Ich werde Physiklaborant

 

 

Jedermann muss nach Beendigung der Schule irgend etwas machen um weiterzukommen …..studieren oder eine Lehrstelle suchen oder ….er sei denn Sohn von Beruf, ich habe leider nicht das Glück  und zum Studieren bin ich nicht helle genug……. hat mein Klassenlehrer wenigstens gesagt und der musste es ja wissen denn er hatte mich erst gar nicht angemeldet für die Aufnahmeprüfung an die Kantonsschule welche sich zur damaligen Zeit in Aarau befand. Schade, ich wäre so gerne Physiker geworden. Aber eben, ich bin zu blöd um zu studieren.

Ich, besser gesagt meine Mutter meldet mich nun also bei einem Berufsberater an, denn ich habe keine Ahnung was ich nun lernen soll. Pfarrer, Kapuzinermönch, Militärpilot, Lehrer, Elektriker und Kunstmaler…. alles habe ich schon in Betracht gezogen und  wie gesagt, zum Studieren bin ich scheinbar nicht geeignet. Auch hatte ich damals, ehrlich gesagt, im Moment die Nase voll von der Schule. Ausser meinen Erinnerungen an die Tanzstunden in der Turnhalle mit den Mädchen.  An jene Momente in welchen der Turnunterricht manchmal in Tanzunterricht umgewandelt wurde, was ab und zu vorkam. Diese schöne Erinnerung erfreut mich noch heute. Denn dann durften wir mit den Mädchen zusammen in die Turnhalle pilgern. In einer Ecke plärrte dann das Grammophon vom Musiklehrer und posaunte die letzten Hits aus seinem Lautsprecher in der grösstmöglichen Lautstärke natürlich, so dass wir das Gefühl hatten, wir seien in einer Disco. Was eine wirkliche Disco war wussten wir natürlich noch nicht zu dieser Zeit. Keiner von uns war bisher je in einer Disco gewesen. Zwei unserer Lehrer konnten, wenigstens für meinen Begriff, hervorragend tanzen und fungierten als Tanzlehrer. Die Mädchen putzten sich für diesen Anlass besonders schön heraus und ich kam mir vor wie im Himmel wenn ich ein hübsches Mädchen in den Armen halten konnte. Bei der Damenwahl traute ich kaum zu atmen, in der Hoffnung meine heimliche Liebe würde mich zum Tanz auffordern was auch schon mal vorkam. Marianne hiess sie, hatte lange rote Haare, die schönsten langen roten Haare welche es überhaupt geben konnte, wenigstens für mich. Warum wählte sie mich, mich mit meinen zwei linken Füssen und so schüchtern, dass ich mein Gegenüber kaum anzuschauen wagte. Ich wünschte mir in diesen Momenten, der Tanzunterricht würde ewig dauern denn anschliessend fühlte ich mich immer ganz glücklich. Man konnte über unsere Lehrer sagen was man wollte, aber hier waren sie der Zeit um zwanzig Jahre voraus. Sogar der Pfarrer billigte diese Aktionen, denn es kam ab und zu vor, dass wir mit dem Vikar aufs Land fuhren. Mit Hilfe des Stadtomnibusses natürlich, eine Kneipe überfielen und er uns im Säälchen eine oder zwei Stunden tanzen liess zum Geschäpper der Musikbox. Auch wenn wir mal ein kleines Bier bestellten schaute er gnädig weg oder er bezahlte es sogar selber. Das nur so nebenbei.

