Wir bauen und Grossmutter stirbt

Die Konjuktur blühte in der Schweiz und überall herrschte eine Art Goldgräber- stimmung. Rund um das Bauernhaus mit der Hufschmiede hatten wir noch ein recht grosses Stück Land und das fast mitten im Dorf, sehr zentral gelegen. Rings herum herrschte bereits eine rege Bautätigkeit und meine beiden Onkel hatten scheinbar diesbezüglich auch Visionen.

Immer öfter streckten sie die Köpfe zusammen und beratschlagten was mit dem Grundstück sinnvolles machbar wäre. Da man auf einem Grundstück normalerweise Kartoffeln pflanzt oder ein Haus baut war die Lösung schnell gefunden. Ein Neubau musste her. Grösser und schöner als ihn die Welt je gesehen hatte, nur eben nicht zu teuer.

Nachdem auch meine Mutter zustimmend mit dem Kopf genickt hatte wurde der Dorfarchitekt bestellt.

Eines Abends in der darauffolgenden Woche stattete er uns einen Besuch ab. Er und meine Mutter so wie die beiden Onkel überlegten zusammen, wie das Haus werden sollte. Auch hier war die Lösung eigentlich schnell gefunden weil es auch bei uns Baugesetze gab. Um eine bescheidene Rendite zu erwirtschaften kam nur ein Mehrfamilienhaus in Frage. Das Baugesetz beschränkte die Höhe auf vier Stockwerke und wenn man ein bisschen mischte reichte es für zehn Wohneinheiten und vier Garagen im Untergeschoss. In den obersten zwei Stockwerken wurden zwei Vierzimmerwohnungen geplant. Eine für meine Mutter und mich, zuoberst eine für Onkel Eduard, seine Frau und meine beiden Cousins.

Scheinbar hatte unsere Hausbank viel Geld und der Baukredit war schnell bewilligt. Kurz darauf kam der Architekt wieder mit einem Stapel Pläne. Wir schauten alle auf die Pläne und machten intelligente Gesichter. Ich weiss nicht, ob jemand von uns wirklich eine Ahnung hatte was in den Plänen stand aber wir nickten immer wieder wenn der Architekt etwas vorschlug und so bekam er natürlich schlussendlich auch den Auftrag.

Für mich begann nun eine sehr interessante Zeit denn bald erschienen viele Handwerker. Es wurde ein Kran aufgebaut, Lastwagen brachten Kies und Zement und viele Balken und Bretter für die Schalung. Eine Baracke für die Arbeiter durfte auch nicht fehlen.

Jede freie Minute stoffelte ich auf der Baustelle herum. Im Unterschied zu anderen Leuten durfte ich das, den ich war der zukünftige „Besitzer“ und hatte eben so meine Privilegien. Zum ersten mal in meinem Leben konnte ich mit einem hohlen Kreuz auf der Baustelle herumstolzieren und meinen Freuden Sachen erklären welche ich selber nicht so ganz verstanden hatte. Die meisten schauten mich ehrfürchtig an denn ich gab an wie ein „Wald voller Affen“. Von jetzt an jetzt war ich auch wer..... hatte ich wenigstens das Gefühl.

Der Bau machte schnelle Fortschritte und ich war gerne mit den Arbeitern zusammen. Da der Bauunternehmer Italiener war, auch mit einem noch nicht ganz trockenen Schweizerpass, waren auch die meisten seiner Arbeiter Italiener. Mir gefiel die Atmosphäre auf der Baustelle. Es wurde palavert, geschrien, gepfiffen, geflucht und gelacht. So war kein Tag wie der vorher gehende. Es kam immer wieder neues Material. Ich schaute zu wie man Beton mischte, Fliesen verlegte und der Elektriker Kabel einzog. Das heisst allerdings, es gab überall so viel Arbeit dass meist nur zwei Lehrlinge vom Elektrogeschäft anwesend waren. Auch diese Arbeiten waren bald erledigt. Ich schaute zu wo immer ich konnte und saugte mit meinen Augen alles auf wie ein trockener Schwamm.

Zuletzt kamen die Maler und die Küchenbauer. Es war wohl ein schöner Auftrag wenn man mit einem Schlag zehn Küchen und zehn Badezimmer liefern kann.

