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Novartis

 

Gott sei Dank dauerte der Militärdienst nicht ewig. Ich war heil froh, dass ich die unbequemen Klamotten an den Nagel hängen und meine Flinte auf dem Dachboden entsorgen konnte , wenigstens vorläufig.

Ich hatte noch drei Wochen Ferien und die wollte ich nutzen. Eines Tages sah ich ein unfassbar schönes Auto durch die Stadt Olten fahren. Ein niedriger weisser Sportwagen, ein Cabriolet wie ich es noch nie gesehen hatte in meinem Leben.

Als ich mit einem Freund nach Bern fuhr, sah ich das Wunderauto an einer Tankstelle in Aarburg stehen. Ich bat meinen Freund anzuhalten damit ich das Auto besichtigen konnte. Es war zum Verkauf ausgeschrieben und es war mit seinen zwanzig Jahren ein Oldtimer der so schön war, dass er mit jedem Aston Martin mithalten konnte. Es war ein Jaguar XK-125 .

Scheu trat ich in die heruntergekommene Tankstelle und fragte den abendteuerlich aussehenden Besitzer was das „alte“ Auto kosten solle. Zwei acht meinte er. Ich verdrehte die Augen und sagte auuuuuuh....,. Er dachte wohl es sei mir zu teuer was ja damals auch stimmte. Heute bezahlt man für dieses Auto ein Vermögen. Der Besitzer lud mich zu einer Probefahrt ein die ich natürlich sofort annahm. Wenigstens einmal darin fahren.

Der Inhaber montierte schnell eine Garagennummer und drückte mir den Schlüssel in die Hand. Ich hatte Angst das Auto könnte mich beissen und wollte nicht selber fahren. Also fuhr der Eigentümer der Garage. Ich zwängte mich auf der Beifahrerseite in das enge Cockpit und fühlte mich gleich in einer anderen Welt.

Nardi- Holzlenkrad, eine spartanische Innenausstattung in Leder und Mahaghoni, einen Tourenzähler und einen Tacho welcher Zahlen weit über 200 zeigte. Ich schaute und träumte vor mich hin als mich plötzlich ein fürchterliches Gebrüll erschreckte. Herr Meier hatte den Zündschlüssel gedreht und ich dachte es startet gleich ein Jumbojet. Es war unglaublich wie unter der Motorhaube die zwölf Zylinder tobten. Wir fuhren ohne Verdeck waren aber durch die Windschutzscheibe gut geschützt. Herr Meier steuerte der Aare entlang auf eine lange gerade Nebenstrasse. Er trat mal kräftig auf das Gaspedal. Im ersten Moment tat sich gar nichts aber dann hatte ich das Gefühl in einer Erstaugustrakete zu sitzen. Etwas drückte mich mit aller Gewalt in den Sitz und ab ging die Post. Mich packte das kalte Grausen denn so etwas hatte ich noch nie erlebt. Mit hundertvierzig Sachen sausten wir an den Gartenhecken vorbei. Es war wie auf der Geisterbahn. Was ich nicht wusste war, dass Herr Meier regelmässig Motoradrennen fuhr und diese Geschwindigkeiten also gewohnt war.

Ich war also heilfroh als wir am Ende des Städtchens die Autobahneinfahrt nach Bern erreichten und somit eine breite Strasse hatten. Meine Freude hielt aber nicht lange an. Kaum auf der Autobahn langte Herr Meier ans Armaturenbrett und legte einen klitze kleinen Schalter um. Zuerst passierte wieder nichts aber dann schoss das Auto davon wie von Furien gehetzt. Herr Meier belehrte mich, das sei der Overdrive. Eine Uebersetzung am Getriebe welche die Spitzengeschwindigkeit nochmals wesentlich erhöhte.

Herr Meier schaute mich fragend an und wollte wissen ob mir das Auto gefällt.

Ja, sagte ich, sehr. Aber der Vergaser hat irgendwie ein Loch. Jedes mal wenn sie richtig Gas geben passiert zuerst nichts und dann haut das Auto ab wie die Feuerwehr. Herr Meier lachte mich an und meinte ich soll mal aus dem Auto schauen auf die Hinterräder. Ich befolgte seinen Rat und beugte mich aus dem Fenster, so , dass ich das Hinterrad sehen konnte. Herr Meier verringerte die Geschwindigkeit ein bisschen und sagte dann „ achtung...jetzt“ . Herr Meier gab Gas und was ich sah liess mir den Atem stocken. Es gab kein Loch im Vergaser.