Ich fahre also zum anberaumten Termin nach Olten in die Stadt und besuche den Berufsberater. Er hat sein Büro an der Baslerstrasse in einem neueren modernen Gebäude im vierten Stock, direkt an der Hauptkreuzung, neben der Busstation. Scheint mir ein netter Mann zu sein. Etwa fünfzig Jahre alt mit angegrauten Schläfen. Er führt mich in ein hübsches kleines Büro und gibt mir Bleistift, Lineal, Papier und lässt mich einen Baum zeichnen. Ich habe mich im Voraus über Eignungstests ein bisschen schlau gemacht in der Stadtbibliothek und verpasse dem Baum riesige Wurzeln und einen kräftigen Stamm. Es scheint ihm zu gefallen was ich zeichne, dem Psychologen. Wenn der wüsste, dass ich ihn nur verarsche. Ein Stapel Blätter mit vielen Zahnrädern welche ineinander greifen wird mir anschliessend gereicht und ich soll auf jedem Blatt herausfinden, in welche Richtung sich das letzte Zahnrad in der Kette jeweils dreht. Auch diese Aufgabe ist zu bewältigen, vorausgesetzt man kann auf zwei zählen und man weiss was links und rechts bedeutet. Nachdem ich alle Blätter scheinbar mit Bravour erledigt habe geht es auf zum berüchtigten Rohrschachtest. Es sind lauter Tafeln mit Farbkleksen verschiedener Formen und Farben, zum Teil spiegelbildlich, bei denen man genötigt wird, etwas Vermeintliches zu erkennen wie eine Hexe, eine Kartoffel, eine Wolke oder was auch immer. Nachdem ich meinem Berufsberater erklärt habe, ich sähe einfach nur Farbklekse und Tintenklekse auf dem Papier, schaut er mich böse an und bringt mir eine Rolle Draht und eine Zange. Er lässt mich Männchen biegen, einen Kreis und ein Dreieck.

Nach etwa anderthalb Stunden ist der Stress für den Berufsberater vorbei. Der Psychologe sammelt alles ein und ich warte auf das Resultat meines Intelligenz- und Eignungstestes, weche ich ebenfalls über mich ergehen lassen musste, in Form vieler Fragebögen, welche ich zum Teil sogar in einer vorgeschriebenen Zeit ausfüllen musste. Buchstaben einsetzen, Wörter ergänzen und Tafeln mit Symbolen vervollständigen. Nach einer weiteren Stunde setzt sich der Berufsberater wieder zu mir und meint, ich hätte die verschiedenen Tests gut überstanden. Mein Intelligenzquotient betrage ungefähr 138, das war für mich kein wirkliches Mass welches ich mit etwas anderem vergleichen konnte und wie er darauf kam ist mir jetzt noch nicht klar, und ob ich nicht studieren wolle, es gäbe da viele Möglichkeiten. Ich mache ihm klar, dass ich zum Studieren zu blöd sei, das hätte mein Lehrer schon herausgefunden und die Prüfungstermine für die Kantonsschule seien nun für dieses Jahr auch schon vorbei und ich hätte im Moment die Nase voll von Schule. Er schüttelte kurz den Kopf und meinte dann, als Beruf für mich wäre Bauzeichner oder etwas ähnliches gut geeignet. Es sei ein sauberer Beruf und er werde auch ganz gut bezahlt, momentan.

Bei mir läuteten die Warnglocke, denn ich hatte kurz zuvor zufällig in der Zeitung gelesen, dass momentan ein grosser Mangel an Bau- und anderen Zeichnern bestand, das war doch irgendwie ein seltsam verdächtiger Zufall. Ich bat meine Mutter also den Berufsberater wechseln zu dürfen und diesmal schien ich bei ihr mehr Glück zu haben. Nachdem mir der neue Berufsberater lang und breit mehrere Berufe vorgestellt hat wurde ich fündig. Physiklaborant schien mir dem Physiker am nächsten zu stehen und somit fing ich an, im Akkord Bewerbungen zu schreiben, als Alternative fügte ich meinem Wunsch noch Chemieaborant hinzu, was aber eher eine Notlüge war um meine Chancen vorgeladen zu werden zu verbessern. Es sah bald so aus, als würden alle Schweizer Pharma- und Chemiefirmen nur auf mich warten. Es war eben Goldgräberzeit. Ich bekam viele Zuschriften und Einladunden für ein Vorstellungsgespräch, sogar telefonisch wurde ich heimgesucht. Somit fuhr ich also von Firma zu Firma um die gewünschten Aufnahmeprüfungen und Tests zu absolvieren. Ich füllte Formulare und Bogen aus mit Fragen und liess Vorstellungsgespräche über mich ergehen. Die Prüfungen waren im Grunde genommen alle recht einfach. Meine letzte „Kandidatin“ auf der Liste war die Firma SANDOZ AG in Basel. Ich wurde von einem Fachmann der Firma wirklich sehr gut beraten. Er erklärte mir die Unterschiede der verschiedenen Laborantenberufe und deren gab es viele. Bald war uns beiden klar, mein Beruf war nicht dabei….also erfanden wir ihn, besser gesagt natürlich er. Das Resultat unserer Recherchen war, dass ich Elektroniker werden sollte. Es stand aber nur der Beruf des Physiklaboranten zur Verfügung und auch von diesem gab es keinen Lehrplatz im Moment  bei der Firma Sandoz. Ich war der zweite Lehrling in deren langen Firmengeschichte welcher diesen Beruf ergreifen wollte. Ich einigte mich also mit dem Herrn von der Personalabteilung und unterzeichnete einen Lehrvertrag der mir ermöglichte fast alle Bereiche des Laborantenberufs auszuprobieren. Ich  begann mit einer Lehre von welcher ich heute noch behaupte, dass sie jedes adäquate Studium in den Schatten gestellt hätte, soweit man die Vielfalt meiner Ausbildung betrachtete, denn die vorhandenen Labors hatten mit wenigen Ausnahmen einen Spitzenplatz in der Forschung und ich wurde überall herumgereicht um verschiedene Forschungsbereiche zu entdecken und ein bisschen mitzuarbeiten.

