.

Nun schluckte ich also meine Pillen jeden Morgen und das ging auch lange gut. Aber nach der zweiten Woche war es mir dauernd mulmig das heisst schwindlig und übel. Ich rief das Labor an und die Assistentin meinte ihr seien keine Nebenwirkungen aufgefallen. Es war purer Zufall, dass Dr. J. unseren Computerraum aufsuchte weil er Analysenresultate von seinen Laboraffen brauchte welche wir regelmässig mit unserem Computer aufbereiteten. Dr. J. War ein Ass unter den Verhaltensforschern und weltweit anerkannt und sagte auch oft, was er dachte. Manchmal zum Leidwesen der Direktion. Ich wusste, dass er mit Betablocker Versuchsreihen machte, also fragte ich ihn einfach ob Nebenwirkungen bekannt seien. Er fragte mich, welche Dosis ich bekommen hatte. Ich nannte ihm die Dosis da ich nicht ganz zufällig mein Datanblatt gelesen hatte als die Assistentin kurz das Labor verliess. Dr. J. bekam einen roten Kopf und meinte, mit dieser Dosis könne man einen Affen umbringen. Ich wusste nicht, wie ernst er das gemeint hatte aber mir langte es.

Ich entfernte die Dauernadel aus meinem Arm und machte mich wutschnaubend auf den Weg ins Humanpharmakologische Labor. Dort angekommen sagte ich der Assistentin welche gerade Dienst hatte, sie hätten mich angelogen wegen der Nebenwirkungen und für mich sei der Versuch beendet. Ich warf Schläuchlein mit Nadel und mein Protokollblatt auf ihr Pult, schlug die Türe wieder zu dass es krachte und das war’s dann gewesen.

Wissen wir denn, was wir alles schlucken wenn wir im Altersheim oder im Spital liegen. Eben nicht. Was glauben sie, wieviele Chefärzte sich für gutes Geld an Studien beteiligen ohne ihren Patienten zu sagen was sie da wirklich schlucken, aber lassen wir das...

Seit ich gesehen hatte wie  in der Filiale des Humanpharmakologischen Instituts im Deutschen Tübingen Messresultate manipuliert wurden, indem so genannte Ausreisser welche nicht in die Messreihe passten einfach ausradiert wurden und das nicht etwa von einem oder einer MTA sondern höchstpersönlich vom Professor selbst und das nur um die Existenz dieser Einrichtung zu rechtfertigen. Seither ist mein Vertrauen in die Pharmakologie rapide gesunken.

Es wurden auch viele Studien ins Ausland verlagert sei es aus Kostengründen oder aus Gründen der Haftpflicht oder weil die Regierungen einfach verlangten, dass die Medikamente im eigenen Land geprüft werden.

 Mein Cousin arbeitete zu dieser Zeit in Bankok für eine Zürcher Handelsfirma. Diese Firma bekam von unserer Firma den Auftrag, in Bangkok Versuchsreihen mit dortigen Probanden  durchzuführen. Irgend welche Aerzte bekamen also die Medikamente und Formulare um die Messresultate einzutragen. Nun, die Probanden waren ja meistens Studenten oder arme Schlucker welche auf das Geld wirklich angewiesen waren. Es lief dann wie folgt, habe ich mir sagen lassen... der Arzt bekam ein gutes Honorar von der Firma und zusätzlich zum Beispiel zwanzig Dollar für jeden Probanden pro Besuch, nur dass eben der Arzt dem Praktikanten fünf Dollar oder noch weniger gab und den Rest in die eigene Tasche steckte. Da kommt bei fünfzig oder hundert Probanden pro Messreihe etwas zusammen. Alle wussten es, aber niemand interessierte es weil zu viele die Hand aufhielten und unsere Firma obendrein noch bis zu zwei drittel der Kosten sparte welche in der Schweiz angefallen wären. Niemand hatte wirklich den Verbleib des Geldes kontrolliert. Ob die Probanden jeweils wussten was sie schluckten …. ich glaube es kaum.