Trotz der hohen Geschwindigkeit welche wir bereits hatten drehten die Hinterräder durch weil sie die gewaltige Kraft des Motors gar nicht auf die Strasse bringen konnten.

Inzwischen war der Tacho schon auf weit über zweihundert Kilometer pro Stunde geklettert. Mir war ein bisschen mulmig und ich bat Herrn Meier umzukehren denn ich hätte noch einen Termin. Herr Meier grinste und drehte bei der nächsten Ausfahrt um. Wieder bei der Tankstelle eingetroffen fragte mich Herr Meier ob ich das Auto nun wolle. Ich machte eine süss-saure Miene und meinte „wollen schon, aber der Preis ist mir fast zu hoch“. Ok. Sagte er zwei vier, aber das ist mein letztes Angebot. Ich bat ihn, das Auto für mich eine Woche zu reservieren was er auch tat. Ich wusste es jetzt schon.....dieses Auto wollte ich haben um jeden Preis. Aber eben beim Preis lag das Problem. Nun, ich war manchmal ein sparsamer Mensch und hatte also ein bisschen gespart. Das heisst ich habe noch einen fünfhundert Gramm Goldbarren in meinem Besitz.

Ich packe somit andern Tags den Goldbarren ein und eile damit zur Sparkasse. Da der Goldbarren nur ein halbes Kilo wog bekam ich nicht soviel wie erwartet. Für das Auto meiner Träume langte es aber gut, ohne dass ich ein Darlehen bei meiner Mutter aufnehmen muss.

Mit meiner Barschaft in der Tasche eilte ich zurück in die Garage und besiegelte den irren Kauf. Ich war nun stolzer Besitzer eines Jaguars welcher alle Autos ringsherum in den Schatten stellte, vor allem an Schönheit. Ich pilgerte von einem Freund zum andern und stellte mit hohlem Kreuz meinen neuen Besitz vor.

Das Fahrgefühl war einmalig. Die Federung hart wie ein Brett, der Innenraum nur mit dem notwendigsten versehen, der Antrieb pure Gewalt.

Ich konnte meinen inneren Schweinehund oft nicht zähmen. Manchmal fur ich gemächlich auf der Autobahn und wartete bis sich eine protzige Limousine sich anstellte mich zu überholen. Sogleich trat ich das Gaspedal durch bis zum Bodenblech. Der Jaguar knurrte kurz bis der Turbolader genug Benzin bekam und dann schwirrte er ab so dass die Limousine bald nur noch ein kleiner Punkt war im Rückspiegel und ich freute mich diebisch und grinste hämisch. Kampf den Neureichen.

Ich wollte natürlich auch bei meinen Verwandten Punkte schinden. Der Reihe nach besuchte ich sie alle und stellte ihnen meine Luxuskarosse vor. Mit Onkel Eduard machte ich sogar einen kleinen Ausflug. Es gab jedoch eine kleine Panne. Die Fahrt führte uns am Bahnhof Olten vorbei. Um die guten Eigenschaften des Autos vorzuführen wischte ich forsch um die enge Kurve die vor uns lag, wohl verstanden mitten in der Stadt. Mein Onkel musste beim einsteigen die Türe nicht ganz geschlossen haben. Von der herrschenden Fliehkraft öffnete sich die Türe von selbst und mein Onkel hing an der Türe wie ein nasser Waschlappen. Ich hatte einige Mühe die Türe samt Onkel wieder an ihren vorgesehenen Platz zu ziehen. Der Onkel hatte eine leicht gelbliche Gesichtsfarbe und verlangte umgehend nach Hause gebracht zu werden was ich ihm nicht verübeln konnte. Auch meine Mutter genoss die kleinen Ausflüge zu ihren Freundinnen. Erstens bezahlte sie das Benzin und zweitens benutzte sie die Gelegenheit um mit mir anzugeben.