Für mich begann nun eine gemischte Erfolgsgeschichte. Da ich noch zu Hause in Trimbach bei meiner Mutter wohnte musste ich nun jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen und anschliessend mit dem Fahrrad oder dem Omnibus nach Olten auf den Bahnhof hetzen, damit ich den Schnellzug nach Basel nicht verpasste. Es war bei Gott eine harte Zeit da ich nun mal kein Frühaufsteher bin. Ich lernte aber nette Kollegen und Kolleginnen kennen bei meinen Eisenbahnfahrten zur Arbeit  welche das gleiche harte Los hatten wie ich und wir wurden eine gute Truppe. Manchmal hatten wir es lustig im Zug, manchmal dösten wir einfach vor uns hin. Manchmal unternahmen wir am Wochenende etwas zusammen. Am Bahnhof in Basel bestieg ich dann das Tram Nummer sieben und ich fuhr Richtung Voltaplatz zu meinem Arbeitsplatz. Für mich war alles neu und aufregend, für mich Landei.

Zuerst musste ich ins Büro der Personalabteilung um ein Formular oder auch zwei, ich weiss es nicht mehr genau, auszufüllen. Ich war so aufgeregt, dass ich, als mich Frau Utzinger, so hiess die Sekretärin und rechte Hand des Personalchefs, nach meinem Geburtsdatum fragte, sagen musste ich hätte mein Geburtsdatum vergessen und ich müsse zuerst zu Hause nachschauen. Das Resultat war schallendes Gelächter im Büro und ein roter Kopf meinerseits. Ich schämte mich masslos. Nun, ich lieferte das gewünschte Datum später nach. Frau Utzinger war auch allein erziehende Mutter wie meine Mutter. Sie lud mich später zu sich nach Hause ein und ich freundete mich sogar mit ihrer Tochter an. Doris hiess sie, hatte krumme Beine wie ein Cowboy, war eher klein aber furchtbar nett und machte immer lustige Sprüche.

Also Frau Utzinger telefonierte kurz und bald darauf wurde ich abgeholt von einem mageren Kerlchen welches Paul hiess. Er war das Laborfaktotuum wie ich bald merkte.

Ich arbeitete in einem relativ grossen uralten Labor, welches gleichzeitig als Büro und Labor diente und ein mechanisches Werkstättchen war ebenfalls angegliedert im unteren Stockwerk. Mein Chef hiess Doktor Wiedemann und kam aus Deutschand, was unschwer an seiner Sprache zu erkennen war, aber wohnen tat er in Riehen. Da waren auch Herr Laforce der Elektroniker, Radioamateur und Jazztrompeter wie sich später herausstellte und er konnte auf einem gewöhnlichen Metallrohr Trompete spielen. Herr Madörin der Feinmechaniker und Eishockej-Schiedsrichter der Nationalmannschaft, Herr Steffen der Fotolaborant und nicht zuletzt Paul Brüderlin, das Faktotuum und Mädchen für alles gehörten ebenfalls zum Team.

