Es geht zum Militär

 

Das Aufgebot für den Militärdienst, beziehungsweise die sogenannte Aushebung,  kam per Post und ich könnte nicht behaupten dass ich darüber in Freudentränen ausgebrochen bin. Ich schickte mich aber in das Unvermeidliche und fand mich eine Woche später mit meinen Altersgenossen in der grossen übelriechenden Turnhalle eines altehrwürdigen vergammelten Gebäudes auf der Schützenmatte in Olten ein.

Ich stellte mich mit den andern Opfern in eine lange Reihe, im Turnkleid  bestehend aus Turnhose, Leibchen und Turnschuhen, wie uns in der Einladung befohlen wurde. Wie ich beruhigt feststellte, war ich nicht der einzige, der kein fröhliches Gesicht machte. Ich hatte mich vorher schon als Militärpilot gemeldet, fiel aber in Dübendorf bei der Aufnahmeprüfung durch. Wahrscheinlich auch besser für mich. Ich habe ab und zu die unmöglichsten Ideen und meine dann, diese um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Verluste umsetzen zu müssen. Das nur so nebenbei. Und wenn ich am Träumen bin, könnte ich leicht vergessen, dass ich eigentlich in einem Flugzeug sitze und das wäre für alle schlecht, auch für das teure Flugzeug. Das hat der Militärpsychologe anhand der Prüfung schon richtig erkannt. Nachdem wir namentlich aufgerufen wurden und jeder so laut es ging „hier“ gerufen hatte, mussten wir draussen auf der grosse Wiese zur Registrierung antreten.

Als ich an der Reihe war, trat ich also ans Tischchen. An diesem sass ein dicker Sack in Uniform mit vielen goldenen Streifen auf den Achseln - man munkelte er sei Oberst - auf einem Feldstühlchen das so klein war, dass ich mich wunderte, wie er seinen fetten Arsch darauf in Balance halten konnte. Nach dem ich alle meine Personalien angegeben hatte, die er exakt auf ein grosses Formular übertrug, ging es weiter zur Prüfung meiner sportlichen Kompetenz.  Ich durfte zeigen was ich drauf  hatte, oder eben nicht. Es gab eine Prüfung im Klettern, Weitsprung, Hochsprung und im Hundertmeterlauf.  Erstens war ich, auf gut Deutsch gesagt, eine Pfeife im Sport und zweitens hielt ich mich sowieso zurück bei meinen Ausführungen, da ich in keinem Fall bei der gefürchteten Infanterie landen wollte, über die ich schon jede Menge Schauermärchen gehört hatte. Diese, so schien es mir, hatten alle einen wahren Kern.

Eine halbe Stunde später stand ich wieder vor dem Dicksack mit den drei fetten goldenen Nudeln auf den Achseln. Er schaute mich schräg an und fragte mich daraufhin, zu welcher Einheit ich wolle. Ich hatte mich schon eine Woche früher mit meinen Freuden besprochen, welche Einheiten wohl die am wenigsten anstrengenden sein könnten und so antwortete ich ohne nachzudenken: Pilot, denn ich wusste genau, dass das nicht in Frage kam.

„ Blödsinn“ sagte er, „was sonst?“ , „Flieger und Flab“ wisperte ich ganz scheu. Er packte einen riesigen Stempel, holte aus und knallte ihn auf mein Formular. Als er ihn wegzog stand auf dem Formular FLIEGER UND FLAB in grossen Buchstaben und in roter Farbe. Ich versuchte, mir meine Freude nicht anmerken zu lassen, denn ich hatte was ich wollte. Nach etwa drei Stunden war der ganze Rummel vorbei und ich ging mit meinen  Leidensgenossen ins Städtchen,  wo wir das Ereignis gebührend begossen und das nicht zu knapp. Ich avancierte mit diesem Akt der Männlichkeit auf einen Schlag zum Mann. Da ich ja immer noch bei der Sandoz angestellt war, hätte ich während der Rekrutenschule meinen vollen Lehrlingslohn und erst noch den Sold vom Militär und so liess es sich gut leben, mir würde es an nichts mangeln wenn es dann einmal so weit war.