Eines Morgens berichtete mein Arbeitskollege dass ihm etwas unglaubliches passiert sei. Er sei mit seiner Freundin mit dem Auto nach Basel gefahren da hätte ihn doch so ein Spinner überholt mit mindestens hundertachzig Stundenkilometer und das  bei Gegenverkehr. Es sei ein weisser Sportwagen gewesen. Ja ja, sagte ich kleinlaut. Das war ich. Ich habe in Olten den Zug verpasst und in der nahen Garage mein zum Verkauf ausgestelltes Auto genommen.

Nun, jedes schöne Ding hat auch seine Schattenseiten. Bei meinem Jaguar war es der unbändige Durst auf Benzin welchen er an den Tag legte. Er verlangte vierundzwanzig Liter auf hundert Kilometer und zwar ob ich schnell oder langsam fuhr. Da sich mein Gehalt in Grenzen hielt und ich das Geld nicht nur für Benzin ausgeben konnte sah ich mich, der Not gehorchend, gezwungen meine Rakete wieder zu verkaufen. Es war gar nicht einfach zu dieser Zeit einen Liebhaber für das Auto zu finden. Ich musste es zum gleichen Preis wieder verkaufen wie ich es gekauft hatte. Ich hatte aber wieder etwas gelernt. Nämlich dass es sich nicht lohnt Geld in Gegenstände zu investieren wenn man diese je nach dem schnell wieder verkaufen muss.

Mit dem Erlös aus dem Autoverkauf besorgte ich mir einen alten Volkswagen und so war ich auch wieder mobil.

Ich benutzte meine Ferien um in Basel ein möbliertes Zimmer zu finden was gar nicht so einfach war. Ich durchforstete jeden Tag die Tageszeitung und nach ein paar Tagen fand ich aber ein passendes Zimmer welches zu einem Hotel gehörte und auch bezahlbar war. Es war ruhig gelegen am St-Galler-Ring und wenn ich am Abend noch etwas essen oder ein Bier trinken wollte brauchte ich nur die Strasse zu überqueren und ich war im Hotel. An Sommerabenden war es schön in der Gartenwirtschaft noch ein Bier zu trinken vor dem schlafen gehen.

 

Ich habe wirklich gedach ich sei ihn los, meinen alten Chef von der Sandoz ,meinen Oberst der Schweizerarmee. Als eines Abends das Telefon bei mir klingelte war der Herr Oberst am Apparat. Er teile mir brühwarm mit, dass er die Firma gewechselt habe und nun bei der Ciba AG eine Abteilung mit vierzig Leuten übernehmen werde. Da er einen guten Elektroniker brauchen könnte, hätte er eben an mich gedacht. Er meinte, wenn ich käme würde es mein Schaden nicht sein. Er versprach mir ein eigenes Elektroniklabor und ich durfte meine Mitarbeiter selber aussuchen. Ich kannte zwar keinen guten Elektroniker aber anschauen kostet nichts.

Wenn ich gewusst hätte was auf mich zu kam wäre ich wohl sofort ausgewandert nach Afrika oder an den Nordpol. In meiner Naivität dankte ich ihm für das tolle Selbstmordkommando und wir vereinbarten einen Termin.

Ich besuchte also drei Tage später den alten Haudegen und Oberst vom Militär.

Ich fühlte es gleich. Das Klima bei der neuen Firma war total anders. Es herrschte Aufbruchstimmug, fast Euphorie und ein total gutes Arbeitsklima, wie mir schien. Geld war scheinbar kein Thema. Nur der Erfolg und der Umsatz zählte. Mein Salär war nicht übel für den Anfang und man stellte mir noch zukünftige Lohnerhöhungen in Aussicht. Was mir aber niemand voraussagen konnte war, mit welchem Arbeitspensum ich in Zukunft zu rechnen hatte und so nahm dar Anfang eines Horrorjobs seinen Lauf.

Das Angebot kam gerade zur richtigen Zeit nach meinem missglückten Studienendspurt.

Ich pilgerte also am nächsten Morgen zur Ciba und besuchte die Personalabteilung. Meine Unterlagen haben sie gar nicht genau angeschaut. Ich denke mein ehemaliger Chef hatte schon Vorarbeit geleistet. Da das Lohnangebot wesentlich höher war als bei Sandoz unterschrieb ich den Vertrag sofort, blauäugig und ohne lange zu überlegen.

