Die Primarschule

Der Familienrat kam wieder einmal zusammen. Ich war inzwischen fast sieben Jahre alt geworden und ich hatte meine Mutter und meinen Onkel schon vorher tuscheln gehört, dass ich nun in die Schule gehen sollte. Das kam mir irgendwie suspekt vor.

Im Laufe der Familienratssitzung wurde mir geheimnisvoll mitgeteilt, dass ich bald in der Dorfschule die erste Klasse besuchen dürfe. Ich war mir nicht so sicher, ob ich das wollte. Mein Schock hielt sich aber in Grenzen. Im Kindergarten war es mir inzwischen langweilig geworden und zu Hause ebenfalls. Immer die selben Tagesabläufe und die selbe Leier. Ich war ehrlich gesagt irgendwie froh, dass ich endlich in die Schule durfte. Ich sehnte mich nach neuen Abenteuern und wollte viel lernen.

Gotte Lili spendete mir einen schönen Schultornister aus Kuhfell und Onkel Arnold ein Etui mit Gummi, Bleistift und Farbstiften und einem Spitzer sowie eine kleine Schiefertafel mit Griffeln. Es machte mir jetzt schon Freude auf der Schiefertafel herumzukratzen, denn das pfeifende, schaurige Geräusch vertrieb jeden Menschen der sich in meiner näheren Umgebung aufhielt.

Am darauffolgenden Montagnachmittag brachte mich meine Mutter also in die alte Dorfschule, wo mir in einem Klassenzimmer im ersten Stock sogleich ein Platz zugewiesen wurde. Auf der rechten Seite sassen die Buben, auf der linken Seite durften die Mädchen Platz nehmen. Es war eigentlich mein erster Kontakt mit gleichaltrigen Damen. Bisher hatte ich kaum bemerkt dass es zweierlei Sorten von Leuten gab. Aber nun schielte ich umso angestrengter auf die linke Seite und was ich sah, liess mein Herz höher schlagen. Schule ..... ich komme.

Meine Träumereien wurden jäh unterbrochen, als der Lehrer zwei Bücher vor mir aufs Pult knallte. Lesen, Rechnen, sagte er und war schon weiter gehastet. Es gab noch eine Orientierung für die Begleitpersonen, sprich Mütter und Väter. Als die Uhr in der Schulstube drei Uhr zeigte war alles vorbei und wir durften nach Hause gehen.

Eine Woche später begann der Ernst des Lebens. Um acht Uhr morgens hängte man mir das Vespertäschchen um den Hals. Inhalt: ein Butterbrot und ein Apfel. Da ich die Zahlen schon kannte war es einfach für mich mein Schulzimmer zu finden. Ich setzte mich in meine zugewiesene Schulbank, klappte den Deckel herunter und harrte der Dinge die da kamen. Neben mir auf der Bank nahm ein weiteres Opfer Platz. Sein Name war Erwin.

Der Lehrer, sein Name war Herr Steiner, hielt eine kurze Ansprache. Er ermahnte uns immer pünktlich zu sein. Wir schauten zusammen die erste Seite des Lesebuchs und des Rechenbuchs an, dann gab es noch eine Geschichte zum Abschluss und nach zwei Stunden durften wir die Schule wieder verlassen. Das war also der Anfang meiner Schulzeit. Gar nicht so übel, falls es so weiter geht.

Es ging eigentlich so weiter, ausser wenn jemand zu spät in die Schule kam. Dann wurde man empfindlich bestraft. Der Lehrer hatte einen Meerrohrstock. Man musste vor die Klasse treten, die Hand ausstrecken und der Lehrer schlug mit seinem Rohr kräftig auf die Innenfläche der Hand und das tat verdammt weh. Zu dieser Zeit waren die Lehrer alle Sadisten.

Ich gewöhnte mich schnell an meine Schulkameraden und meistens zogen wir nach Schulschluss in kleinen Gruppen nach Hause. Der Weg führte an einem Bauernhof vorbei, wo ein aufsässiger Hahn uns jedesmal auflauerte, uns nachrannte und uns zu picken versuchte. So rannten wir eben auch und zwar schneller als der Hahn. Oft pilgerte ich mit der Tochter unseres Lehrers nach Hause. Sie war hübsch und wir plapperten vor uns dahin bis sich unsere Wege im Dorf sich trennten. Ich hatte zwar ein loses Maul aber ich war extrem scheu, besonders den Mädchen gegenüber und so fand ich auch nie eine wirkliche Freundin. Mein Problem war, dass mir fast alle gefielen. Da hatten meine Kollegen mit dem kleinen Hirn, den grossen Muskeln und der grossen Klappe mehr Glück. Sie redeten dummes Zeug daher, aber die Mädchen hörten scheinbar entzückt zu und verdrehten die Augen. Jedes Mal wenn ich einem hübschen Mädchen begegnete war ich so verwirrt, dass ich keinen Ton mehr heraus brachte und so sollte es auch in nächster Zukunft bleiben.

So lief meine Schulzeit dahin. Schule, Frühlingsferien, Sommerferien, Winterferien und wieder Schule. Nach einem Jahr wurden die Schiefertafeln abgeschafft und es gab Bleistifte und Farbstifte. Viele Eltern hatten genug von dem Gekratze und machten einen Aufstand, worauf das Thema Schiefertafel ein für allemal erledigt war.

Nach dem dritten Schuljahr musste ich von meinem alten Schulhaus Abschied nehmen. Das neue Schulhaus lag nur einen Steinwurf von meinem Zuhause entfernt, das kam mir sehr entgegen.