Drei Monate später bekam ich das Aufgebot zum Einrücken und gleich noch ein kostenloses Bahnbillet nach Emmenbrücke. Da ich ja keinen Vater hatte, der mir hätte erzählen können womit ich zu rechnen hatte und auch meine zwei Onkels sich vornehmlich zurück hielten, nahm ich den Weg zum Bahnhof mit gemischten Gefühlen unter die Füsse. Ich traf am Bahnhof noch weitere Opfer meiner Gattung und so waren wir schlussendlich eine illustre Gruppe, die sich per Eisenbahn Richtung Emmenbrücke bewegte. Am Bahnhof von Emmenbrücke wurden wir bereits von ein paar seltsam gekleideten Schreihälsen erwartet. Naiv und trottelig wie ich eben war, konnte ich nur noch staunen über mein neues Abenteuer und meine mehr als ungewisse Zukunft. Nach einem ausgiebigen Fussmarsch landeten wir auf dem Kasernenhof der Kaserne Emmenbrücke, wo wir, gleich neu eingetroffenem Schlachtvieh, in Gruppen aufgeteilt wurden. Ein ganzes Heer von Uniformierten schrie durcheinander und gab Anweisungen die niemand verstand. Wir wurden von einem Posten zum  andern getrieben, wo wir Rucksack, Ledergürtel, Geissenvögler -sprich Gamaschen, Schuhe, Socken, Hosen, Kittel und andere Dinge aufgebürdet bekamen, die wir eigentlich gar nicht bestellt hatten. Aber gefragt wurde man ja hier sowieso nicht mehr, sondern es wurde nur noch geschrien. Irgendwann bekam der Salat langsam eine Struktur und ich stellte fest, dass es im Militär für mich nur zwei wichtige Zustände gab, nämlich rennen und warten. Alle Zwischenstufen waren streng verboten und gar nicht gerne gesehen. Besonders das Denken hatte man sein zu lassen, wer eine Frage stellte wurde gleich schräg angesehen und vermutlich als potentieller Spion eingestuft. Für das Denken waren nun andere zuständig. Mein Grüppchen hatte inzwischen einen Chef bekommen, sie nannten ihn Korporal. Dieser hatte wiederum einen Chef der Leutnant hiess und auch dieser hatte wieder einen Chef, der Herr Oberleutnant gerufen wurde. Selbiger musste Befehle von einem Haupmann entgegennehmen und so ging das ewig weiter. Ein Befehl, der zuoberst in der Hirarchie erteilt wurde, schaffte es meistens gar nicht bis zu uns. Ich hörte später nur ab und zu den Leutnant sagen „ Der Alte kann mich am Arsch lecken“. Wer damit gemeint war, wusste ich leider nicht genau aber ich nickte jedes Mal verständnisvoll.

Von nun an war mein Tagesablauf streng geregelt. Mitten in der Nacht, das heisst am sehr frühen Morgen kam ein Unteroffizier in die Unterkunft und schrie „TAGWACHE“. Darauf hatten wir wie der Blitz aufzustehen und zur Waschanlage zu eilen. Zähne putzen, Gesicht nass machen und rasieren wer schon etwas zum Rasieren hatte und dann im Eiltempo zurück in das Mehrbettzimmer. Kleider anziehen, Bett herrichten und dann ab in die Kantine.

Es wurde jede Woche eine Gruppe zusammengestellt, die Küchendienst hatte. Sprich rüsten, den Köchen zur Hand gehen und vor allem nach dem Kochen die Küche putzen. Dies war besonders am Abend eine Plage, denn die Putzerei dauerte immer bis mindestens bis neun Uhr und somit war an einen Kneipengang mit den Kollegen nicht mehr zu denken. Der Job hatte aber auch seine gute Seite, wie alles im Leben. Man hatte bei der Arbeit seine Ruhe und wurde auch in Ruhe gelassen, während die Kollegen draussen auf dem Kasernenhof geschunden wurden. Bei brütender Hitze im Verband marschieren üben, oder über die berüchtigte Kampfbahn hetzen. Das war so eine fiese Piste an deren Anfang sich ein Stacheldrahttunnel befand durch den man kriechen musste, dann kam eine mühsame Strecke mit Sand, danach eine hohe Ladenwand die es zu überwinden galt und dann noch der Bärentritt. Der Bärentritt bestand aus senkrecht im Boden eingelassenen Pfosten auf denen es etwa zehn Meter weit darüber zu balancieren galt. Die ganze Strecke musste in einer bestimmten Zeit zurückgelegt werden, je schneller je besser, sonst hatte man schlechte Karten, so wie ich normalerweise.