Als ich meine Stelle am darauffolgenden Montag antrat führte mich ein Mitarbeiter des betreffenden Departements zuerst herum und zeigte mir alles. Mein Arbeitsplatz befand sich fast direkt am Rhein in einem alten Haus der ehemaligen Firma Sulzer an der Bärenfelserstrasse in Basel.  Ich bekam das oberste Stockwerk zugewiesen, eine ehemalige Dreizimmerwohnung. Nun hatte ich drei leere Räume und ein Telefon und auf halber Höhe im Treppenhaus ein eigenes antikes Klo, denn das Gebäude war schon uralt.

Im Gebäude nebenan  befand sich eine grosse mechanische Wekstätte und einige kleinere Labors. All das, mich eingeschlossen, diente zur Erforschung des Kunststoffes Araldit welchen die Firma vor nicht all zu langer Zeit erfunden hatte und ihr Unmengen von Geld einbrachte.

Ich suchte meinen neuen Chef in seinem Büro auf und fragte ihn wie viel Geld ich für das Labor und die mechanische Werkstatt ausgeben dürfe. Er sagte mir so durch die Blume dass Geld keine Rolle spielt.

Ich vermass also meine Räume, ging ins Möbellager und bestellte was ich brauchen konnte. Nichts weltbewegendes, aber praktisch. Ein paar solide Werkbänke bestellte ich bei einer Fremdfirma mit Namen LISTA.

Den grössten Raum   richtete ich als Elektroniklabor ein. Ich bestellte die Vertreter einiger namhafter Elektronikfirmen und liess mir die neusten Geräte vorführen. Der kleinere Raum bekam eine Drehbank und eine Fräsmaschine, eine Präzisionsbohrmaschine und den üblichen Kleinkram wie Stahlschränke und so weiter.

Ich pilgerte mit meiner Liste wieder zum Chef und war sicher, dass er nie und nimmer meine Ausgaben von über dreihunderttausend Franken akzeptieren würde. Aber weit gefehlt. Ohne mit der Wimper zu zucken gab er mir eine Kreditnummer und meinte ich solle den Krempel bestellen. Ich machte mich schleunigst aus dem Staub aus Angst er könne es sich noch anders überlegen. Bald merkte ich aber, dass Geld in dieser Firma wirklich keine Rolle spielte. So war das arbeiten eine Freude. Ich hatte ein super ausgerüstetes Elektroniklabor und eine kleine aber feine eingerichtete mechanische Werkstatt. Jetzt sah es bei mir auch fast aus wie bei der NASA. Ich konnte also loslegen mit der Arbeit.

Die Aufträge liessen nicht auf sich warten und bald bohrte, lötete und schraubte ich was das Zeug hielt. Scheinbar zur Zufriedenheit meiner Kunden. Ich begann, Geräte nach eigenen Ideen zu bauen und ein Prüfgerät wurde sogar patentiert.

Eine Kammer in der man auf Kunstoffplatten zwischen zwei Elektroden kontrollierte Kurzschlüsse simulieren konnte um die elektrische Widerstandsfähigkeit zu prüfen. Später lieferte ich das Gerät an namhafte Firmen in mehrere Länder welche unseren Kunststoff verarbeiteten. Mit meinem Erfolg stieg auch das Salär jedes Jahr und ich war somit sehr zufrieden mit dem Wachstum meines Labors.

Der Pferdefuss meines Vertrags liess nicht lange auf sich warten. Schneller als mir lieb war wuchs mir die Arbeit über den Kopf und trotz meiner Ueberstunden welche immer mehr und mehr wurden konnte ich mein Arbeitspensum nicht mehr bewältigen. Alle Arbeiten die es zuliessen vergab ich an Fremdfirmen. Es reichte jedoch trotzdem nicht.

Ich erklärte die missliche Lage meinem Chef und bekam auch prompt einen Mitarbeiter bewilligt. Es stellten sich einige jüngere Herren vor, etwa in meinem Alter. Schlussendlich nahmen wir einen Radioelektriker. Der hatte von Elektronik keine grosse Ahnung aber er konnte wenigstens einen Lötkolben halten und damit auch umgehen.

