Birgit Andersen

 

Ich war nun schon ein Jahr in der Lehre und die Hin- und herfahrerei gefiel mir nicht besonders. Am morgen kam ich meistens zu spät zur Arbeit und meine Vorgesetzten machten immer öfter faule Sprüche über mein spätes Erscheinen und ich hatte deshalb oft auch ein schlechtes Gewissen. Ich machte meiner Mutter klar, dass dieser Stress nun ein Ende haben musste und ich suchte mir ein möbliertes Zimmer in Basel. Ich fand bald ein kleines Zimmerchen bei einer alten Schlummermutter und da ich keine grossen Ansprüche stellte waren wir uns bald handelseinig. Ich meldete mich bei der Gemeindeverwaltung in Trimbach ab und dafür auf der Stadtverwaltung auf dem Spiegelhof in Basel an. Ich war nun ein richtiger Wochenendaufenthalter in Trimbach und war dort somit nicht mehr steuerpflichtig. Es blieb mir auch nicht lange verborgen, dass jeden Freitagabend ein Angestellter der Gemeindeverwaltung auf dem Bahnhof in Olten herumlungerte und Kontrolle machte um zu schauen, ob ich und meine Kollegen wirklich echte Wochenendaufenthalter waren. So streng waren damals die Sitten und so kleinkariert die Gemeindeverwaltung, dass sie scheinbar auf Steuererklärungen von Lehrlingen angewiesen waren. Hätten wir sie betrogen, wären der Gemeinde natürlich Millionen an Steuergeldern verloren gegangen bei unserem gewaltigen Einkommen welches wir als Lehrlinge bezogen.....

Meistens wenn es mir langweilig ist am Abend  gehe ich ins Kino oder ich mache mit Freunden die Kneipentour, je nach momentaner finanzieller Lage. In der Nähe vom Wettsteinplatz gibt es ein Restaurant mit Bar mit Namen Rössliryti, da gehe ich in letzter Zeit gerne hin. Hier spielt ein Pianist auf einer echten Wurlitzer Hammondorgel und ich könnte ihm stundenlang zuhören. Hier gibt es auch Carlsberg Bier welches ich zurzeit besonders bevorzuge. Ich finde, es schmeckt nach grosser freier Welt. Wie ich bald fesststellen durfte, verkehren auch viele Studenten aus Norwegen, Schweden und Dänemark hier und so war es wohl kein Zufall, dass ich nach kurzer Zeit ein nettes Dänisches Mädchen kennen lernte. Sie hörte auf den Namen Birgit. Ihr voller Name war eigentlich Birgit Andersen, wie der Märchendichter Andersen. Sie machte mir aber schnell klar, dass sie mit dem Dichter nicht verwandt sei, denn Andersen gäbe es in Dänemark wie bei uns Müller und Meier. Sie war einen Kopf kleiner als ich, hatte schwarze Kulleraugen und trank auch gerne Carlsberg Bier und ich verliebte mich auf der Stelle in die Kulleraugen. Bald wurde auch ich aufgenommen in die Gruppe der Nordländer und wir sassen zweimal die Woche an einem grossen Tisch und becherten ganz tüchtig. Ich muss schon sagen, es hatte ganz schöne Trunkenbolde darunter, die einiges vertragen konnten, vor allem die Studenten.

Unter der Woche traf ich mich ab und zu mit Birgit. Wir gingen zusammen ins Kino oder in eine Kneipe um etwas zu trinken oder zu essen. Tagsüber war ich beschäftigt und Birgit verdiente ihren Unterhalt als Kindergärtnerin. Sie hatte eine Begabung für das Kunsthandwerk und bastelte wunderschöne Sachen aus Holz im dänischen Stil, meistens langbeinige Vögel. Unsere gemeinsame Zeit verging wie im Fluge und so kam es leider auch, dass Birgits Praktikumszeit in Basel zu Ende war und sie wieder nach Hause musste. Ich brachte sie also eines Morgens im November zum Bahnhof, küsste sie noch ein paar mal kräftig auf ihre weichen Lippen und versprach ihr, dass  ich sie im Sommer ganz sicher besuchen werde, dann entschwand sie leider meinen Augen. Ich schaute dem Zug noch lange nach und fühlte mich einsam wie schon lange nicht mehr. Wir hatten zwar noch kein Intenet aber wir schrieben uns regelmässig längere Briefe.