Es gab von nun an einige Neuerungen. Wir hatten zwar einen Klassenlehrer aber es gab für jedes Fach einen anderen Lehrer und die Klasse wurde, da sie zu gross geworden war, in eine A-Klasse und eine B-Klasse geteilt. Ich kam in die A-Klasse. Mit dem Lernen hatte ich keine Probleme da ich zu den drei besten Schülern gehörte. Das machte mich aber wiederum nicht besonders beliebt und es gab viele Neider. Die Dummis hatten zwar ein Spatzenhirn aber dafür waren sie umso mehr Muskeln gesegnet, was ich oft am eigenen Leib erfahren musste. Die Lehrer waren eigentlich in Ordnung...... bis auf einen. Er hiess Stampfli und hatte die Angewohnheit bei Klassenarbeiten durch die Sitzreihen zu pilgern, um mit seinen Fingerknöcheln Kopfnüsse zu verteilen. Dass er auch Turnlehrer war, war mein Pech, denn als mir in der Turnhalle eine Uebung an der Reckstange nicht gelang, wohlgemerkt ich war ein lausiger Turner, warf er mit seinem Schlüsselbund nach mir. Selbiger traf mich aus grösserer Entfernung direkt am Kopf. Es herrschten harte Sitten an dieser Dorfschule. Es kam nicht selten vor, dass in der Pause auf dem Pausenplatz eine Schlacht zwischen der A-Klasse und der B-Klasse entbrannte. Die Teilnehmer waren in der Wahl der Waffen nicht zimperlich und bedienten sich beim Holzstapel mit grossen Scheiten, mit denen sie auf einander eindroschen. Meistens war am Ende Pflaster und Verbandstoff gefragt. Die Pausenaufsicht war oft im Lehrerzimmer beim Kaffee trinken anstatt auf die Schüler aufzupassen.

Zu Hause nahm alles seinen gewohnten Lauf ausser, dass ich die Idee hatte Klavier spielen zu wollen. Meine Mutter wollte mir unbedingt eine Geige verpassen. Wahrscheinlich weil dieses Instrument billiger war. Aber ich drohte ihr selbige zu verbrennen, falls ich dazu gezwungen werden sollte auf dieser herumzukratzen. Nach langen Verhandlungen gab meine Mutter das Projekt mit der Geige auf und besorgte ein gebrauchtes Klavier. Ich hatte wieder ein Ziel erreicht....... nur spielen konnte ich nicht. Ein Klavierlehrer musste also her. Er musste gut sein und er musste billig sein. Wenigstens das mit dem „billig“ funktionierte. Er war ein alter Knochen namens Steinmann und trieb sich in der katholischen Kirche als Organist herum. Er spielte gegen Entgelt ganz leidlich an Beerdigungen, Hochzeiten und Sonntagsmessen. Als Klavierlehrer war er nicht zu gebrauchen, das fand ich wenigstens. Er spielte mir etwas vor auf meinem Klavier und ich hätte es nachspielen sollen.......was ich natürlich nicht konnte und die ganze Sache verleidete mir schnell. Ich klagte mein Leid der Mutter und diesmal begriff sie meine Argumente und feuerte den Lehrer. Wie Donald Trump heute sagen würde „ YOU ARE FIRED“.

      Auf Anraten meiner Tante pilgerten wir am darauffolgenden Samstag nach Olten ins Musikaliengeschäft und fragten nach der Besitzerin. Frau Dettwiler, so hiess sie, kam aus ihrem Büro und meine Mutter klagte ihr Leid. Nach einigem hin und her versprach sie mich zu unterrichten. Sie hatte Musik studiert, war ausgebildete Klavierlehrerin und eine Organistin der Spitzenklasse, die man ab und zu auch am Radio hören konnte. Ihr Haus lag am Dürrenberg wo die weniger Armen wohnten. Jeden Dienstag fuhr ich mit dem Fahrrad zu ihr um ihre Lektionen über mich ergehen zu lassen. Sie war nicht böse aber extrem streng und liess mir nichts durchgehen. Wenn ich nicht genug geübt hatte, rastete sie gerne mal aus und haute mir auf die Finger. Aber sie brachte mir bei wie man richtig Klavier spielt. Sehr langsam aber stetig wurde ich besser und besser. Der einstweilige Höhepunkt meiner Musikerlaufbahn war das Examensfest am Ende meiner Schulzeit. Mein Freund und ich gaben ein Konzert bei der Abschlussfeier. Er kratzte auf seiner Geige und ich drosch auf den armen Flügel ein in der Turnhalle. Wir spielten nicht immer ganz synchron aber wenigstens das Ende der Darbietung erreichten wir einigermassen gleichzeitig.

Ich schaffte eine Klasse nach der anderen ohne grosse Schwierigkeiten. Meine Zeugnisse waren gut. Ausgenommen in Singen und Religion. Singen konnte ich wohl schon aber vorsingen war ein Problem. Wenn ich vorsingen sollte, stopfte mir irgendein böser Teufel einen Stein in den Hals und ich brachte keinen Ton heraus. Zumal dann noch die ganze Klasse auf mich schaute und hämisch auf mein Gekrächze wartete. So fühlte ich es wenigstens.

Später beim Militär konnte ich dann schon singen und das tönte etwa so:

     „ Kastriert die Offiziere, kastriert die Offiziere,

        kastriert die Offiziere mit dem Essbesteck,

        denn sie kommt schon, sie kommt schon die Revolution,

        sie kommt schon, sie kommt schon die Revolution “

Für den Religionsunterricht wurde ich mit schlechten Noten bestraft, weil ich oft die Schulmesse schwänzte. Ich war kein Frühaufsteher und sieben Uhr am Morgen war früh ...... sehr früh .....zu früh.

Wie dem auch sei, mit dem Ende der sechsten Schulklasse begann für mich ein neues zweifelhaftes Kapitel. Ich befand mich an einer geistigen Weggabelung. Nun war die Frage in welche Richtung es weiter geht.