Nun, wir arbeiteten eine Zeit lang gut zusammen aber dann kamen die ersten Probleme auf uns zu. Das Stichwort war Personalführung und davon hatte ich wirklich keine Ahnung. Ich war zwar der Chef auf dem Papier..... aber eben nur auf dem Papier. Ich konnte mich nicht durchsetzten weil ich zu gutmütig war und immer Angst hatte nein zu sagen. Es entwickelte sich immer mehr ein Konkurrenzverhalten zwischen uns. Rudi, so hiess mein Mitarbeiter, wurde eifersüchtig und neidisch auf mich. War es doch so, dass ich die Pläne der neuen Geräte entwicklte und zeichnete und er musste die Sachen ausführen, besser gesagt zusammenbauen. Ich musste mir bald eingestehen, dass ich als Chef ungeeignet war da mir die nötige Konsequenz und das Durchsetzungsvermögen fehlte. Es gab also immer mehr Reibereien zwischen uns welche manchmal das Arbeitsklima vergifteten.

Es kam noch schlimmer. Es war bald so weit, dass uns beiden die Arbeit über den Kopf wuchs. Unser Chef half uns indem wir noch einen Feinmechaniker bekamen welcher unsere vielen mechanischen Arbeiten erledigen sollten. Der Mechaniker hiess Hansrudi und wurde uns von einer anderen Abteilung zugeteilt. Bald bemerkten wir, dass wir einen Problemfall am Hals hatten. Dass er nicht an Arbeitswut erkrankt war merkten wir auch bald. Er arbeitete langsam und konnte keine Termine einhalten. Es ging nicht lange bis ich bemerkte, dass der Mann ein Alkoholiker im fortgeschrittenen Stadium war. Es kam nicht selten vor dass ich ihn in die Stadt schickte um Material zu besorgen. Wir warteten dringend auf das Material doch Hansrudi rief an er hätte einen Kumpel getroffen und er würde noch schnell ein Bier mit ihm trinken. Da wusste ich bereits, der Nachmittag war gelaufen und vor dem nächsten Morgen würden wir ihn nicht wieder sehen. Der Mann war also eher eine Belastung als eine Hilfe für mich.

Mein Problem war, dass ich eben keine Ahnung von Personalführung hatte. Ich konnte meine Mitarbeiter nich zurecht weisen, musste aber mehr und mehr die Löcher selber stopfen welche sie zurückliessen. Ich hatte auch falsche Hemmungen die Leute bei meinem Chef anzuschwärzen. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf und ich wurde langsam aber sicher krank vom Stress. Rudi konnte ich sowieso nicht am Zeug flicken denn mit seinem Erscheinen in meinem Team sah ich neue Geschäftszweige entstehen für mich.

Mein grösster Fehler war dass ich meinen Angestellten Rudi zu meinem Kumpel und Freund machte.

Wir freundeten uns schnell an, gingen ab und zu ein Bier trinken zusammen und auch unsere Frauen verstanden sich auf Anhieb.