Ich hatte einen Freund im Geschäft namens Martin und ebenfalls Lehrling. Er arbeitete im selben Gang auf der gegenüberliegenden Seite in einem Labor und er war ein bisschen ein scheuer Typ. Wenn er nicht gerade illegal Sprengstoff oder Aspirin herstellte gingen wir Kaffee trinken und plauderten dies und das. Er wusste zwar schon knapp, dass es zweierlei Sorten Menschen gab, nämlich Männlein und Weiblein aber Freundin hatte er meines Wissens noch keine. Er war noch verklemmter als ich und das wollte etwas heissen. Ich erzählte ihm von meiner Freundin und dass ich sie in Dänemark besuchen wolle. Ich redete und redete auf ihn ein, damit er die Reise zusammen mit mir macht, denn soweit wollte ich alleine nicht reisen. Nicht dass ich Angst gehabt hätte aber ich fand es langweilig allein so weit zu reisen. Er meinte, er müsse die Bewilligung von zu Hause einholen und so zog sich die Geschichte und meine Bemühungen in die Länge. Der Sommer kam und Martin bekam, ich glaubte schon nicht mehr daran, den Segen von zu Hause, sehr zu meiner Erleichterung und so stand unserem Abenteuer nichts mehr im Weg. Geld hatten wir genug, da unsere Lehre anständig bezahlt wurde und obendrein bekam ich noch einen Zustupf von meiner Mutter und Martin ebenso von seinen Eltern. Also schnürten wir unsere Habseligkeiten zusammen, nämlich je eine grosse Reisetasche, kauften uns ein Bahnbillet von Basel nach Flensburg und mit dem Schiff nach Kopenhagen und das Abenteuer konnte beginnen.

Vom Hauptbahnhof in Basel ging es zuerst zum Badischen Bahnhof und dann durch Deutschland Richtung Flensburg. Es war eine sehr lange Reise fanden wir und ich reiste eigentlich zum ersten mal so weit. Langweilig wurde es uns nie weil es viel zu sehen gab auf dieser Reise. In Hamburg machten wir einen Zwischenhalt. Wir trieben uns ein bisschen am Hafen herum und bestaunten die riesigen Schiffe die hier vor Anker lagen. Wenn man davor stand war es als stünde man vor einem Hochhaus aus Stahl.

Wir wollten unbedingt noch im Rotlichtviertel in die Herbertstrasse denn ich hatte allerlei Schauermärchen von der sündigen Meile gehört.Wir erreichten die Strasse auch bald aber mir war schnell bewusst, dass es nun morgens um vier Uhr war und somit gab es nicht viel zu sehen. Die Strasse bestand teilweise aus vielen schmalen Häuschen mit farbigen Lämpchen in den Fenstern und nackten Frauen auf Plakaten. Manchmal stand eine magere, grell geschminkte Hure im kurzen Röcklein in einem Türeingang, bleich und käsig im Gesicht, weiss Gott kein erhebender Anblick. Da sonst noch ein paar finstere Typen herumlungerten war es uns nicht mehr ganz geheuer und wir machten uns aus dem Staub Richtung Bahnhof. Kurz darauf holperten wir weiter Richtung Flensburg und von da aus weiter nach Aarhus. Nach einer wirklich langen Fahrt kamen wir dort auch an und meine Birgit wartete schon am Bahnhof. Vor lauter Wiedersehensfreude hob ich sie hoch und wir drehten uns im Kreis herum.

Aarhus ist ein wunderschönes Fischerstädtchen. Birgit führte uns ausserhalb zu einem schönen Holzhaus. Da Birgit in Aarhus arbeitete wohnte sie auch hier und sie hatte für uns zwei Zimmer gemietet. Die Hausdame war eine nette Frau und bewirtete uns sogleich mit vielen guten Sachen. Wir sassen, assen und tranken etwa eine Stunde lang, verstauten unseren Krempel und zogen nach Aarhus um das Städtchen zu bewundern.