Eines Tages war alles fertig und die Farben mehr oder weniger trocken.

Für die folgende Woche meldete sich das Büro der Elektrokontrolle zur Abnahme der Installation an. Als angehender Elektroniker meinte ich, ich könnte auch ein bisschen Elektrokontrolle machen. Ich war stolzer Besitzer eines Phasenprüfers in Form eines Schraubenziehers mit eingebautem Lämpchen. Ich begann also im obersten Stockwerk. Ich stocherte in allen Steckdosen herum. Das wusste ich nun schon, dass die Phase rechts, der Nulleiter links und die Erdung in der Mitte sein musste. Im ersten Stockwerk wurde meine Prüferei jäh und unerwartet unterbrochen. In zwei Badezimmern befand sich die Phase, also der „heisse“ Draht im mittleren Loch der Dose wo eigentlich die Erdung sein sollte. Das schien mir nun doch eine Installation welche vom elektrischen Stuhl nicht weit entfernt war.

Ich lief also zum Elektrikermeister im Dorf und erzählte ihm meine Entdeckung. Irgendwie hatte ich den Eindruck dass er ein bisschen weiss wurde im Gesicht. Er huschte nach hinten ins Lager wo wohl gerade seine Lehrlinge am aufräumen waren und dann hörte ich ihn furchtbar schreien. Ausser „ blöde Arschlöcher“ teilte er noch unfeinere Bezeichnungen aus, aber lassen wir das. Zwanzig Minuten später erschienen die zwei zusammengestauchten Delinquenten auf der Baustelle und reparierten ihren Murks.

Ich habe einige male mit Grossmutter gesprochen und sie gefragt ob sie sich auf die neue Wohnung freue und auf den Umzug. Sie entgegnete mir sie wolle nicht aus dem Bauernhaus zügeln, lieber sterbe sie. Ich habe das weder begriffen noch ernsthaft geglaubt. Der Zügeltermin rückte näher und näher. Vier Wochen vorher wurde Grossmutter plötzlich krank. Ernsthaft krank wie der Doktor meinte. Ihre Nieren stellten die Arbeit ein. Sie konnte zwar ab und zu noch ein Bier trinken wie sich das auch für eine kranke Münchnerin schickte. Aber essen wollte sie nicht mehr. Eine Woche später war sie so schwach, dass der Doktor sie ins Spital einlieferte. Meine Mutter und die Onkels besuchten sie jeden Tag. Eines Abends verlangte sie nach einem Bier. Da der Doktor nichts dagegen hatte besorgte mein Onkel schnell ein Bier. Nachdem sie das Bier zur Hälfte getrunken hatte lächelte sie und starb. Das war kein Zufall, eine Woche vor dem Umzug.

Nun, für mich brach eine Welt zusammen. Eine Welt ohne meine geliebte Grossmutter war keine schöne Welt mehr.

Drei Tage später mussten wir alle sonntäglich herausgeputzt antreten zur Beerdigung. Da ich nebst meinen zwei Cousins der Aelteste war, musste ich zu vorderst vor der Prozession, gleich hinter dem Pfarrer, das Holzkreuz tragen welches nachher am Kopf des Grabes eingerammt wurde bis der Grabstein geliefert wurde. Nicht nur alle Leute waren schwarz gekleidet, es war auch ein besonders schwarzer Tag für mich. Nach der üblichen Grabrede wurden die Teilnehmer der Beerdigung ins Gasthaus „ Zur Traube“ eingeladen zum obligaten Leichenschmaus. Nein, Leichen gab es nicht zu essen aber da ein warmer Tag war bekam jeder einen kalten Fleischteller. Mehrere der Gäste zogen es vor ihr Essen zu trinken statt zu essen. So wurde aus der Trauergemeinde bald eine feucht fröhliche Festgemeinde. Es waren Leute anwesend welche ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte, meine verstorbene Grossmutter wohl auch nicht. Aber eben, essen und trinken waren halt umsonst und so eine Nachricht verbreitet sich wie die Windpocken.

Ich war ob dem Tod meiner Grossmutter sehr traurig. Am liebsten hätte ich geheult aber ich lachte und machte blöde Sprüche. Ich konnte meine Trauer nicht zeigen, ich konnte meine Gefühle überhaupt nie zeigen. Das war und ist mein grosses Problem.