Nun, für etwas hatte ich ja Rudi eingestellt. Ich klärte ihn auf über meine „Geheimfirma“ welche ich zu Hause betrieb und so kamen wir bald überein, dass Rudi diejenigen Geräte reparierte, bei welchen ich es nicht schaffte, das betraf vor allem die Fernehgeräte. Den Gewinn teilten wir uns anschliessend brüderlich. Mein Geschäft blühte auf und es kam soweit, dass wir immer mehr Überstunden machen mussten am Abend, auch um meinen Chef zufrieden zu stellen, denn auch die regulären Aufgaben wollten erledigt sein. Da Rudi in Frenkendorf, ich aber in Hägendorf, waren wir uns bald einig, die Geräte in der CIBA, sprich im Geschäft zu reparieren, da unser Labor erstens dezentral gelegen und zweitens mit jedem erdenklichen Luxus an Messgeräten ausgerüstet war. Also war dies der ideale Platz um unser Unwesen zu treiben. Damit unser Chef nicht ungewollt von unseren mehr oder weniger illegalen Machenschaften Wind bekam, montierten wir an der Eingangstüre einen Schalter, welchen wir mit unserem Laborradio verbanden. Kam nun unverhoffter Besuch, so unterbrach der Radio seine vorbestimmte Tätigkeit. Wir waren gewarnt und hatten gerade noch genug Zeit, um unsere Schwarzarbeit notdürftig zu tarnen. Ich muss heute zugeben, was wir taten war nicht in Ordnung. Ich muss aber auch sagen, dass ich im Lauf meiner Tätigkeit Akademiker, Vizedirektoren und Direktoren mit fürstlichen Gehältern klauen sah, dass es jenseits von Gut und Böse war, das heisst, sie klauten wie die Raaben. Ich will damit nicht unser Unwesen rechtfertigen, aber in Ordnung war das auch nicht, zumal deren Lohntüte wesentlich fetter war als unsere. Da war zum Beispiel ein Vizedirektor, der Leiter einer grossen mechanischen Werkstätte mit einer angegliederten Versuchsabteilung für Epoxidharze, welcher sich von seinen Angestellten einen riesigen Bootsanhänger bauen liess, alles auf Kosten der Firma. Im Jahr darauf durften ihm zwei seiner Angestellten das Schwimmbad mit Epoxidharz auskleiden, allein das Material muss ein Vermögen gekostet haben, gearbeitet wurde natürlich während der Geschäftszeit. Mein Chef zum Beispiel war immer oder zumindest oft für die Firma unterwegs im In- und Ausland. Da er Oberst war in der Armee und kannte fast alle, die „Rang und Namen“ in unserer Industrielandschaft hatten. Für welche Firmen er wirklich unterwegs war bekam ich erst mit, als er mich erstmalig bat, ihn zu begleiten. Zuerst fuhren wir zur Firma Brown Boveri in Baden, wo mein Chef so eine Art Anstandsbesuch machte da er den Herrn Boveri ja persönlich kannte und die Firma auch ein Kunststofflabor hatte. Dann ging es aber schnell weiter. Wohin genau kann ich mich aber nicht mehr genau erinnern. Auf jeden Fall traf er sich mit einem, so schien es wenigstens, vornehmen Herrn und wir fuhren alle zusammen im Jaguar des Chefs in eine verlassene Fabrik. Früher, so erklärte mir mein Chef, wurde hier Bleifarbe hergestellt. Mein Chef bat mich, die Einrichtung und Maschinen anzuschauen und zu prüfen, ob man damit noch etwas anfangen kann. Ich fand, die Sache sei für mich mindestens zwei Nummern zu gross und empfahl meinem Chef, die Fabrik abzureissen und das alte Equipment zu verschrotten. Das waren also die geheimen Ausflüge meines Chefs: Firmensanierer in cognito und dies alles auf Kosten unserer Firma. Gegessen und getrunken wurde immer in den besten Lokalen und die Rechnung bekam jeweils unsere Spesenabteilung. Der Chef war sich auch nicht zu fein, jeweils den Wirt zu fragen ob man ihm die Weinetikette als Andenken von der Flasche lösen könne weil der Wein so gut war. Der Wirt liess sich meistens nicht Lumpen und brachte dem Chef noch eine Flasche Wein als „Geschenk“ oder Schmiergeld, was weiss denn ich.Wenn ein Abteilungsfest angesagt war fand dieses oft beim Chef zu Hause statt. Es gab reichlich zu Essen und zu Trinken und andern Tags präsentierte er die Rechnung der Firma und zwar nicht zu knapp. Die Reste vom Essen und den Getränken sackte er wortlos ein. Und so was war Oberst in unserer Armee und sollte dem Volk ein Vorbild sein. Was lernte ich daraus: neunzig Prozent der Reichen und Prominenten sind Halunken und Diebe. Und so haben sich noch viele andere bedient vor allem solche, welche es finanziell nicht nötig gehabt hätten. Ein Chemiker, auch mit Doktortitel unternahm seine sonntäglichen Spaziergänge mit der Familie. Sie führten ihn über Land wo er Sonntags auf den Feldern den Bauern Obst und Gemüse klaute soviel er konnte. Er prahlte auch noch im Geschäft bei seinen Kollegen damit, was er sonntags alles wieder geerntet hatte. Auch mein nächster Chef, Dr. D. aus Genf stand seinen Kollegen in nichts nach. Wir hatten sogenannte „Einkaufszentren“ für die Labors. Dort gab es fast alles, wie in einem kleinen Supermarkt aber eben ausgerichtet auf die Labors. Alle zwei Wochen ging mein Chef dort „einkaufen“. Zwei grosse Tragtaschen mit Seife, Fensterputzmittel, Klebeband, Kugelschreiber, Couverts, Putzlappen und einfach alles, was man im Haushalt so braucht schleppte er mit. Was die Menge anbetraf, so muss wohl er die ganze Verwandtschaft versorgt haben. Abends trug er die grossen Tüten in die Garage und kein Schwein traute sich etwas zu sagen wenn der Herr Doktor mit seinen Tüten angerauscht kam und so wurde auch laufend der Hass auf das Management geschürt. Jeder dachte, wenn die klauen wie die Raben, dann kann ich wohl auch etwas mitnehmen. Nur war es leider so wie immer, der  kleine Mann wurden gehängt, die grossen Fische gingen straffrei aus und bekamen jeweils im Frühjahr noch eine fette Gratifikation für ihre geleisteten „guten Dienste“. Soviel zu den Eigentumsverhältnissen. Man sieht, es hat sich bis heute nichts geändert.