Birgit hatte einen Onkel hier in Aarhus. Er wohnte im Städtchen in einem bunt bemalten Reihenhäuschen. Wir waren zum Abendessen eingeladen und der Fischer und seine Frau waren wirklich sehr nette und gastfreundliche Leute. Kaum hatten wir an dem grossen Holztisch Platz genommen wurde schon eine riesige Platte mit gebackenen Flundern aufgetragen. Dazu gab es Kartoffeln und süssen Gurkensalat. Die Dänen liebten es scheinbar ihren Gurkensalat mit Zucker zu essen. Anfangs konnte ich das Zeug kaum essen aber mit der Zeit wird man richtig süchtig danach. Das ging so weit dass ich anschliessend, wieder zu Hause, meine Mutter tyrannisierte bis sie mir auch Gurkensalat mit Zucker machte. Zu trinken gab es Dänisches Bier, ich glaube sie nannten es Oel.

Es lief auch den Hals herunter wie Oel. Zum Bier gab es Aquavit. Das ist so eine Art Kümmelschnaps. Schmeckt unheimlich gut und wird in gefrorenen Gläschen serviert. Wir mussten hällisch aufpassen, dass wir vom Essen nicht allzu besoffen wurden. Ich vertrug zwar wesentlich mehr als mein Freund aber auch ich beginne mit der Zeit zu torkeln. Nach dem Essen bedankten wir uns herzlich bei den Fischersleuten. Mein Freund war schon so belämmert dass er zum Abschied Sophus küsste ....... das war der Hund des Fischers. Alle lachten schallend.

Vollgefressen und glücklich torkelten wir nach Hause. Mein Freund fiel in sein Bett und ich kroch mit Birgit in ihr Bettchen. Ich fingerte zwar ein bisschen an ihr herum aber erstens war ich total unerfahren was sex anbelangte und ich wusste nich was zu tun war, abgesehen davon dass es stockdunkel war und ich noch beschwipst und nichts sah. Anderseits war ich sowieso zu blau um mich richtig zu beteiligen. Bald schliefen wir beide ein unde am Morgen wachte ich auf mit Birgit im Arm. Es war ein schönes Gefühl, dass ich so bis jetzt so nicht kannte. Gut, meine Mutter nahm mich manchmal, wenn auch selten, in die Arme. Aber das war mir aus einem unerfindlichen Grund immer unangenehm und ich befreite mich so schnell wie möglich.

Wir klopften Martin aus dem Zimmer und pilgerten in die Küche wo unsere Vermieterin bereits das Frühstück auf dem Küchentisch aufgebaut hatte. Welche Köstlichkeiten. Es gab frisches Brot, gesalzene Butter, Konfitüren und eine ganze Sammlung von verschiedenen Käsen. Besonders einer hatte es mir angetan. Es war ein hellbrauner Block und er schmeckte nach Karamel, ein Traum.

Es war ein schöner Tag und wir machten uns auf um die Umgebung zu erkunden. Es war zwar alles flach aber irgendwie erinnerte mich die bewaldete Landschaft an den Jura. Die Gegend war dünn besiedelt. Die Leute trieben Landwirtschaft, waren Fischer oder manchmal auch beides. Ich wollte unbedingt fischen gehen. Also führte uns Birgit zum Hafen nachdem ich vorher meine beiden Angelruten und das Zubehör eingepackt hatte. Am Hafen angekommen sprach mich ein Mann an. Er meinte er hätte furchtbar Kopfweh und er brauche fünf Kronen um Aspirin zu kaufen. Ich gab ihm fünf Kronen aber Birgit meinte nachher dass es ein Alkoholiker war der Schnaps brauchte. Na dann .....prost. Soll mir auch recht sein.

Ich machte meine Begleiter auf eine weitere verlotterte Gestalt aufmerksam welche durch den Hafen schlenderte. Birgit lachte und sagte, schau mal wo er hin geht. Ich schaute sie fragend an und der Gestalt hinterher. Er marschierte der Pier entlang. Nicht lange danach fischte er einen Schlüssel aus der verlotterten Hosentasche, kletterte auf die grösste Jacht die am Pier festgemacht hatte. Kurz darauf heulten zwei scheinbar riesige Motoren auf und die Jacht legte ab. Ich hatte wieder etwas gelernt. Beurteile die Leute nie nach ihrem Aussehen.