Meine Aufgabe war es anfänglich, überall zuzuschauen und Pauli zur Hand zu gehen. Zuerst am Morgen musste ich mit Pauli im Areal herumwandern um Nachschub für unsere Lösungsmittel welche wir in grossen Mengen brauchten zu holen um die Lagerflaschen aufzufüllen. Natürlich alles ohne Atemschutz und wir atmeten dabei natürlich die giftigen Dämpfe von Pyridin Benzol, Chloroform, Aether und noch vieles andere ein. Oder  oder im Metalllager mussten wir Stahl und Messingstangen für Madörin zu besorgen oder der Chef schickte mich mit irgendwelchen Päckchen oder Dokumenten zur Post. Nicht selten musste ich für den Chef auf die Kasse eilen um Reisespesenvorschuss zu holen oder um die Reisespesenabrechnung zu bringen und danach dem Chef das Geld auszuhändigen. Ein älteres nettes Fräulein bediente meistens die Kasse hinter der dicken Glasscheibe. Guten Tag Frau Vogler sagte ich immer, wenn ich bei ihr etwas zu besorgen hatte. Nun, Vogler sollte man nicht unbedingt heissen denn in unserem Labor wurden dauernd Witzchen gemacht über die Jungfer. Es kam wie es kommen musste. Mein Chef schickte mich wieder einmal Reisespesenvorschuss holen und wie gewohnt pilgerte ich zur Kasse. Ich trat ein und posaunte fröhlich guten Morgen Frau Wichser. Betretenes Schweigen breitete sich im Schalterraum aus. Frau Vogler bekam einen  roten Kopf, ich nicht minder. Ich wusste sofort, dass ich den Ulknamen verwendet hatte. Ich Idiot hätte nur das Schildchen am Schalter zu lesen brauchen ....zu spät. Frau Vogler hatte sich aber schnell wieder gefangen. Sie liess sich nichts anmerken, fragte mich freundlich, was ich gerne hätte und ich stotterte mein Anliegen zusammen. Sie ahnte wohl, dass man mit mir ein übles Spiel  getrieben hatte und ich nicht allein an der momentanen Misere schuld war. Kaum hatte ich das  verdammte Geld bekommen verliess ich fluchtartig den Schalterraum.

Um neun Uhr musste ich jeweils mit Pauli für die ganze Mannschaft Schwarztee kochen und natürlich vorher am Kiosk für alle Arbeitskollegen die verschiedenen Sandwiches, Nussgipfel, Wurst und Brot mit Senf besorgen und die  gewünschten Zigaretten einkaufen.

Viel Gescheites hatte  ich eigentlich nicht zu tun an meinem Lehrplatz, ich war eher ein billiger Hilfsarbeiter oder eine überbezahlte Putzfrau, je nachdem von welcher Seite man die Situation betrachtete. Gut, ich verdiente im ersten Lehrjahr 380 Franken im Monat und das war enorm viel Geld zur damaligen Zeit, sehr viel. Aber Geld war nicht das richtige und alleinige Mittel um meine Ziele zu erreichen. Nach dem ich ein Jahr mehr oder weniger herumlungerte war mir todlangweilig.

Was wurde eigentlich in „meinem“ Labor gemacht? Nach und nach kam ich dem Geheimnis auf den Grund. Mein Chef entwickelte ursprünglich ein Verfahren um Alpha- und Betachlorophyll zu trennen und zu isolieren, das war aber vor meiner Zeit und man hat mir einfach davon erzählt.

Nun wurde in dem Labor eine superschnelle, streng geheime „Ultrazentrifuge“ gebaut, welche in der Lage war verschieden schwere Eiweissmoleküle dank den grossen Fliehkräften welche in der Zentrifuge erzeugt wurden zu trennen. Zu diesem Zweck bauten „wir“ eine Zentrifuge, welche die Moleküle auf doppelte Schallgeschwindigkeit beschleunigte,und das auf einer Kreisbahn von 25 Zentimeter Durchmesser.Bei dieser riesigen Zentrifugalkraft wurden die verschiedenen Eiweissmolekülgemische regelrecht auseinander gerissen, je nach ihrem Gewicht verschieden schnell. Da alles top secret war, wurden alle Teile selbst hergestellt. Riesige elektronische Röhrenverstärker, welche den Titanrotor beschleunigen sollten, welcher wiederum die Proben beherbergte, eine komplizierte Schlierenoptik, welche es ermöglichte, bei laufendem Rotor die Moleküle zu beobachten und eine fotografische Einrichtung,  um alles im Bild festzuhalten. Ich hatte also das Glück vier Disziplinen der Technik zu erlernen. Ich schaute Herrn Laforce zu, wie er die Verstärker zusammenbaute und lernte schon mal ein bisschen etwas von Elektronik und durfte mir ab und zu die Finger am Lötkolben verbrennen.

