Die Lehrabschlussprüfung

 

Die Zeit verging im Fluge und die Lehrabschlussprüfung rückte bedrohlich näher. Die Arbeit an meiner Lehrstelle gefiel mir ausserordentlich doch die Gewissheit dass nun bald der Tag der Wahrheit kam liess sich aus meinem Gehirn nicht mehr verdrängen und ich musste nun dieser Tatsache ins Auge sehen dass auch ich geprüft wurde.

In der Gewerbeschule lösen wir bereits alte Aufgabenbogen von früheren Jahren und ich tigerte an meinem vorherigen Arbeitsplatz, dem Antikenlabor, bei Dr. Dieterle herum, denn er ist, siehe da, mein Prüfungsexperte und für die letzten der sechs Monate meiner Lehre hatte ich meine restliche Zeit wieder dort abzusitzen. Die sechs Monate vergingen wie im Flug. Ich bereitete mich also auf die Prüfung vor. Je mehr gescheite Bücher ich las umso mehr hatte ich das Gefühl dass ich eigentlich von nichts eine Ahnung hatte. Eines Tages war es halt so weit.

Zuerst kam die praktische Prüfung. Mein Ex-Chef gab mir ein Blatt mit der praktischen Aufgabe. Was ich las gefiel mir überhaupt nicht, aber auch wirklich nicht. Ich musste einen Schaltplan zeichnen für einen Röhrenverstärker, musste diesen auch bauen, ihn in Betrieb nehmen und genau ausmessen und die entsprechenden Parameter als Kurven auf dem Papier verewigen.

Mein Oberexperte, der Graf von Bottmingen, so nennen ihn seine Freunde, fragte mich, ob ich das schaffen werde allein, er müsse nämlich nach Genf an eine Konferenz. Ich versicherte ihm schnell, dass die Aufgabe für mich kein Problem darstelle. Er strahlte und ging. Ich dachte, Gott sei Dank geht der Alte. Geh mit Gott, aber geh und zwar schnell.

Kaum war die Luft sauber schlug ich in einem meiner guten Elektronikbücher nach und fand auch bald einen passenden Verstärker. In Windeseile kopierte ich den Plan ganz genau und schrieb „ Verstärker“ darüber als Titel. Erste Etappe geschafft.

Nun suchte ich die benötigten Komponenten zusammen und baute ein ansprechendes Chassis. Ich montierte alle meine Teile auf dem Chassis, schraube, bohre, löte viele Drähte zusammen bis alles etwa dem Plan entsprach.

Das war nicht so schwer.....dachte ich. Als Krönung stecke ich nun den Netzstecker in die Dose was wohl ein bisschen voreilig war.

Es gibt einen sehr lauten Knall und im Labor wird es dunkel. Ich habe einen Kurzschluss vom Feinsten eingebaut. Meine zwei alten Kollegen krümmen sich vor lachen, ich finde das fies und überhaupt nicht lustig, denn es ist mein Prüfungsstück, mein Meisterwerk, ein Teil meines Stolzes und ich weiss nicht mehr weiter. In meiner Not klemme ich mir das Kunstwerk unter den Arm und eilte zu Roland Best. Nachdem ich ihm mein Leid geklagt hatte, hatte er wohl Erbarmen mit mir und stochert in meinem Kunstwerk herum. Nach kurzer Zeit gab er mir einen neuen Gleichrichter und einen Widerstand zum Einbauen und meinte so sollte es funktionieren. Im Stechschritt eile ich zurück und operiere mein obskure Kiste. Ich stecke sie wieder ein und siehe da, die Röhren leuchten und es knallt nicht mehr. Schwein gehabt. Ich hatte Weihnachtsstimmung.

Ich baute also meine Messgräte auf und finge an, die Verstärkerkurven und den Frequenzgang meiner Höllenmaschine aufzuzeichnen. Was dabei herauskam war nicht nur schlecht sondern einfach unbrauchbar, ich hätte schreien können.......

Ich wollte die verdammte Prüfung aber bestehen und so schaute ich wieder in meinen gescheiten Büchern nach wie die Kurven auszusehen haben. Ich kopierte ganz frech die Kurven vom Buch und meine Prüfungsarbeit war beendet.