Man kam auf die schwarze Liste und durfte zusätzlich trainieren. Der Sportoffizier in Form eines geleckten Leutnants stand genüsslich neben der Kampfbahn und notierte die jeweiligen Zeiten mit seiner Stoppuhr. Seit ich hier bin habe ich ihn sicher schon zwanzig mal zum Tode verurteilt, den Fiesling. Falls es morgen Krieg geben sollte, werde ich ihn von hinten erledigen.

Jede Woche wurde eine andere Gruppe dazu bestimmt,  das Essen in der Küche zu holen, zu servieren, abzutragen und anschliessend das ganze Geschirr auch noch abzuwaschen, auch kein Vergnügen.

Der Tag eines Rekruten verlief relativ eintönig. Zuerst Zugschule mit Marschübungen dann Theorie im Theoriesaal. Anschliessend Mittagessen und Mittagsruhe. Danach wieder Zugschule, Kampfbahn,  ein kleiner Marsch durchs Gelände oder eben sonst irgendeine Schikane. Dann war wieder Zeit für das Abendessen. Das Essen war im Allgemeinen gut und reichlich. Es gab zwar immer einige die an dem Essen herumnörgelten, aber ich glaube es waren vor allem jene, die zu Hause nur Ravioli, Wurst und Brot vorgesetzt bekamen. In unserer Kaserne gab es sogar Bier in der Kantine zu kaufen.

Anschliessend kam der Befehl... retablieren.. und es wurde alles auf Hochglanz geputzt, poliert und peinlich kontrolliert, vor allem die Schuhe. War etwas nicht sauber, das betraf vor allem die Schuhe, musste nachgeputzt werden. Bevor nicht auch der Letzte zur Zufriedenheit des Feldweibels fertig geputzt hatte ging gar nichts mehr. Verlief alles gut, was selten eintraf,  liess er uns um sieben Uhr abends in Reihe und Glied antreten und der so genannte Tagesoffizier schrie ...abtreten... und das wars dann.

Alle Rekruten verliessen so schnell wie möglich das Kasernengelände und eilten in Richtung ihrer bevorzugten Kneipe davon. Um dreiundzwanzig Uhr mussten wir zum Abendverlesen wieder in der Kaserne antreten. Das heisst, wir mussten wieder einmal in einer Linie im Gang der Kaserne stehen und wurden namentlich aufgerufen. Falls mal einer fehlte, hatte das unangenehme Sanktionen zur Folge. Wache schieben, Klo putzen, Wochenendarrest.......die Liste der Strafen war schier unendlich. Um es deutlich zu sagen, es lohnte sich wirklich nicht, zu spät zu kommen. Darum sind die Schweizer auch so pünktlich. Wenigstens jene, die Militärdienst geleistet haben. Anschliessend war Nachtruhe und wem das Geschnarche und der Duft von zweiundvierzig Paar stinkigen Socken nichts ausmachte, durfte endlich schlafen.

Bald wurden wir gefragt, wer das Leiterchen im Militär höher steigen wolle. Ich hatte diesbezüglich keine Ambitionen aber die Kampfbahn, die Zugschule und die schier endlosen Märsche hatte ich auch satt. Da ich meiner Grossmutter immer beim Kochen geholfen hatte tat ich kund, Küchenchef werden zu wollen, um so meinen unbeliebtesten Verpflichtungen zu entkommen. Es verging keine Woche und ich gehörte zum Küchenpersonal. Mir tat sich eine neue Welt des Militärs auf. Ich war von nun an einer der Hilfsköche und mächtig stolz darauf.

Ich durfte für hundertzwanzig Mäuler Kartoffeln schälen, Gott sei Dank mit einer Schälmaschine, Fleisch anbraten in einem überdimensionalen Kochtopf, der wohl einen Durchmesser von zwei Meter haben mochte. Meine Arme waren von den heissen Fettspritzern immer ganz verbrannt am Abend. Am Ende jeder Kocherei hiess es natürlich putzen, putzen, putzen. So verging die Zeit vor allem am Abend schnell, aber ich vermisste den Ausgang mit meinen Kollegen. So schlichen die Wochen wieder dahin, bis eines Tages der Fourier mit einem Formular kam, das ich ausfüllen sollte. Was ich da las wollte mir gar nicht gefallen. Ich sollte mich anmelden für die Weiterbildung zum Koch und zum Unteroffizier. In meinem Gehirn schalteten alle Lampen auf Rot, denn was ich da las bedeutete weitere siebzehn Wochen Militärdienst. Ich sagte dem Fourier ganz freundlich, dass ich nur über meine Leiche länger als nötig im Dienste des Staates verbleiben wolle.