So lernte ich auch den ersten Transistor kennen, ein kleines schwarzes Kügelchen mit drei Drahtbeinchen. Prompt begann ich zu Hause ebenfalls zu basteln, mit mehr oder weniger Erfolg, eigentlich eher mit weniger, denn ich war eher der Denker als der Bastler und am nötigen Kleingeld um alle gewünschten Teile zu kaufen fehlte es mir auch. Elektronikkomponenten waren zu dieser Zeit sündhaft teuer und für  mich fast unerschwinglich.

Bei Herrn Madörin schaute ich zu, wie eine Drehbank und eine Fräsmaschine funktionierten, daran üben durfte ich allerdings nicht oft. Er behauptete immer, dass ich mit meinen Schweissfingern alles rostig machen würde und  ganz unrecht hatte er damit leider nicht. Ich hatte nicht nur üble Schweissfüsse sondern eben auch noch dauernd verschwitzte Greiferchen. Mein Chef hingegen erklärte mir, wie man eine einfache Optik berechnet und das war schon interessant für mich. Ebenfalls durfte ich Herrn Steffen im Fotolabor helfen und ich lernte schnell, wie man Fotos entwickelt und vergrössert, auch in Farbe, aber das alles war für mich nur ein kleiner Wissenstropfen auf den heissen Stein meiner Neugierde. Nun, nach nicht ganz einem Jahr fragte mich eben mein Lehrlingsbetreuer  von der Personalabteilung wie es mir so gefallen würde in meiner Lehre. Ich klagte ihm, obwohl ich ja recht scheu war, mein Leid und erzählte ihm, dass mir eigentlich wenig beigebracht würde, ausser sauber zu putzen. Das hörte er aber gar nicht gerne und kurz darauf war bei uns der Teufel los. Nun, ich packte unter Geleitschutz meine sieben Sachen zusammen und wechselte zu einem neuen Chef ins Elektrolabor. Mein neuer Boss hiess Dr. Dieterle, er war Oberst in der Schweizer Armee und somit mehr abwesend als anwesend und bei seinen zwei Mitarbeitern lernte ich alles, was man über elektrisches Isolationsmaterial und Hochfrequenzmessungen an selbigem lernen kann. Ich hatte nun eine eigene Drehbank und eine Fräsmaschine zur Verfügung an welcher ich auch arbeiten durfte und ich fing an, meine Lehre zu mögen. Ich begann vorhandene Messeinrichtungen zu verbessern  und neue zu konstruieren, zuerst zaghaft und dann immer frecher, immer nach Ideen meines Chefs, welcher Elektroingenieur war und einen Doktortitel hatte. Ich merkte schon, dass mein neuer Chef mich sehr unterstützte und mochte. Aber er war eben ein Tyrann, ein Oberst wie aus dem Bilderbuch. Wer nicht seiner Meinung war, hatte schlechte Karten und ich habe ihm leider billig einen Teil meiner Seele verkauft, indem ich ihm immer und überall recht gegeben habe , auch wenn ich mir ganz sicher war dass er nicht recht hatte.  Es war irgendwie wie ein Pakt mit dem Teufel. Er hatte meine Seele gemietet und dafür hat er seinen Goldsack über mir ausgeschüttet. Ich schäme mich heute noch dafür und rate jedermann, ja nie seine Seele zu verkaufen weder gegen Geld, Erfolg oder Ruhm oder sonst noch was, denn die Quittung dafür bekommt man früher oder später immer präsentiert, ich machte da keine Ausnahme.

