Ich erblicke das Licht der Welt und ein Teil der Hölle folgt mir

 

Wir schreiben den 8. März 1944. Es ist mitten in der Nacht, genau genommen könnte man auch sagen, es sei früh am Morgen denn die Uhr zeigt soeben zehn Minuten nach Mitternacht. Ich bin gerade dank der Mithilfe einer älteren Hebamme im Laufenburger Spital, am schönen Rhein auf Schweizer Seite zur Welt gekommen.

Meiner Mutter geht es den Umständen entsprechend gut, was man von mir eher nicht sagen kann. Meine Haut hat eine ziemlich gelbe Farbe und als Chinese würde man mich wohl akzeptieren. Heute würde man sagen, der Kleine hat Hepatitis, auch Gelbsucht genannt. Ich bekomme ja von der Umwelt noch nicht viel mit, aber zwei Tage später geht es mit dem Krankenwagen weiter ins Kinderspital nach Aarau, die Sache scheint mir doch ernster zu sein als gedacht. Ich lande in einem komischen kleinen Treibhäuschen, sie nennen es Brutkasten. Zweimal täglich kommt der Kinderarzt zu Besuch, er meint ich sei reichlich gelb im Gesicht und hätte eine massive Gelbsucht, wie wenn das nicht schon die Hebamme festgestellt hätte. Nun, die netten Schwestern und der Arzt kümmern sich fleissig um mich und tun ihr Bestes um mir zu helfen und um mich wieder auf meine krummen Beinchen zu bringen. Auch mein Gedärm soll ein bisschen durcheinander sein habe ich so am Rande mitbekommen.

Alles geht einmal zu Ende, so auch meine Gelbsucht und meine Darmprobleme. Dr. Nebel, so hiess der Kinderarzt, meint zu meiner Mutter, ich würde mein Leben lang Ärger mit meinem Gedärme haben. Wenn er damals nur gewusst hätte, wie recht er hatte! Da gab es doch früher wirklich Ärzte die konnten einem sagen woran man litt und das ohne komplizierte Maschinen.

Die Zeit ist im Flug vergangen und ich bin inzwischen um ein Jahr älter geworden. Gelb im Gesicht bin ich immer noch, aber nicht von der Hepatitis sondern von dem Karottenzeug das man fast täglich kübelweise in mich hineinstopft.

Wir wohnen ja nun zu viert, meine Grossmutter, meine Mutter, mein Vater und ich, im alten Bauernhaus mit angegliederter Hufschmiede. Das ganze Anwesen ist uralt, ein bisschen vergammelt. Kein Wunder mit seinen fast dreihundert Jahren, die das Gehöft bereits auf dem Buckel hat. Der Unterhalt des riesigen Hauses ist halt ein Problem, auch ein finanzielles. Die beiden Brüder meiner Mutter helfen tatkräftig mit, der eine finanziell der andere handwerklich. Das Haus liegt in Trimbach, einem Dorf am Fusse des Hauensteins. Nicht besonders schön, aber auch nicht besonders schlecht, eben ein Strassendorf, das sich von einem lang gezogenen Bauerndorf zu einem pseudomodernen Mischmasch von Wohnhäusern, kleinen Fabriken und Geschäften hochgemausert hat, aber im Grunde genommen nichts anderes als eine Trabantensiedlung der Stadt Olten ist.

Mein Vater hat sich inzwischen aus dem Staub gemacht. Jung, unerfahren und ein bisschen ein "Hallodri" wie man im Volksmund sagt, hatte er wohl keine Chance in dieser Familie zu bestehen. Eine Familie, die man eher als Matriarchat bezeichnen muss, in dem nur meine Grossmutter das Sagen hatte und sonst niemand. Streng katholisch wurde hier gelebt. Ausser beten und arbeiten war nichts erwünscht, eben wie es im Testament geschrieben steht ...ora et labora....

Obwohl ich meine kein ausserordentliches Gedächtnis zu besitzen, so kann ich mich doch sehr weit in meine Kindheit zurück erinnern, wenn manchmal auch nur lückenhaft.