Nachdem man mich wieder mit Schimpf und Schande aus der Küche verbannt hatte, landete ich bei meinen alten Kumpels und musste halt den ganzen Zirkus wieder mitmachen. Nun, es war zum Aushalten und die Verlegung, sprich das Praktikum, stand vor der Türe und versprach jede Menge Abenteuer. Einige meiner Kollegen hatten ältere Brüder und so vernahm man doch ab und zu, wie es im Militär so läuft. Mit einem halben Dutzend Lastwagen fuhren wir nun ins Zeughaus und luden Material ein. Tarnnetze, Zelte und weitere Utensilien, die man zum Campieren halt so braucht. An den Lastwagen wurden die Flabkanonen und unsere Radargeräte angehängt. Auch der Küchenwagen mit seinen Kochern, Pfannen und Töpfen durfte nicht fehlen. Wenn wir unterwegs waren eilte uns der Küchenwagen immer schon voraus, damit das Essen fertig war wenn wir ankamen.

Nach einigen Stunden war der ganze Krempel aufgeladen, unsere Rucksäcke gepackt und wir konnten auf die Lastwagen aufsitzen, besser gesagt wir konnten uns irgendwo zwischen den Materialbergen und unseren Sturmgewehren ein Plätzchen zum Sitzen suchen und ab ging die Post Richtung Innerschweiz. Wie ich auf Umwegen vernahm fuhren wir auf irgendeine Alp. Wir waren also auf dem Kriegspfad um den Ernstfall zu üben und um uns gegen die rote, gelbe und ich weiss nicht welche Gefahr zu wehren. Mein grösster Feind war im Moment die Armee selbst. Der Gegner hätte in jedem Fall schlechte Karten gehabt, denn bei unserem Anblick hätte er sich wohl zu Tode gelacht und somit hätten wir, ohne einen Schuss abzugeben, den Krieg gewonnen. Organisiert war die Sache aber auf jeden Fall gut. Nach drei Stunden Fahrt auf dem holperigen Lastwagen hielten wir vor einem Restaurant und bekamen im angebauten Saal von unserer Küchenmannschaft ein hervorragendes Essen serviert. Das Essen im Felddienst war überhaupt in der Regel gut, es hing natürlich immer vom jeweiligen Küchenchef ab und da gab es wirklich Kochkünstler darunter, die mit wenig Aufwand ein wunderbares Essen auf den Tisch zaubern konnten.

Nach einer Stunde war der Genuss aber leider zu Ende und es ging weiter. Wir hüpften wieder auf unsere Lastwagen und ratterten weiter. Nicht besonders schnell, aber man kam vorwärts, lernte Land und Leute kennen und fast alles was ich heute von der Schweiz kenne stammt aus meiner Militärzeit. Inzwischen waren wir in Kriens angekommen und die Strassen wurden immer schmaler und steiler. Im Geländegang bugsierte uns unser Fahrer ihre Lastwagen mit und ohne Anhänger die letzte Strecke bergauf. Bei einem kleinen Bauerngehöft hielten wir an, wir hatten unser Ziel erreicht wie es schien. Nun ging die Plackerei erst richtig los. Unsere zwei tonnenschweren Flabkanonen wurde abgehängt und mit viel hau ruck , Gefluche und vereinten Kräften an ihren Platz geschoben. Der Platz war schon vorher genau ausgemessen und mit einem Pfosten markiert worden. Nachdem die zwei Bührle-Kanonen an ihrem Platz standen, verfuhren wir auf gleiche Weise mit den Radargeräten, setzten sie an ihren Platz und nivellierten sie mit der eingebauten Hydraulik, wie bei den Kanonen. Inzwischen war es sieben Uhr abends geworden. Wir waren hundemüde aber von Feierabend konnte keine Rede sein. Die Küchenmannschaft hatte sich schon eingerichtet und öffnete endlich ihre dampfenden Kochkisten und so  bekamen wir ein feines Gulasch zu futtern. Kaum hatte der Letzte seine Gabel abgeleckt, kam unser Schreihals, der Unteroffizier, angerannt und wir mussten unsere Zelte aufbauen. Das war keine leichte Aufgabe, denn alles war Armeequalität. Besonders dick, besonders schwer, besonders unhandlich, besonders teuer, eben für die Ewigkeit gebaut. Manchmal, wenn wir unterwegs waren, konnten wir auch in einer Scheune schlafen, das war dann für uns einfacher. Man musste einfach im Heu einen Platz suchen wo man, falls es regnen sollte, beim Schlafen trocken blieb.