Am nächsten Tag kam mein Experte von der Konferenz zurück und fragt mich nach dem Stand der Dinge. Ich bin fertig sage ich und mir war ganz mulmig. Als er mein Kunstwerk noch sehen wollte fühlte ich mich auch nicht besser. Ich zeige ihm den Verstärker, schalte ihn ein. Gott sei Dank leuchteten die Röhren immer noch. Ebenfalls die Augen vom meinem Experten. Ich wurde frecher, zeigte ihm den Plan und die getürkten Kurven. Schööön, meint er.....sehr schön. Er meint er hätte jetzt keine Zeit die Kurven nachzumessen da er wieder an eine Konferenz müsse. Ich soll das Zeug unter den Tisch räumen, er werde die Sachen später kontrollieren.

Mir fiel ein tonnenschwerer Stein vom Herz. Ich räumte zwar unter seinen Augen alles unter den Tisch aber anderntags nahm ich alles wieder auseinander und versorgte die Komponenten im Schrank. Ich war endgültig aus dem Schneider, vorerst wenigstens.

Zwei Wochen später wollte er zwar mein Kunstwerk testen aber ich teilte ihm mit unschuldiger Mine mit, dass ich alles auseinander genommen hätte und die Teile weggeräumt hätte wie er es angeordnet habe. Er machte gute Mine zum bösen Spiel und verliess knurrend das Labor. Praktische Prüfung bestanden.

Am darauffolgenden Freitag musste ich in der Gewerbeschule Basel zur theoretischen Prüfung antreten, zusammen mit vielen, sehr vielen andern Leidensgenossen. Ich klemmte mich also in die Schulbank auf deren Zettel mein Name stand. Mehrere Experten tigerten herum, vereilten die Prüfungsblätter und passten auf, dass nicht abgeschrieben wurde. Die Aufgaben waren nicht alle einfach, es hatte ein paar knifflige Brocken darunter, aber lösbar. Das einzige was mich nervös machte war die beschränkte Zeit. Unter Zeitdruck kann ich nicht gut denken.

Endlich nach vier Stunden war auch diese Tortur vorüber und ich ging mit meinen Kollegen feiern. Es dauerte nun volle vier Wochen bis alle siebenhundertzwanzig Prüfungsresultate beisammen waren und wir zur Rangverkündung in den Hof der Gewerbeschule pilgern konnten. Wir waren siebenhundertzwanzig Prüflinge und der Rektor begann mit der Rangverkündigung. Erster Rang Max Meier, Laborant Biologie....Beifall, zweiter Rang Hans Hess, Laborant Chemie....Beifall, dritter Rang Physiklaborant.....ja ja, mein Name. Ich bekam fast einen Herzinfarkt. Ich, das Landei im dritten Rang von  siebenhundertzwanzig Prüflingen.....Beifall. Ich schlich mich weg und ging ein grosses Bier trinken..... ein sehr grosses.

Anderntags als ich wieder einigermassen nüchtern ins Geschäft kam, wussten schon alle Bescheid und gratulierten mir. Es war natürlich auch ein Sieg meiner Firma und diese liess sich nicht lumpen. Zuerst musste ich zum Oberboss, der gratulierte mir und überreichte mir zwei kunstvolle Bücher, eines mit der Firmengeschichte. Wer aber dann kam und gratulierte das haute mich vom Hocker. Mein alter Labornachbar Doktor Hoffman, Erfinder des LSD und weltberühmt. Er überreichte mir seine Biographie in Buchform und von ihm signiert. Das war wohl das schönste  Geschenk dass ich je bekommen habe, ich war sprachlos. Es gab noch Geschenke von der Personalabteilung in Form von bezahltem Urlaub und eine Einladung ins Restaurant und Weingut Klus. Der Direktor des Weinguts war ein Studienkollege meines Onkels Arnold. Ich sass mit Roland Best, dem Elektronikgenie und seiner Frau, welche aussah wie eine Bardame, an einem Runden Tisch und wir tranken Kluser Wein, dass sich die Balken bogen. Mein Prüfungsexperte Dr. Dieterle konnte es sich nicht verkneifen, mir vor allen Leuten zu sagen, dass ich noch besser abgeschnitten hätte wenn ich mir beim Rechnen mehr Mühe gegeben hätte. Ich habe einen Flüchtigkeitsfehler gemacht aber ich bin eben auch nicht perfekt. So ging auch dieser Tag zu Ende und damit ein wichtiger Abschnitt in meinem Leben. Am Ende der feucht fröhlichen Feier war ich froh, dass icht nicht mehr selber nach Hause fahren musste. Ohne Taxi hätte ich wohl die meisten Abzweigungen verpasst.