Geld war in der Pharmaforschung scheinbar kein Thema. Das Budget für die Abteilungen wurde Ende Jahr gemacht und wehe es blieb etwas übrig. Dann wurde man im folgenden Jahr mit einer Budgetkürzung bestraft. Ins neue Kalenderjahr konnte man das Geld nicht transferieren also mit anderen Worten... sparen war nicht angesagt. Es gab auch keine wirklichen Kontrollen. Es hiess also Ende Jahr das restliche Geld noch ausgeben, für was auch immer. Gewisse Leute hatten sowieso keine Beziehung zum Geld der Firma, es war ja nicht ihres. Das sah man am besten daran, dass es Leute gab welche klauten wie die Raaben und wir reden hier vor allem von den oberen Chefetagen.

Endlich wieder eine schöne Arbeit welche meine ganzen Kenntnisse erfordert. Ich baue zehn Katzensender, denn die alten fielen dauernd aus. Ein Katzensender ist ein ganz winziger Telemetriesender, so gross wie ein Würfelzucker wobei die Betonung auf Zucker (wie zucken) liegt. Das ist wirklich Millimeterarbeit, gelötet wird unter dem Mikroskop. Am Ende wenn der Sender fertig ist bekommt er noch einen winzigen Stecksockel.

Nun wird eine Katze geholt im Stall und narkotisiert. Sie liegt auf einer Wärmeplatte, damit sie nicht friert. An den Ohren wird sie in einen Halter gespannt, damit sich der Kopf nicht bewegen kann. Der Laborant schneidet nun mit dem Skalpell das Fell am Kopf auf und mit zwei OP- Klemmen wird das Fell beiseite gezogen und fixiert. Mit einem speziellen Messgerät, ich glaube es hiess Goniometer, werden nun am Schädel fünf farbige Punkte markiert. Mit einem Zahnarztbohrer bohrt der Laborant nun fünf kleine Löcher durch die Schädeldecke und mit dem Messgerät werden feine Drähte direkt ins Gehirn implantiert an vorberechneten Stellen. Die Drähtlein werden nun mit Zahnarztzement fixiert. Am Schluss der Aktion wird der Katze noch ein Stecksockel auf den Schädel geschraubt, das Fell wieder zusammengenäht und die Katze ist wieder fast wie neu. Reizt man das Gehirn der Katze mit einem elektrischen Impuls an der richtigen Stelle, bekommt sie einen epileptischen Anfall und tobt wie ein bösartiger Tiger. Deshalb hiessen sie auch „ Wutkatzen“. So werden Epilepsiemedikamente geprüft. Auch Schlafmittel werden so getestet, da die Sender die Gehirnwellen permanent übertragen und mit Hilfe eines Schreibers aufgezeichnet werden. Diese Katzen heissen Schlafkatzen.

 

Im Toxikologiegebäude im Dachgeschoss befinden sich streng gesichert die Hundezwinger aber auch da gibt es immer etwas am Computernetzwerk zu reparieren und so ist der Zutritt für mich kein grosses Problem. Es sieht aus wie in einem Gefängnis und es ist auch ein Gefängnis übelster Sorte, ich nenne es Guantanamo für Hunde. Wenn ich im Gang vor den Zwingern stehe gibt es Hunde welche sich ducken und sich in die hinterste Ecke verdrücken und da dürfen die Tierbeauftragten noch schreiben den Hunden gehe es blendend, es ist der blanke Hohn. Die Hunde bekommen ab und zu Auslauf auf dem Flachdach. Aber ausser Hundescheisse gab es da nicht viel Natürliches. Das Pendant befindet sich versteckt im hintersten Keller wie schon berichtet. Zwei Räume mit einigen schönen Beagle- Hunden. Ich habe mir sagen lassen, dass sie benutzt werden um Psychopharmaka zu testen. Nicht weit davon entfernt, wurden ein paar Schimpansen gehalten um ihr soziales Verhalten mit und ohne Medikamente zu prüfen. Als ob man sich als Schimpanse in so einem Pferch überhaupt normal verhalten könnte. Aus Frust und Platzmangel beissen sie sich gegenseitig tüchtig und müssen dann oft wieder zusammengenäht werden.

Ich denke, dass ich mir bald einen neuen Job suchen werde. Das musste nun einmal gesagt werden wie es den Tieren wirklich ergeht in der Pharmaforschung. Jeder der damals in der Biologie gearbeitet hat ist indirekt mitschuldig, ich auch. Hätte ich aber etwas gesagt wäre ich meinen Job los gewesen. Was ich da psychisch erdulden musste konnte die Firma mit Geld nicht ausgleichen und so kam es wie es kommen musste.