Irgend wann schlichen wir uns weg von der Fress- und Saufgemeinschaft. Anderntags begannen wir langsam unsere Sachen zu ordnen für den Umzug. Viel war es sowieso nicht. Ich bekam meinen alten Kasten wieder und das alte Sofa zügelte auch. Einzig zwei neue Betten wurden noch vom Baukredit finanziert.

 Nach unserem Umzug haben wir das Bauernhaus vermietet .  Unter dem Dach haben wir ein älteres Ehepaar aus Italien einquartiert wie das zu dieser Zeit eben üblich war.

Viele Fremdarbeiter aus Italien und Spanien arbeiteten in der  Schweiz auf dem Bau oder im Gastgewerbe und suchten eine billige Wohnung damit sie möglichst viel von ihrem mageren Lohn nach Hause schicken konnten.
Ein älteres Ehepaar kam in den Genuss der Dachwohnung welche aus zwei Zimmern mit Dachschräge und Holzofen bestanden und einer baufälligen Küche mit Gasherd . Sie war dem entsprechend billig, sogar für unsere Verhältnisse.

Die Leutchen hiessen Lorenzoni und waren waschechte Italiener mit Heiligenbildchen überall an den Wänden und allem was eben so dazu gehörte. In der Wohnung sah es bald aus als würde sie aus einem früheren Jahrhundert stammen. Gehäkelte Decklein überall. Auf dem Stubentisch und auf der Kommode. Herr Lorenzoni hörte nicht mehr gut. Seine Frau erzählte mir später einmal dass ihr Mann das Gehör beim Militär verlor, er war Kanonier im Krieg und so etwas wie Gehörschutz gab es da scheinbar noch nicht für die Kanoniere.
Ich war da oben in der alten Wohnung oft zu Besuch da mir die Stimmung gefiel und ich es irgendwie exotisch fand. Herr Lorenzoni hatte ein Hobby das mir sehr gefiel. Er schnitzte Holz und zwar so kunstvoll dass es ihm niemand zugetraut hätte. Allein mit seinem Taschenmesser schaffte er Dinge die unglaublich waren. Gut, es waren immer Kreuze oder kunstvoll geschnitzte Heiligenfiguren...... eben seinen Vorstellungen entsprechend, aber das Resultat war perfekt. Wir tranken Wein der so dunkel wie Tinte war und nach dem trinken hatte man eine blaue Zunge.
Was mich weiter faszinierte war der Umstand, dass es Tabak kaute. Etwas das ich bis jetzt noch nie gesehen hatte. Er kaute den Tabak lange mit sichtlichem Genuss den ich nicht nachvollziehen konnte um ihn dann in hohem  Bogen in einen Blechbehälter zu spucken der in einer Ecke der Stube am Boden stand und das mit einer Treffsicherheit die fast hundert Prozent betrug. Sie sah eklig aus die grosse Blechbüchse am Boden und der Behälter mit seiner braunen Sosse stank zum Himmel.
Im ersten Stock des Bauernhauses wohnte eine schrullige Tante mit ihrem Bruder Dölf mit dem ich mich schnell anfreundete. Er war nämlich passionierter Fischer und er nahm mich oft mit wenn er mit dem Fahrrad an die Aare fuhr  um zu fischen. Zum Glück habe ich kurz zuvor zum Geburtstag eine Angelrute bekommen. Von ihm habe ich alle Tricks und Feinheiten gelernt die es braucht um einen Fisch zu fangen. Gut, manchmal haben wir ganze Samstage oder Sonntage damit verbracht um nichts zu fangen. Aber was solls, für mich war es allemal ein Abenteuer und ein Nervenkitzel.

Des öfteren fuhr ich nun auch allein an die Aare um zu fischen. Einerseits hatte mich die Leidenschaft für die Fischerei gepackt und andeseits konne ich danach bei Dölf prahlen mit meinen gemachten und nicht gemachten fiktiven Fischfängen.

Dieses Freizeitvergnügen betreibe ich manchmal heute noch. Nur dass ich die Fische meistens nicht mehr esse sondern wieder frei lasse. Da mein Husky Leo Fische auch liebt darf er ab und zu aber einen fressen, tote Fische mag er nicht.