Mit dem zweiten Lehrjahr begann für mich auch die Berufs- und Gewerbeschule. Das erste Lehrjahr war so zu sagen ein Schnupperjahr, genannt Vorlehre. Da es für meine Disziplin noch keinen speziellen Unterricht gab, musste ich einerseits mit den Radioelektrikern, anderseits mit den Chemielaboranten die Schulbank in der Gewerbeschule drücken. Nun, der Unterricht mit den Radioelektrikern war sehr interessant, enthielt viel Mathematik und Physik aber mit den Chemiefritzen wurde ich nicht so recht warm. Zwischen Theorie und Praxis klafften riesige Lücken und so sehr man etwas berechnete, irgend eine Komponente musste man immer  im Überschuss zufügen, sonst klappte es nicht mit der Chemie und das erwartete Resultat blieb aus.

Es gab da noch eine Pflichtübung und die hiess Lehrlabor. Ich wurde mit den Chemielaboranten in eine Gruppe eingeteilt und hatte im Lehrlabor zu meinem Unmut chemische Experimente nach Vorschrift durchzuführen, mit Laborjournal und allem was scheinbar dazu gehörte. Allein das Wort Vorschrift hatte auf mich schon eine abschreckende Wirkung und ich hatte, wie man heute sagen würde, keinen Bock auf diese Arbeiten denn Chemie war für mich ein Buch mit sieben Siegeln und kam gleich hinter Latein lernen. Eine Zeitlang machte ich gute Mine zum bösen Spiel und versuchte, wenn auch wiederwillig meine Experimente „nach Plan“ durchzuführen . Nun, es war wieder einmal Donnerstag Nachmittag und ich quälte mich ins Lehrlabor. Die Aufgaben wurden ausgeteilt und ich sollte mit irgend einer Chemiesuppe eine Wasserdampfdestillation durchführen. Ich baute also die ganze Anlage in meiner Kapelle, so heisst dass verglaste Sicherheitshäuschen aus Glas und Holzrahmen, welches bei den Experimenten einen gewissen Schutz bieten sollte auf. Ich begann also mit meiner Wasserdampfdestillation , füllte die „Suppe“ in den Glaskolben ein, gab ein paar Siedesteichen dazu in den Kolben und stellte den Sicherheitsthermometer auf die  vorgeschriebenen 184 Grad ein und startete die Heizung. Lief alles wunderbar. Es zischte und blubberte bald, dass es eine Freude war, wie in Omas Konfitürentopf und ich bekam so richtig Freude an der Chemie. Leider hatte ich *vergessen*, dass eine Destillation auch Kühlwasser braucht, ich hatte schlicht und einfach vergessen, das Kühlwasser einzuschalten. Das war aber kein grosses Problem, denn meine  Destillation meldete sich von selber. Auf einmal gab es einen riesen Knall und die halbe Kapelle flog mir um die Ohren und das Lehrlabor war übersät mit Glasfragmenten. Es sah aus als hätte ein Terrorist eine Handgranate ins Lehrlabor geworfen. Gott sei Dank wurde niemand verletzt. Der Laborleiter kam kreidebleich angeschlichen und wollte wissen was los war, denn er hätte meine Destillation natürlich vor dem Start kontrollieren müssen. Ich erzählte ihm wahrheitsgetreu, dass ich das Kühlwasser nicht eingeschaltet hatte, weil mir jegliches Gefühl für Chemie fehlen würde und ich es darum vergessen hätte.

Der langen Rede kurzer Sinn : Ich wurde sofort auf Lebenszeit aus dem Lehrlabor verbannt und meine Karriere als aktiver Chemielaborantenlehrling war somit für immer beendet, Gott sei Dank.

Nach der Gewerbeschule zog ich oft mit meinen Kumpels durch die Stadt. Wir tranken irgend in einer Kneipe, welche ich unterdessen fast alle kannte, ein Bier oder es kam uns irgend ein Schabernak in den Sinn, welchen wir meistens sofort in die Tat umsetzten. So kam es, dass wir zu dritt in der Stadt eine Umfrage für den Radiosender Beromünster machten. Wir gingen also mit unserem Mikrophon von Mann zu Mann und von Frau zu Frau und amüsierten uns köstlich, was die Leute vor unserem Mikrophon so zusammenstotterten. Der Punkt war eben, unser Mikrophon war gar kein Mikrophon sondern ein Elektrischer Rasierapparat dessen Kabel aus meiner Tasche ragte. Es war ein gemeines Spielchen welches wir mit den armen Leutchen trieben, aber es machte uns höllisch Spass und am Abend wälzten wir uns vor Lachen als wir die Fragen und die Antworten rekapitulierten.