 

Da Rudi Radio- und Fernsehfachmann war lief zu Hause meine Parallelfirma immer besser. Ich tat mich mit einem Radio- und Fernsehgeschäft zusammen, kaufte alle defekten Fernseher auf und ab und zu auch einen Radio. Ich transportierte also fast jeden Morgen einen alten Fernseher in meine Werkstätte und wir, besser gesagt Rudi motzte das Gerät wieder auf. Das Geschäft lief nicht nicht schlecht und wir teilten uns jeweils den Reingewinn.

Zu Hause schaltete ich ein Inserat in der  Wochenzeitung und schrieb „ ICH repariere“ und dann kam eine kleine Liste vom Fernseher bis zur Zahnbürste, einfach alles. Ich glaube schon nicht mehr an die Kraft der Werbung aber schon nach dem zweiten Inserat begann das Telefon zu klingeln und mein Privatgeschäft boomte. Die damit verbundenen Einkünfte konnten sich sehen lassen und die Arbeit machte mir Freude. Rudi und ich werkelten dahin und das Schicksal nahm seinen weiteren Lauf. 

Ciba-Geigy AG und Sandoz AG  wollten fusionieren. Eine ganz üble Zeit begann. Der Firmensanierer McKinsey trat in unser Leben und liess keinen Stein auf dem anderen in unserer Firma. Sie suchten sogenannte Synergien. Das ist auf Deutsch die Frage „Wen können wir entlassen oder zumindest abschieben“ ?

Ein Heer von Aufpassern verfolgte uns von nun an bei der Arbeit und stellte dumme Fragen. Es war als hätte man Läuse die man nicht mehr los wird. An ein geregeltes Arbeiten war nicht mehr zu denken. Ob bei der Arbeit oder am Kaffeetisch ..... es wurden nur noch Gerüchte verbreitet welche Abteilung geschlossen wird und wer wohl zuerst gehen muss. Es begann ein erbitterter Kampf um die Arbeitsplätze. Vorab zwischen den beiden Firmen und gleichzeitig auch zwischen den Angestellten der einzelnen Firmen an sich. Es war ein sinnloser Kampf der gewaltige Arbeitskräfte lahm legte. Die Geschäftsleitung war dauernd mit Ansprachen beschäftigt um den Leuten klar zu machen dass alle Härtefälle vermieden werden sollten. Aber was ist ein Härtefall? Die jungen und gut ausgebildeten Leute verliessen scharenweise die Firmen. Die alten Mitarbeiter wurden in den Vorruhestand geschickt, oft unfreiwillig. Das böse Spiel bekam einen schönen Namen ... „ Desiderio“ .

Die Angestellten der mittleren Gruppe, zu der ich auch zählte, wurde hemmungslos intern herumgeschoben, wer maulte durfte sofort gehen.

Die Geschäftsleitung hatte nun eine neue Strategie. Sie hiess „ zurück zum Kerngeschäft“. Das ganze gut geschmierte Räderwerk das wir vorher hatten wurde auseinander gerissen und verkehrt wieder zusammengesetzt.