Unser Schreihals war inzwischen wesentlich freundlicher geworden und wir hatten uns sogar ein bisschen angefreundet mit ihm. Warum war bald klar. Konnte er uns in der Kaserne nach belieben schikanieren und piesacken wenn ihm danach war, so sah es hier schon ganz anders aus. Er war total auf uns angewiesen und wir konnten uns nun auf mannigfaltige Weise verteidigen und revanchieren. Das begann mit nicht genau verstandenen Anweisungen, noch schlimmer war es, wenn wir diese buchstabengetreu ausführten ohne zu denken oder wir arbeiteten so langsam, dass uns bei der Arbeit sogar die Hände einschliefen. So vereitelten wir jeden Zeitplan und das war gar nicht gut, denn da bekam auch der Oberboss schlechte Noten, die er sofort in Form eines kräftigen Rüffels an seine Offiziere weitergab. Wir bekamen davon wenig ab. Was wollte er uns schon auf einer Alp anhaben. Und so hatten die schlaueren unter den Offizieren bald begriffen, dass der beste Befehl nichts taugt, wenn ihn niemand befolgt. Von nun an hiess es ...miteinander, nicht gegeneinander.

Inzwischen war es Nacht geworden und in unserem Zeltstädtchen brannten die Lampen, teils mit Petroleum betrieben, teils elektrisch von einem unserer riesigen Porsche-Generatoren gespeist. Nun konnten wir endlich schlafen gehen. Nein, nicht alle. Vorher wurden noch die Wachposten eingeteilt. Die Alp wurde bewacht wie Fort Knox und wir mussten die ganze Nacht durch die Gegend partoullieren und schauen, dass niemand eine Kanone oder das Radar klaute. Ein Irrsinn wenn man bedenkt, dass selbige gut fünfzehn Tonnen pro Stück wiegen.

Auch Spione mussten sich nicht herbemühen, denn Kanonen und Radar konnte man per Katalog bei Contraves und Bührle bestellen. Aber beim Militär hört die Logik auf, da zählen nur Befehle.

Wie es so geht, ich Pechvogel hatte natürlich die erste Wache und musste mit meinem Kumpel die Runden drehen. Es war eine kalte, klare Nacht auf der Alp. Mehr als zehn Grad waren es kaum und man konnte froh sein, wenn man sich bewegen durfte. Ab und zu verschanzten wir uns hinter einem Baum oder einem Strauch um eine Zigarette zu rauchen, was nachts schwer verboten war, denn die Glut einer Zigarette ist natürlich weithin sichtbar. Unser Weg führte uns auch an dem Bauernhöfchen vorbei, das die Familie der Alpbesitzer beherbergte. Die Bäuerin war noch nicht im Bett, sass vor dem Haus und wir begrüssten sie wie es sich gehörte. Sie fragte uns woher wir kämen und ob uns kalt sei, was wir schnell wie aus einem Mund bestätigten.

Sie bat uns in die Küche, wo bereits ein grosser Topf mit Wasser kochte. Die Magd war dabei Kaffee aufzubrühen und in die berüchtigten Luzerner Kaffeegläser zu giessen. Mir war auch bald klar, warum sie die Gläser nur zu dreiviertel füllte. Dachte ich noch anfänglich es handle sich um eine geizige Bäuerin, so wurden wir bald eines Besseren belehrt. Das Bäuerlein erschien nun auch unter der Türe und blinzelte uns zu. In seiner Hand hatte er eine grosse bauchige Flasche mit einer ganz klaren Flüssigkeit. Es machte plopp als er den Korken aus der Flasche zog und in der Küche verbreitete sich ein feiner Duft von Apfelschnaps. Er glich den fehlenden Kaffeestand in unseren Gläsern damit aus und die Bäuerin warf noch zwei Löffel Zucker hinterher. Uns zwei wurde beim Trinken nun sehr warm und nach dem dritten Kaffee begann sich die Küche langsam in Nebel aufzulösen und ich fand es sei an der Zeit, dass wir uns langsam wieder verabschiedeten, um an die frische Luft zu kommen. Wir fragten die Bäuerin, was wir für den Kaffee schuldig seien und sie meinte, nichts. Da ich fand, das sei nicht in Ordnung vereinbarten wir, dass sie für jeden Kaffee zwei Franken bekäme. Nach zwei Wochen erfuhren wir, dass sie eintausendzweihundert Luzerner-Kaffee, auch bekannt als Kaffee Luz, verkauft hatte......