Als Ausgleich für den Chemieunterricht durfte ich an der Gewerbeschule für Herr Mangold, den Oberguru der Radioelektriker, als Assistent arbeiten und Experimente vorbereiten. Herr Mangold war noch aktiver Radioamateur und zwar einer der besten seiner Gilde. Eine weitere Etappe meines Ziels hatte ich also erreicht. Ich durfte den Lötkolben schwingen, alte Armeesender zerlegen und Versuchsschaltungen zusammenbauen, ich fühlte mich wie im Himmel nur ein kleines Problemchen kam wieder auf mich zu.

Mein Chef brauchte am Arbeitsplatz  am nächsten Morgen mal ein spezielles Bauteil welches wir nicht am Lager hatten und mein Chef schickte mich ins Elektroniklabor der Pharmaforschung. Ich pilgerte sofort zu dem entsprechenden Gebäude und fuhr mit dem Fahrstuhl in den elften Stock.

Dr. Roland Best stand an der Türe auf dem Schild.

Ich klopfte zaghaft an die Türe worauf es fröhlich „herein“ tönte. Ich öffnete die Türe und mich traf fast der Schlag. Bei uns sah es aus wie im naturhistorischen Museum, hier sah es aber aus wie bei der NASA. Ein sehr sehr grosses Labor mit drei weissgeschürzten jungen Herren, nicht viel älter als ich, so schien mir wenigstens, wurde sichtbar. Der Raum enthielt mehrere grosse Tische und alles war vollgepackt mit Messgeräten, alles nur vom feinsten und teuersten. Das sah sogar ein blutiger Anfänger wie ich. Einer der fröhlichen Herren trat auf mich zu. Roland Best ist mein Name meinte er. Das war alles. Nichts deutete darauf hin dass er wohl eines der grössten Elektronikgenies war, welches die Schweiz zur Zeit zu bieten hatte. Er öffnete eine schmale Schrankschublade und gab mir das gewünschte Bauteil und bot mir einen Kaffee an, mir dem Lehrling, das war für mich ungeheuerlich. Dies zu einer Zeit als in der Chemischen Industrie noch Kleiderregeln und Standesunterschiede herrschten wie in einem afrikanischen Königreich und bei den indischen Kasten.

Ab Vizedirektor galt dunkler Anzug mit Kravatte, ein Akademiker hatte eine weisse Schürze zu tragen. Ein Laborant plus Lehrling stolzierten in der blauen Schürze herum und alle anderen vom niederen Fussvolk, besonders die Handwerker hatten ein blaues Ueberkleid zu tragen. Diese Kleiderordnung wurde überwacht als gelte es den Islam zu verteidigen. Den wahren Grund für diesen Zirkus begriff ich erst später. Es gab nämlich Akademiker, hätte man ihnen die weisse Schürze weggenommen so hätte man sie von einem zurückgebliebenen Laboranten nicht mehr unterscheiden können, ausser an der Gehaltstüte natürlich. Und so schuf man im Laufe der Zeit eine ausgeklügelte Hierarchie ähnlich dem Militär, so dass man immer auf einen Blick sah, wo man sein Gegenüber in der Hierarchie einzuordnen hatte.

Ich plauderte eine Weile mit Roland Best. Dieser führte mich durch seine Räumlichkeiten und erklärte mir alles ganz genau. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er verwendete nicht nur die neusten Bauelemente er schrieb auch noch intelligente Lehrücher darüber. Ich sagte ihm schüchtern, dass ich gerne einmal bei ihm arbeiten würde und zu meinem Erstaunen willigte er sofort ein, mir wurde schwindlig wie immer in solchen Situationen.

Allerdings meinte er, ich müsse das mit der Personalabteilung besprechen aber von seiner Seite aus sei die Sache in Ordnung. Ich bedanke mich herzlich und eilte mit meinem Bauteilchen in unser Antik-Labor. Es war schon eine ganz andere Welt welche ich wieder betrat.