„ Zurück zum Kerngeschäft“ war nun die universelle Ausrede wenn eine Abteilung ausgelagert, geschlossen oder bis zum „geht nicht mehr“ geschrumpft wurde. Ich weiss nicht wie viele Angestellte im Lauf der Fusion „gestorben“ sind, aber ich kenne viele welche in dieser Zeit krank wurden sofern sie nicht vorher vom Dach eines Laborgebäudes sprangen. Man muss sich folgendes vorstellen : Man ist gut in seiner Arbeit. Man schuftet jeden Tag für die Firma, macht Ueberstunden weil der Arbeitsanfall enorm geworden ist, da kommt irgend ein Fuzzi vom Management, eine Liste in der Hand und ein Bleistift hinter dem Ohr und sagt dir „ du wirst nicht mehr gebraucht“. Da fragt man sich doch, wer macht jetzt meine Arbeit? „ Alles mögliche und unmögliche wurde ausgelagert an fremde Dienstleister, mit zum Teil sehr mässigem Erfolg. Die Unkosten stiegen und die Lieferzeiten auch. Besteller und Lieferant sprachen nicht mehr die gleiche Sprache da sie von der Materie oft keine Ahnung hatten.

        Mein Elektroniklabor wurde geschlossen und sie schickten mich in die Pharma- Forschung. Und ich arbeitete nun für die Biologen. Ich baute kleine Sender zusammen welche die Biologen den Katzen bei Narkose auf die Köpfe schraubten. Mit Hilfe von Elektroden im Gehirn wurden Messdaten auf den Computer übertragen, auch wenn die Katzen schliefen. Der Versuch hiess „Schlafkatze“ . Anderen Katzen wurde Strom ins Gehirn geleitet worauf diese einen epilleptischen Anfall bekamen, fauchten und den Buckel machten. So wurden neu entwickelte Medikamente geprüft.

Meckern konnte ich nicht. Ich hatte Familie, ein Haus und in meinem Alter hätte ich keine passable Stelle mehr gefunden (glaubte ich fälschlicherweise).

Ich bekam ungefähr alle zwei Monate einen neuen Chef. Mein Oberst wurde vergoldet und in die Wüste geschickt. Er behielt nur noch sein Büro so dass er ab und zu gratis telefonieren konnte weil er ja so arm war.

Mein letzter Chef hiess Otto ..... Er war ein sehr heller Kopf was die Arbeit an belangte aber eine „entschuldigung“ Drecksau was die Personalführung anbelangte. Wir hatten jede Woche eine Sitzung und jeder meiner Kollegen und ich auch mussten abwechselnd das Sitzungsprotokoll schreiben. Da ich nun nur mit meiner geliebten Elektronik sondern nur noch mit Programmieren und Computerchinesisch konfrontiert wurde war es für mich jedes mal eine Tortur das Protokoll zu verfassen denn ich verstand nur die Hälfte von dem was besprochen wurde. Der Rede kurzer Sinn : nach der Sitzung sass Otto in seinem Glashäuschen, putzte sein Glasauge und korrigierte das Sitzungsprotokoll. Ich bekam es anschliessend zurück. Es sah aus als wäre es mit Rotstift geschrieben worden. Der Anblick machte mir durchaus keine Freude denn etwas das  man nicht versteht kann man auch nicht korrigieren. Zwei meiner Kollegen kamen aus Frankreich und waren ausgezeichnete Programmierer. Aber auch diese stauchte er vor allen Leuten zusammen als wären es Schulbuben und Idioten. Sie trauten sich nicht sich zu wehren denn sie waren auch auf ihre Stelle angewiesen. Auch die Sekretärin kam manchmal heulend aus dem Büro des Chefs. Ich stellte ihn einmal zur Rede und fragte ihn ob das nötig war. Er meinte ich solle mich um meinen Kram kümmern. Das tat ich denn auch. Ich ging zum Ombudsmann der Personalabteilung erzählte wie es bei uns zuging. Zwei Wochen später war das Glasauge weg und es kam ein neuer Chef.

Es kam wie es kommen musste. Der grosse Computerraum befand sich im zwölften Stock des Gebäudes, mein Elektroniklabor im elften. Langsam aber sicher wurde ich krank, sehr krank. Ich war permanent überfordert, bekam fürchterliche Depressionen, Gleichgewichtsstörungen und Platzangst vom feinsten.