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Minerva

 

Die Rekrutenschule ist zu Ende und die Firma Sandoz hat mich wieder. Irgendwie, nach meinem früheren Besuch im Elektroniklabor bei Dr. Best ist alles anders geworden. Mein Arbeitsplatz scheint mir viel von einem Museum zu haben. Das vergammelte Labor, die alten Geräte und Apparaturen sprechen mich nicht mehr an. Irgendwie habe ich von der ganzen Sache genug und ich fühle mich zu höherem berufen. Ich habe die Idee doch noch zu studieren nicht ganz aufgegeben. Ich habe es ja schon versucht mit Fernstudium bei der Akademiker Gemeinschaft in Zürich, um  die staatliche Maturität zu erlangen. Aber mit meiner Selbstdisziplin war es leider nicht so weit her. Nebst der Arbeit noch jeden Samstag und Sonntag lernen, da war ich überfordert. Ich verlangte also einen Termin beim Personalchef und handelte mit ihm aus, dass ich für einige Zeit halbtags arbeiten kann, um mich an der Privatschule Minerva auf die Aufnahmeprüfung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich vorzubereiten.

Die Minerva war eher eine kleinere Privatschule mit vielleicht knapp zweihundert Schülern. Mitten in Basel, schön auf einem Hügel gelegen den man vom Zentrum aus leicht erreichte wenn man vom Marktplatz Richtung Fischmarkt ging. Jeden Nachmittag besuchte ich also nun die Privatschule und bemerkte bald, dass es mehr eine Schule für reiche Faulpelze war. Ich lernte Töchter und Söhne einiger prominenter Basler kennen, welche es zu etwas gebracht hatten in Basel, deren Kinder aber mehr daran interessiert waren, das Geld ihrer Eltern unter die Leute zu bringen, mit einigen Ausnahmen natürlich. Mich zum Beispiel. Ich hatte nichts, das ich unter die Leute hätte bringen können und bekannt wie ein bunter Hund war ich in Basel auch noch nicht. Und so bemühte ich mich redlich mein Bestes zu geben. Die Schule war nicht gratis und da meine Mutter nicht reich war beantragte ich ein Stipendium vom Staat. Das Stipendium wurde auch genehmigt. Es war nich viel aber es waren doch jeden Monat dreihundert Franken welche meine Mutter nich auch noch aufbringen musste. Paradox war nur dass ich für das Stipendium noch Steuern zahlen musste. Was der Staat mit der rechten Hand also gibt, nimmt er mit der linken wieder weg. Die Lehrer, entschuldigung, die Professoren waren wirklich gut, wenigstens die meisten. Es hatte auch ein paar sehr hübsche Mädchen unter den Studentinnen und eines von ihnen hiess Edith, kam von Olten und benutzte somit ab und zu denselben Zug wie ich wenn mir wieder einmal danach war zu Hause aufzukreuzen. Das kam vor allem vor wenn es Ende Monat war oder wenn mein Taschengeld ausging. Und so traf ich sie eben immer wenn ich mit der Eisenbahn nach Hause zu meiner Mutter fuhr um mich wieder einmal zu zeigen. Da mir Edith gefiel lud ich sie ein paar mal ein und wir gingen etwas trinken in der Stadt. Bald wurden wir gute Freunde und eines Nachmittags nahm ich beim spazieren all meinen Mut zusammen und ich küsste sie einfach. Ganz verwirrt und ungläubig bemerkte ich, dass sie meinen Kuss auf das heftigste erwiederte und wir machten noch eine Weile weiter. Ich fühlte mich im siebenten Himmel, ich der Hinterwäldler.

Mein Interesse an der Schule bekam üble Lücken denn wir trieben uns des öfteren an Stelle der Schule in Basel herum oder setzten uns bei schönem Wetter ans Rheinufer und taten was andere frisch Verliebte auch taten. Auch im Restaurant Zum Braunen Mutz waren wir des öftern zu Gast um ein grosses Bier direkt gezapft vom Fass zu trinken. Es kam vor dass der Dichter Dürrenmatt an dem grossen langen Tisch sass welchen wir belegten. Er liebte das Bier frisch vom Fass auch. Ich traute mich allerdings nicht den berühmten Mann anzusprechen.

Der Prüfungstermin kam immer näher und mein Wissensstand verflüchtigte sich immer mehr, so dass ich an eine Anmeldung für die nächste Prüfung nicht mehr denken konnte. Ich begab mich also wieder aufs Personalbüro meiner Firma und teilte der Dame kleinlaut mit, dass ich gerne wieder den ganzen Tag arbeiten würde. Sie teilte mir mit, dass Arbeitskräfte an allen Ecken und Enden fehlten. Ich rannte also offene Türen ein und bereits am darauffolgenden Monat hatte mich die Arbeitswelt wieder. Ein für die damalige Zeit gutes Salär bekam ich auch und alles nahm wieder seinen gewohnten geregelten Lauf. Edith traf ich halt nur noch am Wochenende, dafür aber umso heftiger.

An den Wochenenden trafen wir uns auch oft mit unseren Freunden. Manchmal in Olten oder auch in Basel. Edith hatte das Institut inzwischen auch verlassen denn sie hatte die Aufnahmeprüfung für das Kindergartenseminar in Solothurn bestanden. Da das Seminar aber erst vier Monate später begann hatte sie für die Übergangszeit eine Stelle im Kinderheim von Deitingen angenommen. Ich trieb mich also öfter in der Umgebung von Deitingen herum, so richtig auf dem Land.

Es gab auch einen schönen Gemeindewald den wir oft für Spaziergänge benutzten. Dort waren wir meistens allein und ungestört.