Wie gesagt, nicht alles am Militär ist schlecht.

Tagsüber sassen wir auf unseren Kanonen und Radargeräten und warteten auf die Schweizer Luftwaffe, um sie abzuschiessen. Natürlich nicht wirklich. Es war nur eine Uebung. Hätten wir mit scharfer Munition geschossen, hätten wir wohl ab und zu ein Verkehrsflugzeug vom Himmel geholt.

Nach drei Wochen war der Spuk vorbei. Wir packten unser Habe wieder zusammen, luden alles auf unsere Lastwagen, hängten unsere Kanonen und Radargeräte wieder hinten an und machten uns auf den Rückweg in das Zeughaus von Stans.

Dort angekommen mussten wir die ganze Ware wieder abladen, am Boden ausbreiten und putzen. Es war eine Heidenarbeit, denn manche Sachen standen vor Dreck weil es zuletzt fast eine Woche lang geregnet hatte. Schlussendlich kamen die Mitarbeiter des Zeughauses und jedes einzelne Teil wurde gezählt. Denn wenn etwas fehlte musste es aus der Truppenkasse bezahlt werden und Geld war Mangelware. Es war schon Abend als endlich alles wieder unter Dach und Fach war. Wir kletterten todmüde wieder auf unsere Lastwagen und fuhren zurück zur Kaserne, wo Gott sei dank die barmherzige Küchenmannschaft mit einem guten Abendessen schon auf uns wartete.

Am Ende des Militärdienstes gab es immer ein Abschlussfest genannt Batterieabend. Die Angelegenheit war meistens feuchtfröhlich und fand im grossen Saal einer Kneipe statt. Es gab eine Ansprache vom Batteriekommandanten und danach wurde gegessen und getrunken. Die Musiker unter uns bildeten eine Kapelle und wir wurden verwöhnt mit Blues und Dixieland, denn es waren ein paar Berufsmusiker unter uns die sich nicht lumpen liessen.

Leider brauchte es auch Servierpersonal und da dieses von meinem verhassten Sportoffizier organisiert wurde, fand ich mich  umgehend ganz oben auf der Liste des Personals wieder. Ich war sehr verärgert und schwor Rache ....... falls möglich. Die Gelegenheit kam schneller als gedacht. Nachdem der Kommandant seine Lobeshymne herunter geleiert hatte, begann das Galadinner. Die Offiziere sassen zusammen an einem eigenen Tisch. Der Sportoffizier, ein Angeber und ein Lackaffe, hatte seine schöne Freundin dabei. Es dauerte nicht lange und der Knilch schickte mich in die Küche um mehr Wein zu holen. Ich eilte von dannen und besorgte mir ein Tablett mit Gläsern und füllte diese mit dem georderten Rotwein. Sehr professionell balancierte ich das Rotweintablett zu meinem Kontrahenten. Ich wollte ihm gerade das Tablett hinhalten, da stolperte ich leider. Der Sportoffizier liess sein Zahnpastalächeln verschwinden und wechselte ein paar Mal die Gesichtsfarbe. Er war von oben bis unten mit Rotwein begossen und seine Vogelscheuche ebenfalls. Ich entschuldigte mich mehrmals für mein Missgeschick, versprach schnell neuen Wein zu besorgen und schlich in Windeseile von dannen. Die Hiobsbotschft war mir scheinbar schon vorausgeeilt. Als ich in der Küche ankam hielten sich meine Kollegen die Bäuche vor Lachen und als ich mit einem neuen Tablett Wein zurück war fehlten irgendwie zwei Personen an besagtem Tisch. Der Kommandant sagte mir, dass der Sportoffizier und seine Freundin gegangen seien um die Kleider zu wechseln ....... und grinste mich viel versprechend an.

Nun, die Rekrutenschule war zu Ende. Wir bekamen zu letzten Mal eine Gratisfahrkarte für die Bahn und so fuhr ich wieder nach Hause. Körperlich top fit und um ein paar wertvolle Erfahrungen reicher.