Nun, ein Umstand kam mir nun zu gut. Es was üblich, dass man als Lehrling ab dem zweiten Lehrjahr alle sechs Monate die Abteilung wechseln konnte um Neuland zu entdecken. Ich nahm all meinen Mut zusammen und meldete mich an bei der Personalabteilung und bekam auch sofort einen Termin. Anderntags pilgerte ich also wieder einmal ins Personalbureau und Frau Utzinger fragte mich nach meinem Wunsch. Ich erzählte ihr von meinem Besuch bei der NASA und dass ich unbedingt dort arbeiten möchte und Herr Best sei damit einverstanden. Frau Utzinger öffnete lachend eine Türe und schob mich ins Allerheiligste. Es war das Büro des obersten Personalchefs welcher gleichzeitig ihr Bruder war.......Zufälle gibt es. Sie erklärte ihrem Bruder kurz mein Anliegen, der schaute mich lang an, griff dann in eine Schachtel und zündete sich eine dicke Zigarre an. Nachdem er zwei lange Züge genommen hatte meinte er nur......ist in Ordnung, auf Wiedersehen. Mir blieb das Maul offen stehen und hätte mich Frau Utzinger nicht sanft aus dem Büro geschubst würde ich wohl heute noch mit offenem Maul dort stehen.

Kaum war ich zurück im Antiklabor erwartete mich schon mein Chef. Mir schwante nichts Gutes. Er sagte zu mir nur, „der Oberboss hat gerade angerufen“. Gratuliere, du machst sechs Monate Praktikum im Elektroniklabor. Es haben es schon viele versucht meinte er, aber sie nehmen keine Lehrlinge, du musst aber verdammt gute Referenzen haben. Es geht so, sagte ich und grinste. Er wusste natürlich nicht, dass ich mit Doris, der Nichte des Personalchefs befreundet war.

 Um es gleich vorweg zu nehmen, es blieb nicht bei den sechs Monaten sondern ich arbeitete bis zum Ende meiner Lehrzeit bei Roland Best. Ich verstand nie alles, was dort entwickelt wurde aber denn noch lernte ich unheimlich viel. Nicht nur über Elektronik sondern ich lernte ein Denken ohne Grenzen. Roland Best und ich sassen oft im Sommer auf dem Dach des Hochhauses und diskutierten über zukunftsträchtige Aufgaben und verschiedene auch unkonventionelle und utopische Lösungen. Viel viel später nannte man das dann „ brain storming“ .

Roland Best war auch ein hervorragender Musiker wie ich von einem seiner Mitarbeiter erfuhr. Sein Vater war Klarinettenlehrer am Basler Konservatorium, Roland spielte Klavier. Es kam schon vor dass die beiden ein Konzert gaben am Konservatorium. Dass man sieht was für ein Genie Roland war kann man daran ermessen dass er zwei Jahre vorher den ersten Preis am Zürcher Jazz Festival bekam. Einfach unbegreiflich. Bei der Arbeit sass Roland oft am Tisch und klopfte mit dem Bleistift irgend einen Takt und ich, nicht faul, klopfte mit.

Man hatte das Gefühl dass Roland nie wirklich arbeitete. Ich denke, er war so intelligent, dass sich alles in seinem Kopf lokal abspielte. Er war fast immer guter Dinge, hatte einen Bleistift hinter das Ohr geklemmt und etwas zum knabbern in der Tasche.

Er baute den ersten computergesteuerten Analysencomputer welcher es erlaubte alle bisherigen entwickelten Substanzen vollautomatisch zu analysieren und zu katalogisieren. Es kamen Professoren von vielen Universitäten, auch aus dem Ausland, um sein Werk zu bestaunen. Daneben bekam er zahlreiche Patente für Geräte welche er eher zum Zeitvertreib entwickelte. Man hatte wenigstens das Gefühl es sei so.

Ich denke, er war für diese Firma zu gut. Da er kein Blatt vor den Mund nahm und auch sagte was er dachte machte er sich wohl einige prominente Feinde in der Firma. Da sie ihn nur schlecht abschieben konnten befördeten sie ihn zum Vizedirektor und ketteten ihn an einen Schreibtisch in einem luxuriösen Büro. Auch so kann man Leute kalt stellen wenn man genug Geld hat.