Inzwischen waren wir am Ende der Mole angekommen und ich präparierte unsere beiden Angelruten für die bevorstehende Jagd. Zuerst versuchten wir unser Glück an der Mole denn ich hatte schon vorher ein paar grosse Aale auf dem Grund bemerkt welche sich hin und her schlängelten auf der Futtersuche nach toten Fischen. Da sie aber keine Anstalten machten unsere Köder zu schlucken verleidete mir die Fischerei bald und wir packten unsere sieben Sachen zusammen und zogen weiter Richtung Leuchtturm welcher sich an der Spitze oder besser gesagt am Ende der Mole befand. Da es hier sowieso immer windete bildeten sich auf dem Wasser leichte Wellen. Birgit meinte weiter aussen könne man vielleicht Flundern fangen. Wir waren sofort Feuer und Flamme und warfen unsere Angel so weit wir konnten. Da wir vorher ein grösseres Stück Blei montiert hatten gelang uns dies auch. Wir warteten geduldig. Ich sah wie mein Korkzapfen plötzlich einen Hechtsprung zuerst über Wasser dann unter Wasser machte. Also zog ich mal kräftig an meiner Fischrute und ich spürte einen heftigen Widerstand. Ich hab einen, ich hab einen, schrie ich und begann meine Leine einzuholen. Was da daher kam war eine flache grosse prächtige Flunder. Ich hatte meine Beute noch nicht aus dem Wasser, da schrie Martin auch schon und mühte sich mit der Angelrute ab. Nun ging es Schlag auf Schlag und nach einer guten Stunde hatten wir sechs respektable Fische in unseren Plastiktaschen welche wir uns vorher extra für die Fischerei besorgt hatten. Da wir ja keine Küche hatten brachten wir unsere Fische der Vermieterin. Sie war hoch erfreut ob dem plötzlichen Fischsegen denn Flundern waren auch in Dänemark nicht billig. Am Nachmittag machten wir einen Ausflug zu Birgits Eltern. Es waren Farmer und ihre Mutter paffte gerade eine dicke Zigarre. Ich wollte unbedingt die Farm anschauen und so zogen wir zu dritt los. Ich schob den Kinderwagen mit dem Säugling von Birgits grossem Bruder. Ich hatte allerdings nicht mit den faulen Sprüchen ihrer Freundinnen gerechnet welche wir auf unserem Spaziergang trafen. Ich verstand ja kein Dänisch aber ich bin ja nicht blöd und bekam schon mit was gemeint war. Ich machte gute Mine zum bösen Spiel und drängte auf Weitermarsch. Die Farm von Birgits Eltern war nicht riesig aber gut gepflegt. Es reichte halt gerade so zum überleben.

So lief und zerrann die Zeit schnell. Birgit zeigte uns noch das Städtchen Odense. Odensee war nicht mehr bewohnt. Es war der einstige Wohnort von Christian Andersen, dem Märchenauthor. Ganz Odense war ein Freilicht-museum vom feinsten. Man konnte das Wohnhaus von H.C. Andersen besichtigen und all die Geschäfte. In den Schaufenstern waren noch alle Waren ausgestellt wie früher. Es war schön anzuschauen all die bemalten Gipsbrote und Gipskuchen in den Bäckereien und all die aufgestellten Leute in ihren Trachten.

Dänemark ist ein schönes Land aber für mich war es eine andere Welt.

Es kam wie es kommen musste. Eines Tages mussten wir wieder unsere Koffern packen und uns auf die Heimreise machen.

Mit Birgit pilgerten wir zum Bahnhof von Arhus wo unser Zug nach Kopenhagen bereits wartete. Es war ein wehmütiger Abschied. Wir umarmten uns und versprachen nächstes Jahr wieder zu kommen.

Ich war mir da aber insgeheim nicht so ganz sicher denn ich hatte die Bekanntschaft mit einer Freundin von Birgit gemacht die in Kopenhagen Chemie studierte und aus Norwegen kam. Die Adresse hatte ich auf jeden Fall im Koffer neben meinen zwei Flaschen Aquavit.

Die Rückreise verlief ohne nennenswerte Ereignisse und so mussten wir halt am übernächsten Tag unsere Lehrstelle wieder antreten. Unsern Freunden und Kollegen hatten wir viel zu erzählen wobei wir auch manchmal mit unserer Fantasie ein bisschen nachhalfen.