Wenn ich so am Abend in der Ecke der alten Bauernstube in meinem Kinderbettchen lag, hörte ich manchmal ein tiefes Grollen und Brummen, das durch das Stubenfenster herein drang und meine Grossmutter sagte dann immer: „Die Amis fliegen wieder über die Schweiz“, denn wir hatten nun das Jahr 1945. Wie gesagt, ich schlief und hauste in der Stubenecke in meinem hölzernen Gitterbettchen gegenüber vom grossen gemauerten Kachelofen und neben der Türe zu Mutters Schlafzimmer, besser gesagt ich versuchte wenigstens zu schlafen. Manchmal konnte ich auch eine Maus beobachten, die sich gegenüber meinem Bettchen unter dem grossen auf Füssen stehenden Kachelofen an den Kartons mit den Vorräten zu schaffen machte. Zuweilen hörte ich es in einer der Schachteln knabbern. Eines Nachts kam aus einer der grossen Schachteln ein Rumpeln und als ich am nächsten Tag in der Schachtel nachsah musste ich feststellen, dass meine Maus von einem herabfallenden Zuckerpaket erschlagen worden war......schluchz.....ich hatte ihr so gerne zugeschaut wie sie unter dem Kachelofen herumkletterte.

Des öftern wurde ich aber auch von furchtbaren Albträumen geplagt und ich schrie mir die Seele aus dem Leib bis meine Mutter aus dem angrenzenden Schlafzimmer erschien und mich oft stundenlang auf dem Arm herumtragen musste, um mich zu beruhigen. Das mit dem Schlaf war sowieso eine Angelegenheit für sich. Wie gesagt, mein Bettchen steht in der Stubenecke, da befindet sich auch eines der zwei Stubenfenster mit einem bunten, mit allerlei grossen Blumen bedruckten Vorhang. Wir glauben ja alle nicht an Gespenster und Geister aber ich sage euch, ich habe in dieser gottverdammten Stube mit ihnen zusammengelebt  und es war die reine Hölle für mich; es war die Zeit in der ich wirklich das Fürchten lernte. Heute, mit meinen über siebzig Jahren macht mir nicht so schnell mehr etwas Angst, aber wenn ich an diese Zeiten zurückdenke bekomme ich noch jetzt eine Gänsehaut.

Die Boten der Finsternis oder die Boten der Hölle (ich weiss den Unterschied heute noch nicht), haben mich des Abends oft stundenlang gequält und nicht schlafen lassen. Sie hingen direkt über mir am Fenstervorhang, eine Sammlung von bedrohlichen, abscheulichen Fratzen welche mich angrinsten und sich hemmungslos bewegten wie lebendige Lötschentalermasken. Ich fand ihre Anwesenheit bedrohlich und schrie wie am Spiess und zwar so lange, bis meine Grossmutter oder meine Mutter erschien, um nachzuschauen was mir fehlte. Kaum betrat jedoch eine erwachsene Person die Stube, so war der Spuk vorbei und mein vermeintlich sichtbarer Beweis für meinen Stress und für mein Gezeter war verschwunden. Kaum waren Mutter oder Grossmutter wieder durch den anschliessenden Hausgang in die Küche zurückgekehrt, tauchten die Ausgeburten der Hölle wieder auf und bevölkerten den Vorhang oder noch schlimmer, sie spazierten im Gänsemarsch als Gestalten von der Küche her quer durch das Wohnzimmer auf mein Bettchen zu. Damit ich mich nicht so fürchten sollte, liess man im Hausgang mittlerweilen das Licht brennen, so dass immer ein leichter heller Schein die Stube erleuchtete und somit auch meine Ecke mit dem Bettchen ein wenig beleuchtet war. Trotzdem kam es noch schlimmer. Durch das leicht erleuchtete Rechteck der Gangtüre, die die Küche mit der Bauernstube verband, kamen nun von Zeit zu Zeit finstere Gestalten wie Fabelwesen herein und durchquerten die Stube in Richtung meines Kinderbettchens. Es war so, als bilde der Türrahmen das Tor zur Hölle. Alles

Schreien und Jammern nützte leider nicht viel, denn kaum liess sich eine erwachsene Person sehen, so verschwanden die Plagegeister auf der Stelle und damit auch der einzige Beweis meines Horrors. Dies alles ängstigte mich derart, dass ich eigentlich nie mehr ins Bett gehen wollte. Konnte ich dann endlich vor Erschöpfung einschlafen, plagten mich furchtbare Albträume, so dass ich wieder mitten in der Nacht schreiend erwachte. Auf Grund dieser widrigen Umstände wurde ich zum permanenten Bettnässer, womit ich nun noch ein zusätzliches Problem am Hals hatte, denn meine Mutter schleppte mich von einem Doktor zum anderen. Erfolglos natürlich, jeder hielt meine Geschichten für Hirngespinste und das Produkt einer allzu regen Fantasie, also war an wirkliche Hilfe nicht zu denken. Wenn heute jemand behauptet es gäbe keine Gespenster oder Geister oder wie man auch immer diese Wesen nennen will, so bin ich anderer Meinung und ich bin mir auch sicher, dass diese Wesen böse, hinterhältig, schlecht und gemein sind. Ungefähr mit dem vierten Lebensjahr habe ich Gott sei Dank die Fähigkeit, diese Dinge zu sehen, vorübergehend verloren. Dafür entwickelte ich später eine andere Begabung, die nicht minder gruselig, und unverständlich war und mir heute noch schwer zu schaffen macht.

Was mir auch nach dem vierten Lebensjahr blieb, war die ewige Bettnässerei. Meine Mutter nervte es und ich schämte mich dafür. Ich produzierte dreckige Wäsche im Überfluss und wurde das Übel bis zum Ende der dritten Primarklasse nicht los, trotz all der Pillen und Tröpfchen die mir eingeworfen wurden. Auch diverse Gänge zum Doktor und zum Psychiater brachten nichts ausser Unkosten für meine Mutter. Hätten die Leute meine Geschichten ernster genommen, hätten wir vielleicht gemeinsam das Problem lösen können, anderseits kann ich es den Betroffenen heute auch nicht mehr nachtragen, dass sie meine Gruselgeschichten nicht geglaubt haben. Aber ich habe die Geschichten nicht erfunden um mich wichtig zu machen oder die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Aber dass sich alles nur in meiner Fantasie abgespielt hat glaube ich nicht. Ich habe die Dinge real mit offenen Augen erlebt und nicht geschlafen und nicht geträumt.

Ein Freund von mir, ein exzellenter Psychologe, dem ich zum Teil meine wieder erlangte körperliche und psychische Gesundheit verdanke hat mir den Sachverhalt wie folgt vermittelt. Viele kleine Kinder haben einen fünften Sinn. Sie sehen mit ihrem Geist durch eine Art offene Türe welche das Tor zu einer anderen Welt ist. Ob Himmel, Hölle, Totenreich.....wir wissen es nicht. Eines aber wissen wir. Im Alter von drei bis fünf Jahren geht die Türe Gott sei Dank wieder zu. Als erwachsener Mensch kann man mit Meditation die Türe wieder öffnen, ich habe es erlebt. Es fühlt sich aber dann noch viel schlimmer an, wenn man Dinge sieht die zwar stimmen aber die man eigentlich gar nicht wissen kann weil alles erst in der Zukunft stattfindet.

Würde mir ein Kind heute etwas Ähnliches erzählen, würde ich die Sache sehr ernst nehmen und der Angelegenheit auf den Grund gehen.

Ich glaube, da kann nur ein guter Psychiater helfen. Ich habe so viele selbst ernannte Heiler, Esoteriker und was da sonst noch alles herum irrt kennen gelernt, die immer auf der Suche nach labilen Menschen sind um sie von sich abhängig zu machen nur, um sie anschliessend finanziell auszunehmen. Unter labil verstehe ich jemanden der in Not oder krank ist, seien das nun Depressionen, eine fiktive Ausweglosigkeit oder sonst eine moderne Seuche. Es kann jeden von uns treffen, meine Geschichte beweist es.